Ein Hamburger Porsche-Händler kaufte einen 993 Turbo ungesehen für einen Umbau. Dann entdeckten seine Mechaniker unter einer späteren Lackierung, was dort fast drei Jahrzehnte verborgen gewesen war: einen der wohl seltensten Porsche 911 seiner Generation.
Benjamin David hatte nach dem Anruf der Kollegen ein ungutes Gefühl. Eigentlich, so erzählt es der Inhaber des Autohauses David Finest Sports Cars, werde er nicht aus der Werkstatt angerufen. Außer bei Katastrophen. Was also wollte ihm Werkstattmeister Jan-Dustin Pohl an dem 1997er Porsche zeigen?
David machte sich auf Schlimmes gefasst: Er tippte auf einen schweren, bisher unbekannten Unfall des Wagens, den er wenige Wochen zuvor von einem befreundeten Zwischenhändler in Süddeutschland gekauft hatte. Das Auto hatte David für ein Veredelungs-Projekt gekauft. Ungesehen. Bei einem „unspektakulären Wagen“, wie er sagt, durchaus üblich. Aus dem olivgelb überlackierten 993er Turbo sollte ein ganz besonderes Fahrzeug werden.
Dass der Motor schon eine Laufleistung von 200.000 Kilometern hat, wäre dabei nicht entscheidend gewesen. Allein die Daten: WLS 2 und 450 PS hätten gereicht, um Interessenten auf den Plan zu rufen. 993er Turbo mit Baujahr 1997 gibt es noch viele auf dem Markt. Aber in der Variante mit Werksleistungssteigerung 2, einem sehr seltenen Motoren-Upgrade direkt von Porsche, sind es nicht viele Fahrzeuge.
Aber ein Unfall – vielleicht noch mit Schäden an der Achse oder dem Dach – hätte den Aufwand für die Herrichtung wohl nahezu unwirtschaftlich gemacht. Und so ging Benjamin David, Schlimmes befürchtend, die Stufen von seinem Büro in den Verkaufsraum des Autohauses hinunter und weiter in die angeschlossene Werkstatt. Doch, was die Kollegen ihm zeigen wollten, war keine Katastrophe, sondern eine Knallfarbe. Unter den Abdeckungen im Innenraum offenbarte der alte Porsche, dass er ursprünglich in Rivierablau ausgeliefert worden war.
Etwas mehr als 5900 Mal wurde der Porsche 993 Turbo gebaut. „In Rivierablau waren es höchstens zehn“, erzählt David. Das Team des Autohauses, das auf Porsche-Old- und Youngtimer spezialisiert ist, wusste gleich, was das heißt: „Wir haben hier etwas Besonderes. So etwas wie eine Blaue Mauritius.“ Die Blaue Mauritius, eine der weltweit bekanntesten Sammler-Briefmarken, zählt laut Wikipedia heute noch 15 Exemplare. Das wären damit deutlich mehr als von dem seltenen Porsche, den David – bisher noch in olivgelb – in seinem Autohaus stehen hat.
Originalität gilt in der Welt der Old- und Youngtimer heute mehr als fast alles andere. Sammler bezahlen nicht nur für Leistung oder Seltenheit, sondern für nachweisbare Geschichte. Für die richtige Fahrgestellnummer. Für den ersten Lack. Für die Ausstattung, mit der ein Auto das Werk verlassen hat. „Originalität schlägt alles“, sagt David.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Porsche. Die Marke aus Zuffenhausen hat über Jahrzehnte Fahrzeuge gebaut, die für viele Sammler inzwischen einen ähnlichen Status genießen wie Kunstwerke oder Uhren. Viele Modelle haben sich zu Anlageobjekten entwickelt. Auktionen erzielen regelmäßig sechs- und siebenstellige Beträge. Selbst Varianten, die vor wenigen Jahren noch als Gebrauchtwagen gehandelt wurden, werden heute von Sammlern rund um den Globus gesucht.
Wer verstehen will, wie aus einem Sportwagen ein Kultobjekt wird, muss sich mit Menschen wie Benjamin David unterhalten. In seinem Autohaus in Wandsbek stehen Fahrzeuge, von denen kaum eins noch einen fünfstelligen Wert hat. Luftgekühlte Elfer, seltene Sondermodelle, restaurierte Klassiker. Viele Kunden kommen nicht nur aus Deutschland. Manche reisen aus den Benelux-Ländern an, andere aus den USA oder von der Arabischen Halbinsel. Immer mehr suchen gezielt nach Fahrzeugen mit außergewöhnlicher Historie. So wie der 993 Turbo.
Je länger David und sein Team sich mit dem Wagen beschäftigten, desto ungewöhnlicher wurde die Geschichte. Eine Anfrage bei Porsche bestätigte nicht nur die ursprüngliche Auslieferungsfarbe: Rivierablau, Farbcode 39E, Paint to Sample, also jene Sonderfarbe, die der erste Käufer eigens bestellt hatte. Aus Stuttgart kam auch die Nachricht, dass Fahrgestellnummer, Motornummer und Getriebenummer noch immer zu genau diesem Wagen gehörten. Fast drei Jahrzehnte und mehrere Besitzer später trug der Porsche die wichtigsten Teile also noch so bei sich, wie er 1997 ausgeliefert worden war.
