Die neuesten Zahlen zum Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo sind alarmierend. Nach dem aktuellen Bulletin der Weltgesundheitsorganisation WHO breitet sich der Erreger schneller aus als bei jeder anderen der bislang 28 dokumentierten Epidemien mit dem Virus.

Hermann Feldmeier ist Arzt für Mikrobiologie, Infektionsepidemiologie und Tropenmedizin. Er lehrt und forscht an der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Innerhalb von drei Monaten erkrankten bereits 4665 Menschen, 2184 starben einen meist qualvollen Tod – eine Sterberate von 47 Prozent. Mittlerweile hat sich das Virus, ausgehend von der Ituri-Provinz im äußersten Nordosten des Landes, in weiteren fünf Provinzen festgesetzt: Nord-Kivu, Süd-Kivu, Ober-Uélé, Unter-Uélé und Tshopo.
Bis zu 10.000 neue Fälle bis September?
Nach einer Modellrechnung des WHO Regional Office für Afrika in Brazzaville sind bis Ende September zwischen 7000 und 10.000 Neuerkrankungen zu erwarten. Experten befürchten, dass die Epidemie über kurz oder lang auch auf die Nachbarländer Südsudan und Uganda überspringt. In Einzelfällen könnte der Erreger über infizierte, aber noch nicht erkrankte Reisende nach Europa gelangen.
Tagebuch aus dem Ebola-Einsatz Dieser Arzt kämpfte gegen eine der tödlichsten Seuchen der Welt
Am 15. Mai, vor rund 100 Tagen, hatte das kongolesische Gesundheitsministerium die Weltöffentlichkeit erstmals über den Ebola-Ausbruch im Nordosten des Landes informiert. Doch schon Monate vorher hatte sich das Virus – ähnlich einem unbemerkten Buschfeuer – in der Provinz Ituri bereits etabliert. Zu dieser Schlussfolgerung kommt eine Gruppe von kongolesischen Anthropologen, Soziologen und Epidemiologen, deren Beobachtungen kürzlich im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht wurden.
Das Bundibugyo-Virus traf auf eine durch 30 Jahre Vernachlässigung, Gewalt, Krieg, Unsicherheit und Ausbeutung traumatisierte Bevölkerung.
Amuda Baba, Panafrikanisches Institut für Gemeindegesundheit und Tropenmedizin, Bunia, Ituri, Demokratische Republik Kongo
Die Forschenden interviewten 97 Personen, in deren Haushalt Ende Januar mindestens zwei Angehörige an Symptomen verstorben waren, die auf Ebola hindeuteten. Parallel dazu überprüften sie WhatsApp-Nachrichten und in den sozialen Medien gepostete Fotos von Beerdigungen sowie Notizen von Mitarbeitern der peripheren Gesundheitsversorgung.
Dabei identifizierten sie rund 500 Personen, die teils schon Mitte Januar mit großer Wahrscheinlichkeit an einem hämorrhagischen Fieber erkrankt waren und von denen etwa die Hälfte starb, ohne dass das öffentliche Gesundheitswesen davon Kenntnis bekam. Unter den Toten waren Krankenschwestern, Hebammen und Mitarbeiter des kongolesischen Roten Kreuzes. Alle Krankheitsfälle traten in der kleinen Stadt Mongbwalu auf, die etwa 50 Kilometer von der Provinzhauptstadt Bunia entfernt liegt, und in der seit Jahren in großem Stil Gold abgebaut wird.
Erste Fälle wohl schon im Januar
Durch personalisierte Interviews konnten die Wissenschaftler mehrere parallel verlaufende Infektionsketten identifizieren. Eine dieser Infektketten begann mit einer 50-jährigen Frau aus Mongbwalu, die am 25. Januar an starken inneren und äußeren Blutungen verstarb. Ihre Mutter verschied sechs Tage später, ein Neffe am 11. Februar. Die Toten wurden traditionell beerdigt, womit rituelles Waschen und damit Berührungen der Leichen einhergehen. Wenige Tage nach den Beerdigungen erkrankten mehrere Trauergäste, darunter ein Pastor, und verstarben nach kurzer Zeit.
