Kaum ist die Covid-19-Pandemie aus dem öffentlichen Gedächtnis endgültig so gut wie verschwunden, titelte der Economist Mitte Juli: »Die Ebola-Epidemie gerät außer Kontrolle«. Der stellvertretende Leiter des Welternährungsprogramms WFP, Carl Skau, bezeichnete die Verbreitung des Ebola-Fiebers in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) als den »am schnellsten wachsenden Ebola-Ausbruch aller Zeiten«. Die Zahl der Infizierten steigt Julien Harneis, dem UN-Ebola-Koordinator, zufolge exponentiell an: Alle zwanzig Tage komme es zu einer Verdoppelung. Das Wachstum sei weitaus schneller als der Ausbau der Hilfsmaßnahmen.

Bislang sind mehr als 2.100 Menschen verstorben. Die beschwichtigende Ergänzung, es handele sich »nur« um Alte und Vorerkrankte, wie man sie während der Covid-19-Pandemie hörte, erübrigt sich bei Ebola: Die größte Opfergruppe sind jüngere Erwachsene. Zum Vergleich: Bei der bislang schwersten Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 bis 2016 dauerte es Skau zufolge etwa acht Monate, bis 1.000 Todesfälle registriert waren. Insgesamt hatten sich knapp 29.000 Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als 11.000 starben daran.

Vorkapitalistische Versorgungs- und Wirtschaftssysteme hätten wohl kaum eine Dynamik entfalten können, die die eigenen Grundlagen im Weltmaßstab zu vernichten droht.

Aber woher rührt diese beängstigende Dynamik? Für die Bundibugyo-Variante des Ebola-Virus, die in der DRK wütet, gibt es bislang weder einen zugelassenen Impfstoff noch zugelassene Antikörpertherapien. Die Gesundheitslage dort ist ohnehin schlecht: In der Region sind Malaria, Masern, Cholera und Mpox verbreitet, Mangel- und Unterernährung gehören zur Normalität. Bewaffnete Gruppen wie die Allied Democratic Forces (ADF), die mit dem »Islamischen Staat« verbunden sind, haben ihre Angriffe in der vom jüngsten Ebola-Ausbruch hauptsächlich betroffenen Region Ituri verstärkt, was die Gesundheitsversorgung und die Nachverfolgung von Kontaktpersonen erschwert. Hinzu kommen Streiks der – ohnehin hochgefährdeten – medizinischen Einsatzteams, die auf ihre Gehälter warten.

Die Kürzungen der internationaler Gesundheits- und Entwicklungshilfe sowie die drastische Verringerung der US-amerikanischen Hilfsgelder durch die Regierung Trump verschärfen die Lage. Doch den Ausbruch darauf zurückzuführen, hieße, wie beispielsweise der marxistische US-Evolutionsbiologe Rob Wallace anmerkt, die Fehler bei der Berichterstattung vergangener Epidemien zu wiederholen. Die Konzentration auf unmittelbare strukturelle Ursachen wie Krieg, Armut und ein schwaches Gesundheitssystem mache die systemischen Ursachen vergessen.

 Kapitalismus produziert Epidemien und Pandemien 

Autoren wie Wallace oder Mike Davis haben argumentiert, dass der Kapitalismus Epidemien und Pandemien selbst produziert, und wehren sich somit gegen den Mythos einer bloßen Natur­katastrophe. Zu den Entstehungsbedingungen gehören demnach die hohen Tierdichten und die genetische Homogenität von Nutztierpopulationen in den Zucht- und Molkerei-Industrieanlagen, die Entwaldung traditioneller Wildtierhabitate, das Leerfischen der westafrikanischen Küstenregionen durch europäische und chinesische Konzerne, das dazu beiträgt, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, Wildtierfleisch zu essen, die Unmöglichkeit im Kapitalismus, bei Pandemiegefahr für längere Zeit gesellschaftlich innezuhalten, Krieg, Vertreibung, und natürlich die Zerstörung lokaler, ökologisch verträglicherer Wirtschaftsweisen zugunsten großagrarischer Monokulturen.

