„Mora Mora“ gehört zu den großen Linien des Tsaranoro
Das Tsaranoro-Massiv im Süden Madagaskars ist für seine großen Granitwände und langen Kletterrouten bekannt. Eine der prominentesten Linien ist „Mora Mora“ (8b) am Tsaranoro Atsimo. Die rund 700 Meter hohe Route wurde 1999 von Francisco Blanco und Toti Valés eingerichtet. 2010 gelang Adam Ondra die erste freie Begehung.
Die Route folgt über zwölf Seillängen der markanten Granitwand. Nach Angaben von Edelrid wollten Daniel Gebel und Dörte Pietron bei ihrem Besuch in Madagaskar zunächst die klassische Linie klettern. Vor Ort habe sich jedoch gezeigt, dass zahlreiche Bohrhaken stark korrodiert gewesen seien. Eine Begehung sei deshalb aus Sicht des Teams nicht mehr vertretbar gewesen.
Statt weiterzuklettern, wurde die Route saniert
Gebel und Pietron entschieden sich, die Begehung zunächst zurückzustellen und die Route zu sanieren. Gemeinsam mit einem internationalen Team wurde dafür umfangreiches Material nach Madagaskar gebracht.
Das neue Material wird sortiert.
© Jan Novak
Rund 120 kg Bohr- und Sanierungsmaterial, 150 neue Klebehaken und 800 Meter Statikseil wurden dafür verwendet. Die Arbeiten fanden demnach über mehrere Tage statt. Dazu gehörten der Zugang zur Wand, der Aufbau einer Seilbrücke zwischen zwei Gipfeln und der Abstieg in die rund 700 Meter hohe Wand.
Ziel war eine möglichst originalgetreue Sanierung
Bei einer Routensanierung stellt sich immer die Frage, wie stark eine bestehende Linie verändert werden darf. Gerade bei historischen Kletterrouten geht es nicht allein darum, möglichst viele neue Sicherungspunkte anzubringen. Das Team orientierte sich deshalb an der ursprünglichen Absicherung. Die Zahl der Sicherungspunkte sollte weitgehend erhalten bleiben. Alte Haken wurden entfernt, die Bohrlöcher anschließend verschlossen und neue Sicherungspunkte möglichst unauffällig gesetzt.
Die neuen Bohrhaken wurden in enger Absprache mit den Erstbegehern gesetzt.
© Jan Novak
Eine besondere Schwierigkeit waren demnach „Removable Bolts“, die bei der Erstbegehung verwendet worden waren und heute nicht mehr erhältlich sind. Die Sanierung habe deshalb in enger Abstimmung mit Erstbegehern und Wiederholern stattgefunden. Removable Bolts (RBs) sind temporäre Sicherungspunkte: Sie werden in ein gebohrtes Loch eingesetzt, können nach der Erschließung aber wieder entfernt werden. So lässt sich eine Route absichern, ohne an jeder Stelle einen permanenten Bohrhaken zu setzen.
Erst nach der Sanierung ging es wieder ans Klettern
Nachdem die Arbeiten abgeschlossen und das gesamte Material aus der Wand entfernt worden war, blieb dem Team nur noch wenig Zeit für die eigentliche Begehung. Dörte Pietron habe anschließend alle Seillängen im ersten Versuch frei klettern können, einschließlich der schwierigen Schlüssellänge.
Nach der Arbeit das Vergnügen: Dörte Pietron in der sanierten Tour.
© Jan Novak
Korrosion ist bei alten Bohrhaken ein ernstes Problem
Korrodierte Bohrhaken sind gerade in entlegenen Klettergebieten und in Meeresnähe ein langfristiges Problem. Galvanische Korrosion (Kontakt- oder Bimetallkorrosion) entsteht, wenn Bauteile aus unterschiedlichen Metallen, z. B. verzinkter Stahl und Edelstahl, miteinander verbaut sind. Gelangt Feuchtigkeit ins System, entsteht ein elektrochemischer Prozess, bei dem das unedlere Metall (meist der verzinkte Stahl) mit der Zeit stark angegriffen wird.
Das Problem: Von außen können Bohrhaken oft noch gut aussehen, während der Schaft im Bohrloch bereits erheblich geschwächt ist. Dadurch sinkt die Bruchlast und es kann ein ernstes Sicherheitsrisiko entstehen.
Altes korrodiertes Material in der Tour.
© Jan Novak
Besonders betroffen sind:
Verzinkte Bohrhaken mit Edelstahl-Laschen
Umlenker und Kettenstände mit gemischten Metallen
Rapidglieder oder Schraubglieder aus verzinktem Stahl in Edelstahl-Laschen (und umgekehrt)
Achtung: Korrosion ist vor allem in feuchten, warmen oder salzhaltigen Umgebungen stärker ausgeprägt.
Zwischen zwei Gipfeln musste zum Materialtransport eine Seilbrücke eingerichtet werden.
© Jan Novak
Stark rostende oder auffällig alte Haken kritisch betrachten.
Mischkonstruktionen aus verzinktem Stahl und Edelstahl möglichst vermeiden.
Fehlende Laschen nicht einfach mit beliebigen Ersatzteilen ergänzen.
Bei sanierten oder neu eingerichteten Klettergärten auf durchgängige Edelstahl-Ausrüstung achten.
Sanieren ist Teil der Klettergeschichte
Eine neue Route zu eröffnen, ist sichtbar: Die Erstbegehung bringt Aufmerksamkeit, Bilder und sportliche Anerkennung. Die Erneuerung einer bestehenden Route findet dagegen meist weitgehend unbemerkt statt.
Gerade bei alten Bohrhaken kann die Sanierung aber darüber entscheiden, ob eine Route weiterhin genutzt werden kann. „Mora Mora“ zeigt damit auch eine weniger spektakuläre Seite des Klettersports. Eine Route ist nicht dauerhaft sicher, nur weil sie einmal eingerichtet wurde. Bohrhaken altern, Materialien korrodieren und Sicherungssysteme müssen unter Umständen Jahrzehnte später erneuert werden.
Bei einer Sanierung bleibt zudem die Frage, wie viel vom ursprünglichen Charakter einer Route erhalten werden soll. Im Fall von „Mora Mora“ sollte nach Angaben des Teams nicht aus einer historisch gewachsenen, anspruchsvoll abgesicherten Linie eine deutlich stärker abgesicherte Sportkletterroute werden und der Orginal-Charakter beibehalten werden.
Topo der Tour „Mora Mora“ (8b)
© Jan Novak
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