Die Wissenschaftler vermuten, dass der Indexfall – der erste infizierte Patient des aktuellen Ausbruchs – eine Person gewesen sein könnte, die ein mit dem Ebolavirus infiziertes Waldtier, vermutlich einen Affen, getötet und als „Bushmeat“ an die Minenarbeiter in Mongbwalu verkauft hatte.
Mit Desinfektionsmitteln versuchen sich Mitarbeiter des Gesundheitswesens der Demokratischen Republik Kongo in Bunia vor dem Ebolavirus zu schützen, nachdem sie an einer Beerdigung eines dreijährigen Kindes teilgenommen hatten, das an dem Virus gestorben war.
© dpa/Dieudonne Dirole
Doch warum dauerte es fast fünf Monate, bis das Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Kinshasa auf die mysteriösen Todesfälle aufmerksam wurde und der Ausbruch an die Weltgesundheitsorganisation gemeldet wurde? Und warum breitet sich die Bundibugyo-Ebola-Variante quasi unkontrolliert aus, obwohl seit Anfang Juni internationale Teams die lokalen Kräfte unterstützen?
Komplexes Netzwerk von Ursachen
Nach Ansicht der Virologin Nancy Sullivan von der Boston University gibt es darauf keine einfache Antwort, vielmehr sei ein vielschichtiges Ursachennetzwerk verantwortlich, in dem zahlreiche Faktoren miteinander verzahnt seien, schreibt sie im „New England Journal of Medicine“.
Ituri, das Epizentrum des aktuellen Ausbruchs, ist eine von 26 Provinzen der Demokratischen Republik Kongo mit einer Einwohnerzahl von etwa 4,5 Millionen. Es gibt große Goldvorkommen, die in zumeist illegalen Minen abgebaut werden. Dutzende rivalisierende bewaffnete Banden schaffen das Gold außer Landes und drangsalieren die Bevölkerung, darunter die von Ruanda gesteuerten M23-Rebellen, die für alle Arten von Gräueltaten bis hin zu extremer sexueller Gewalt berüchtigt sind.
Rund ein Drittel der Bevölkerung ist auf der Flucht oder notdürftig in Camps untergebracht. Die Hälfte der 36 Gesundheitsdistrikte von Ituri wird von der Provinzregierung als gefährlich eingestuft. Diese Gebiete dürfen von medizinischem Personal nur in Begleitung des kongolesischen Militärs aufgesucht werden. Das schürt Misstrauen bei der Bevölkerung, die Uniformträger mit Banditen gleichsetzt, die ihr die Lebensmittel stehlen. Die vorhandenen Lebensmittel reichen meist nur für wenige Tage, und selbst kleine Kinder bekommen nur eine Mahlzeit am Tag. Die existenziellen Probleme drängen Fragen der Gesundheit in den Hintergrund.
Anfangs malariaähnliche Symptome
Eine gerade im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie zeigt, dass die Bundibugyo-Ebola-Variante in den ersten Krankheitstagen Symptome hervorruft, die denen von im Kongo häufigen Infektionskrankheiten wie Malaria, Affenpocken, Cholera oder Masern ähnlich sind. Die Erkrankten in den Goldminen dachten vermutlich, dass sie sich mit einem ihnen bekannten Erreger infiziert hätten. Sie suchten deshalb kein Krankenhaus auf, sondern gingen weiter ihrer Arbeit in den Minen nach.