Bei keinem dieser Probleme ist in naher Zukunft eine Verbesserung zu erwarten. Rob Wallace und der mathematische Epidemiologe Rodrick Wallace haben die systemische Dimension anhand des Ebola-Ausbruchs vor etwa zehn Jahren in ihrem Buch »Neoliberal Ebola« untersucht. Sie argumentieren, dass die Barrieren in den »ökologischen Beziehungen, die der Wald den Populationen auferlegt« – also im Grunde zufallsbedingte Hindernisse für Krankheitserreger –, durch die Neoliberalisierung der lokalen Ökonomien zusehends niedergerissen werden: Abholzung, Bergbau und Intensivierung der Landwirtschaft schaffen die Bedingungen, unter denen Spillover-Ereignisse wahrscheinlicher werden, bei denen tödliche Viren von Tieren auf den Menschen überspringen.

Immer öfter wird auch der Einfluss der Erderwärmung diskutiert. Eine Studie im Fachmagazin PLOS Neglected Tropical Diseases aus dem Vorjahr fand einen Zusammenhang zwischen der ökologischen Anpassungsfähigkeit des Ebola-Virus und höheren Wintertemperaturen sowie höheren Jahresniederschlägen – in Zentral- und Ostafrika Folgen der Klimaveränderung.

Die Covid-19-Pandemie ab 2020 hatte nicht nur höchst­wahrschein­lich Einfluss auf die Dynamik der Erdaufheizung, sondern erhöhte auch die Wahrscheinlichkeit neuer Pandemien.

Vorkapitalistische Versorgungs- und Wirtschaftssysteme hätten wohl kaum eine Dynamik entfalten können, die die eigenen Grundlagen im Weltmaßstab zu vernichten droht: Ohne insti­tutionalisierte, selbstzweckhafte Konkurrenz, die die Welt zum bloßen Stoff des Wachstumszwangs macht, kein »Riss im Stoffwechsel«, wie Marx den Schaden beschrieben hat, den der ­Kapitalismus den ökologischen Kreisläufen zwischen Mensch und Natur ­zufügt.

Wechselseitige Einflüsse von Pandemien, Umweltverschmutzung und Klimawandel

Pandemien und durch den Klimawandel verursachte Katastrophen teilen aber nicht nur ihren systemischen Ursprung, sondern wirken auch auf­einander ein. Die Covid-19-Pandemie hatte in ihrem ersten Jahr, 2020, durch eingeschränkten Reiseverkehr und wirtschaftlichen Stillstand nicht bloß den Effekt, die CO2-Emissionen kurzfristig zu senken. Längst wird der Begriff des emis­sions rebound diskutiert: 2021 hatten sich die weltweiten fossilen Treibhausgasemissionen nach dem Hochfahren der Wirtschaft bereits wieder auf das Niveau von 2019 »erholt«. Seit 2023 werden wieder jährlich neue Rekorde erreicht – auch bei der atmosphärischen CO2-Konzentration. Ebenso verzögerte die politische Reaktion auf die Pandemie verschiedene Klimaschutzmaßnahmen.

Für südamerikanische Länder ist anhand des Beispiels Peru erforscht, dass die Abholzung der Wälder erheblich zunahm – durch geringere Umweltaufsicht ab 2020, durch Ausweitung des illegalen Bergbaus und der Kokaplantagen sowie durch Landflucht der ­verarmten Stadtbevölkerung, deren informelle Jobs während der Pandemiemaßnahmen wegfielen. Hinzu kommt die Vermehrung des Plastikmülls, vor allem aufgrund des höheren Bedarfs an Einwegplastik im Zuge der Pandemie. Mikroplastik in Meeren und Seen hat eine neue ökologische Nische für Mikroorganismen geschaffen, die mittlerweile »Plastisphäre« getauft wurde.