Für Sammler ist das eine der entscheidenden Auskünfte. Ein alter Sportwagen kann vieles überstehen, ohne seinen Reiz zu verlieren: Steinschläge, Gebrauchsspuren, hohe Laufleistungen, auch eine Vergangenheit, die nicht nach Vitrine riecht. Schwieriger wird es, wenn ein Auto seine ursprünglichen Teile verloren hat, wenn irgendwann ein anderer Motor eingebaut wurde, ein anderes Getriebe, wenn sich die Geschichte eines Fahrzeugs nicht mehr aus seinen Teilen heraus erzählen lässt. Bei diesem Porsche passte noch zusammen, was zusammengehörte, als er neu war.
Dabei begann das Leben dieses Autos erstaunlich unandächtig. Der erste Besitzer behandelte den Porsche ungefähr so, wie andere damals einen Passat behandelten. Er stieg ein und fuhr los. Wieder und wieder über Autobahnen, durch eine Zeit, in der ein 993 Turbo zwar schon ein sehr schneller, sehr teurer, sehr begehrter Sportwagen war, aber noch nicht jenes beinahe sakrale Objekt, zu dem die letzten luftgekühlten Elfer später für viele Sammler wurden. Nach nur drei Jahren standen rund 150.000 Kilometer auf dem Tacho.
Der Wagen wurde verkauft, der neue Besitzer stieß sich an der Farbe. „Schlumpfblau“ ist der Spitzname für das Rivierablau in der Porsche-Szene, jedenfalls unter denen, die dem leuchtenden Blauton wenig abgewinnen können. Und so wurde der Wagen grün. 2005 tauchte genau dieses Auto in einem Tuning-Magazin auf. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits umlackiert. Die Szene sah den Wagen also, sah einen 993 Turbo WLS 2, sah ein Auto, das in jene Jahre passte, in denen schnelle Porsche gern noch schneller, auffälliger und individueller gemacht wurden. Seine eigentliche Besonderheit lag da längst unter der sichtbaren Oberfläche.
Der letzte Besitzer in Süddeutschland ahnte nichts mehr von der Besonderheit der ursprünglichen Autofarbe. Benjamin David ging es zunächst ähnlich. Zwar war ihm bekannt, dass der Porsche ursprünglich blau ausgeliefert worden war. „Ich dachte an einen der Standard-Blautöne. Dunkel, unauffällig“, sagt er.
Wie falsch diese Vermutung war, zeigten die knallblauen Stellen unter der Kofferraumabdeckung und in den Türlaibungen. Bei den Recherchen zur Originalfarbe des Autos tauchte dann noch eine Verbindung zu Hamburg auf. Der Turbo war 1997 im Porsche-Zentrum Hamburg ausgeliefert worden. Bei David Finest Sports Cars arbeiten heute mehrere ehemalige Mitarbeiter des Hauses. Einer von ihnen erinnert sich noch an die Übergabe. Ein rivierablauer 993 Turbo fiel selbst dort auf, wo täglich neue Porsche über den Hof rollten. Denn unauffällig ist an der Originallackierung nichts.
Und damit stellte sich das Team eine ganz andere Frage als noch beim Kauf. Ursprünglich sollte der Wagen umgebaut und veredelt werden. Nach der Entdeckung spricht vieles dafür, ihn möglichst nah an den Auslieferungszustand zurückzuführen.
Wer einen gewöhnlichen Sportwagen restauriert, hat Spielraum für eigene Ideen. Wer eine Rarität besitzt, wird schnell zum Bewahrer. Dazu gehört auch die Farbe. Die Experten in Göttingen, die den Wagen eigentlich aufwendig tunen sollten, werden ihn nun mitrestaurieren. Sie wollen zunächst versuchen, die spätere Lackierung mechanisch zu entfernen, um möglichst viel der ursprünglichen Lacksubstanz zu erhalten. Erst wenn das nicht gelingt, soll BASF den historischen Farbton neu anmischen. Das Unternehmen hatte die Farbe bereits 1997 für Porsche hergestellt.
Der Aufwand erscheint beträchtlich. In der Welt klassischer Porsche lässt er sich jedoch in Euro beziffern. Ein nahezu gleicher 993 Turbo in Rivierablau mit erhaltenem Originallack wird derzeit auf einem Online-Portal für 950.000 Euro angeboten. Ob ein solcher Preis tatsächlich erzielt wird, ist offen. Er zeigt jedoch, welchen Stellenwert Sammler Fahrzeugen beimessen, die ihre Geschichte bis in die Lackschichten hinein bewahrt haben.
Auch für Benjamin David hat sich die Rechnung bereits grundlegend verändert. Inzwischen soll der Porsche nach der Restaurierung rund 650.000 Euro bringen, fast viermal so viel, wie beim Ankauf ursprünglich erwartet. Und ausgelöst wurde alles durch einen Anruf aus der Werkstatt, vor dem Benjamin David zunächst Angst gehabt hatte. Schlimme Nachrichten hatte er erwartet. Stattdessen wartete dort ein Stück Porsche-Geschichte.
Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Themen aus der Hansestadt.