Das öffentliche Gesundheitssystem im Osten des Kongo ist seit Jahrzehnten defizitär und hängt am Tropf ausländischer Entwicklungshilfe, etwa von der US-Agentur für internationale Zusammenarbeit, USAID. Experten schätzen, dass zwischen 50 und 70 Prozent der Kosten für Gesundheitsversorgung von USAID gedeckt wurden. Mit der Auflösung von USAID durch die Trump-Regierung musste ein großer Teil des Personals entlassen werden. Essenzielle Gesundheitsdienstleistungen wurden eingeschränkt und Gesundheitseinrichtungen in den Provinzen geschlossen. Programme zur Behandlung von Menschen mit HIV und/oder Tuberkulose wurden von heute auf morgen beendet und die Patienten ohne Versorgung zurückgelassen.
Eine Ursache: Fehlende USAID-Mittel
Die fehlende finanzielle Unterstützung durch USAID führte zu Engpässen bei antiviralen, antiparasitären und anderen lebenswichtigen Medikamenten, etwa gegen Malaria. Wie der Ausbruch der Affenpocken in der Nachbarprovinz Nord-Kivu gezeigt hat, fehlt Laborkapazität, um frühzeitig zu erkennen, ob Krankheitsausbrüche durch Viren bedingt sind und Maßnahmen zur Eindämmung einer Epidemie ergriffen werden müssen. Mitarbeiter der Gesundheitsteams, die Tag für Tag ihr Leben bei der Identifizierung und Behandlung von Ebola-Patienten riskieren, erhalten seit Wochen kein Gehalt mehr, weil die Trump-Administration den Geldhahn zugedreht hat. Sie sind dementsprechend demotiviert oder gezwungen, ihren Lebensunterhalt anderweitig zu verdienen.
Nur drei Jahre alt wurde ein Mädchen, bevor es an Ebola starb und in Bunia in der Provinz Ituri im Osten der Demokratischen Republik Kongo beerdigt wurde.
© dpa/Dieudonne Dirole
Analysen früherer Ebola-Epidemien haben gezeigt, dass traditionelle Beerdigungspraktiken, die das Berühren und Waschen des Verstorbenen beinhalten und an denen – je nach Bekanntheitsgrad des Verstorbenen – Dutzende von Personen teilnehmen, zu einem Superspreading-Ereignis werden können. Doch ein behördliches Verbot dieser Praktiken lässt sich nicht durchsetzen. Die Menschen in Ituri leisteten aktiv Widerstand dagegen und verweigerten die Herausgabe ihrer verstorbenen Angehörigen und die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitspersonal. Dies wiederum erschwerte die Identifizierung und Überwachung von Kontaktpersonen Infizierter und führte zu einem quasi exponentiellen Anstieg der Krankheitszahlen in den ersten Epidemiewochen.
Die Folge: Nur in 43 Prozent der 321 Erkrankungsfälle, die zwischen dem 14. Mai und dem 31. Mai bekannt wurden, gelang es, Kontaktpersonen des Patienten bzw. des Verstorbenen zu ermitteln. Infektionsketten konnten deshalb nicht nachverfolgt werden, und das Infektionskarussell drehte sich immer schneller: Vom infizierten Patienten wird das Virus auf Familienangehörige oder Pflegepersonal übertragen, die selbst zu Patienten werden und dann ihre Angehörigen und Pflegenden anstecken. Und so weiter.
Kein Vertrauen in Ärzte und Behörden
Seit Beginn der Epidemie weiß die Bevölkerung, dass es gegen das Bundibugyo-Virus keine wirksame Therapie gibt. Dementsprechend gering ist die Hoffnung, in einem der Behandlungszentren wirksame Hilfe zu bekommen: „Warum sollte ich meine Familie verlassen und mich in einem aus Zelten bestehenden provisorischen Behandlungszentrum einsperren lassen“, zitiert ein Arzt einen Betroffenen, „wenn es keine Garantie gibt, dass ich dort geheilt werde?“ Schlimmer noch: Sie befürchten, sich in einem der Zentren anzustecken, da sich herumgesprochen hat, dass auch Mitarbeiter der medizinischen Teams am Ebola-Fieber erkranken und versterben.