Studien deuten darauf hin, dass dieses neuartige Milieu als Reservoir und Knotenpunkt für das Fortbestehen und die Verbreitung von humanpathogenen Erregern und Bakterien mit ­antimikrobiellen Resistenzen fungiert, ganz abgesehen vom schädlichen Einfluss von Mikroplastik auf die Immunsysteme von Tieren und Menschen. Die Pandemie ab 2020 beeinflusste somit nicht nur die Dynamik der Erder­hitzung, sondern erhöhte auch die Wahrscheinlichkeit neuer Pandemien. Die Aussicht auf solche verschränkten Effekte, die sich wechselseitig verstärken, dämpft die Hoffnung, mit privaten Maßnahmen wie dem Verzicht auf zumindest eine Flugreise pro Jahr der Katastrophe entgegenzuwirken.

Eine Studie im Fachmagazin Nature Climate Change kommt zu dem Schluss, dass Klimaveränderungen die Ausbreitung von mehr als der Hälfte der untersuchten Humanpathogene begünstigt hatten

Das Global Preparedness Monitoring Board der Weltgesundheitsorganisa­tion WHO hält in einem Bericht vom Mai fest, dass lokale und globale Krankheitsausbrüche künftig häufiger auftreten und sich verheerender auswirken werden. Ein wichtiger Treiber ist demnach die Erderwärmung. Eine Studie im Fachmagazin Nature Climate Change kommt zu dem Schluss, dass Klimaveränderungen die Ausbreitung von mehr als der Hälfte der untersuchten Humanpathogene begünstigt hatten. Es besteht außerdem Grund zur Sorge, dass seit Zehntausenden von Jahren im sibirischen Permafrost gefangene Erreger, gegen die noch keine Immunität besteht, durch das Auftauen freigesetzt werden könnten.

Bestimmte Umweltveränderungen begünstigen die Verbreitung von Infektionsüberträgern wie Mücken, Nagetieren und Zecken. In Frankreich und Italien kommt es durch den Stich der Tigermücke vermehrt zu Infektionen mit Dengue- und Chikungunyafieber. Paraguay sah sich 2023 mit dem bis ­dahin größten Chikungunya-Ausbruch konfrontiert – knapp 140.000 Fälle. Ebenso sind sowohl Flut- als auch Dürrekatastrophen ein wichtiger Risiko­faktor. Im Zuge der desaströsen weitflächigen Überflutungen in Pakistan im Jahr 2022 trat eine tödliche Cholera-Epidemie auf. Der dort vorherrschende Bakterienstamm führte ein Jahr später zur tödlichsten Cholera-Epidemie in der Geschichte Malawis.

In einem »call for action« im Fachmagazin Lancet heißt es zusammenfassend: Zu den Auswirkungen der Erderhitzung, die eine Ausbreitung von Krankheiten begünstigen, gehören »Veränderungen der Biodiversität, die Verlagerung von Arten in geeignetere Lebensräume, Störungen der Nahrungsnetze, veränderte saisonaler Lebenszyklen bei Pflanzen, Vektoren und Tieren sowie die Anpassung von Tierhaltungssystemen an den Klimawandel«.

Hinzu kommen ideologische Komponenten. Das Vertrauen in Gesundheitsinstitutionen und wissenschaftliche Expertise ist seit der Pandemie in vielen Ländern gesunken. Der derzeitige Aufschwung von Verschwörungstheorien erschwert eine umfassende gesellschaftliche Vorbereitung auf kommende Krisen. Und schließlich erkennt der neue alte Sozialdarwinismus die Opfer von eigentlich zu verhindernden Krankheiten nicht mehr als schützenswert an. Kein sogenannter Green New Deal und kein Pandemieabkommen der WHO (Jungle World 26/2024) werden dagegen viel bewirken können.