Das Misstrauen gegenüber der stationären Versorgung hat durchaus eine Berechtigung. In den Ebola-Epidemien, die seit 1976 die Bevölkerung des Kongo immer wieder wie biblische Plagen heimsuchten, waren Spitäler zwar nicht der Auslöser eines Ausbruchs. Aber häufig verbreiteten sich die Viren dort schnell, nachdem sie von den ersten hilfesuchenden, aber noch nicht als Ebola-infiziert erkannten Erkrankten dort eingeschleppt worden waren. Sobald die Krankheit dann als Ebola erkannt wurde, verließen viele Patienten in Panik die Kliniken – und verschleppten den Erreger in ihre Familien.
Diese Ängste der Betroffenen erklären auch die Angriffe auf Gesundheitsteams in den ersten sechs Wochen der Epidemie. Berichten zufolge verstecken sich die Einwohner, wenn sich die vermummten Seuchenbekämpfer einem Dorf nähern. In einem Fall wurden Patienten sogar mit Gewalt aus einem Notfallbehandlungszentrum herausgeholt und die aus Zelten bestehende Notklinik in Brand gesteckt.
Auch die aufwändigen Rettungsaktionen erkrankter Europäer oder Amerikaner haben das Vertrauen der Einwohner von Ituri in die Hilfsmaßnahmen nicht verbessert. So war die mediale Aufmerksamkeit für den US-amerikanischen Arzt, der im Mai im Rettungsflieger nach Berlin gebracht und in einer langen Kolonne von Sicherheitsfahrzeugen in die Charité eingeliefert wurde, ungleich größer als für die Bevölkerung von Ituri.
Widerstand gegen Begräbnisverbote
Die Menschen in Ituri unterlaufen die seuchenmedizinischen Maßnahmen, weil sie jeden Glauben an Regierungsinstitutionen und das öffentliche Gesundheitssystem verloren haben, warnen der kongolesische Mediziner Serge Tonen-Wolyec und der französische Arzt Laurent Bélec im „New England Journal of Medicine“. Beide arbeiten seit Langem in Ituri.
Ohne das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitsbehörden und deren Methoden wird sich die Epidemie aber nicht eindämmen lassen. Unter Experten besteht Einvernehmen, dass eine Ebolavirus-Epidemie nur durch ein Bündel miteinander verzahnter Maßnahmen unter Kontrolle gebracht werden kann. Dazu zählt, jeden vermuteten Krankheitsfall mit automatisierten Testverfahren rasch zu bestätigen, die Erkrankten sofort zu isolieren und ihre Kontaktpersonen zu identifizieren und zu überwachen.
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Außerdem bräuchte es geschulte Teams zur Bekämpfung der Epidemie, die mit adäquater Schutzkleidung ausgestattet die Seuchenschutzmaßnahmen vor Ort durchführen können. Diese Maßnahmen müssten über Vertrauenspersonen – Dorfälteste, Lehrer, Pastoren etc. – vermittelt und nicht kommerziellen Medien überlassen werden, wie es in Ituri in den ersten Wochen der Epidemie der Fall war. Keine dieser Voraussetzungen für eine effektive Seuchenbekämpfung sei bisher erfüllt worden, warnt die Virologin Nancy Sullivan in ihrer Analyse im „New England Journal of Medicine“.
„Das Bundibugyo-Virus traf auf eine durch 30 Jahre Vernachlässigung, Gewalt, Krieg, Unsicherheit und Ausbeutung traumatisierte Bevölkerung, die am Rande des Existenzminimums lebt“, fasst Amuda Baba vom Panafrikanischen Institut für Gemeindegesundheit und Tropenmedizin der Ituri-Provinz die Situation zusammen. Nicht allein das Bundibugyo-Virus sei der Grund für das Ausmaß dieser Epidemie, das grundlegende Problem seien die seit Jahren bekannten desolaten Lebensverhältnisse in der Region.