Stand: 29.06.2025 08:58 Uhr

Chico Mapenda war Vertragsarbeiter in der DDR. Ein Großteil seines Lohns wurde einbehalten und nie ausgezahlt. Die „Madgermanes“ kämpfen bis heute für Gerechtigkeit und Entschädigung.

von Jette Studier

Das Wort „Getränkekombinat“ geht Chico Mapenda flüssig über die Lippen. Auch wenn der Mosambikaner, heute 57 Jahre alt, nur wenige Jahre in der DDR gelebt hat. Mapenda ist einer der Menschen, die sie in Mosambik „Madgermanes“ nennen: ehemalige Vertragsarbeiter, die die DDR-Wirtschaft besonders in den 80er-Jahren mit am Laufen hielten. Mit rund 30 Kollegen aus seinem Heimatland arbeitete Chico Mapenda als Maschinenführer in Neubrandenburg im Getränkekombinat Nordbräu. Das ist jetzt 35 Jahre her. Doch eine Rechnung aus der DDR-Zeit hat er wie alle „Madgermanes“ noch offen, denn ein Teil seines Lohns für diese Arbeit wurde ihm nie ausgezahlt: „Aus meiner Sicht ist das Diebstahl oder sogar moderne Sklaverei.“ sagt er heute in seiner Heimat in Maputo. „Jeder, der arbeitet, muss seinen Lohn bekommen. Löhne können niemals abgezweigt oder an jemand anderen ausgezahlt werden.“

Bis heute regelmäßig Demos in Maputo

Ein afrikanischer Arbeiter arbeitet in einem Metall-Betrieb der DDR.

Chico Mapenda und seine Kollegen bekommen teils nur 40 Prozent des Lohns.

Im Falle der „Madgermanes“ allerdings passierte genau das: Denn die Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in der DDR unterschrieben Verträge, in denen es hieß, ein Teil ihres monatlichen Netto-Lohns würde einbehalten und den Arbeitern „zu ihren Gunsten“ nach Mosambik überwiesen. Zunächst wurden so 25 Prozent des Lohns abgezogen, seit 1987 sogar 60 Prozent. Wie seine Kollegen lebte auch Chico Mapenda in dem Glauben, er bekomme das Geld dann zu Hause ausgezahlt: „Aber als ich zurückkehrte, war dieses Geld veruntreut“, sagt er heute. Mapenda und andere „Madgermanes“ lässt diese Geschichte nicht los. Jeden Mittwoch zieht noch heute eine Gruppe ehemaliger Vertragsarbeiter vor das zuständige Arbeitsministerium in Maputo, demonstriert für Gerechtigkeit und fordert ihr Geld zurück. Die Arbeiter hoffen auf Entschädigung und Anerkennung durch ihren eigenen Staat, aber auch auf die Rechtsnachfolgerin der DDR: die Bundesrepublik Deutschland.

Mosambik als wichtiger Partner für die DDR

Enge Beziehungen zu dem Land im Südosten Afrikas knüpfte die DDR ab Mitte der 70er-Jahre. Die sozialistische Volksrepublik Mosambik hatte sich gerade erst von der Kolonialmacht Portugal befreit und bekam nun politische Unterstützung ihres Bruderstaates in Europa. Doch auch der wollte von der Zusammenarbeit profitieren. Denn anders als etwa Kuba oder Vietnam wirtschaftete Mosambik auf US-Dollar-Basis. Und die Dollars waren begehrt: „Die DDR hatte das Problem, dass sie selber mit der DDR-Mark keine konvertierbare Währung hatte“, erklärt die Soziologin Uta Rüchel, die sich in einem Gutachten im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur detailliert mit der Geschichte der Vertragsarbeiter beschäftigt hat. Der Vorteil für die DDR lag damit auf der Hand: Kredite, die sie dem Bruderstaat gewährte, verbesserten so die eigene Devisen-Bilanz: „Insofern war Mosambik ein ganz wichtiger Partner“, resümiert Rüchel.

900 Kinder kommen in die „Schule der Freundschaft“

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900 Kinder schickt Mosambik 1982 in die DDR.

Ein prestigeträchtiges Symbol für die enge Zusammenarbeit der Staaten entsteht 1982: In der Kleinstadt Staßfurt im Bezirk Magdeburg eröffnet die „Schule der Freundschaft“. 900 Kinder schickt Mosambik in die DDR – auch Chico Mapenda. Der Junge, damals 15 Jahre alt, lebt in einem kleinen Dorf in der Provinz Zambezia, als sein Schulleiter ihm und den Mitschülern verkündet, sie dürften in die DDR gehen. Er habe nicht gewusst, was für ein Land das ist, aber er wollte unbedingt dorthin, erzählt Mapenda heute. „Für mich war es wunderbar, ins Ausland zu gehen. Es war eine großartige Chance für uns, Mosambik zu verlassen und in einem europäischen Land zu lernen“, sagt er.

Rückkehr in die DDR nach Neubrandenburg

Nach der Ausbildung wird er in seinem Heimatland direkt zum Militärdienst eingezogen. Ende der 80er kehrt er zurück in die DDR und landet in der Brauerei in Neubrandenburg. Es sei ruhig gewesen im Betrieb und harmonisch mit den deutschen Kollegen, aber auch denen aus Kuba und Vietnam. Rassismus habe er hier nicht erlebt – „anders als Kollegen an anderen Orten“, fügt er an. Chico Mapenda findet Anschluss auch außerhalb des Betriebes und engagiert sich in einer Freikirche. Dass er damals nur einen Bruchteil seines Lohns bekommt, besorgt ihn nicht. Schließlich hat er einen Vertrag unterschrieben, in dem es hieß, das Geld würde einbehalten und den Arbeitern „zu ihren Gunsten“ nach Mosambik überwiesen.

Rüchel: „Menschen benutzt, um Staatsschulden abzubauen“

Chico Mapenda, ein Abgeordneter des Parlaments in Mosambik, und früherer DDR-Vertragsarbeiter.

Die meisten Arbeiter aus DDR-Zeiten warten wie Chico Mapenda bis heute auf eine Entschädigung.

Doch als Mapenda nach dem Ende der DDR in sein Heimatland zurückkehren muss, sieht er von diesem Geld nichts. Der Grund: Es ist niemals geflossen. Weil Mosambik Probleme hatte, die von der DDR gewährten Kredite und Zinsen zurückzuzahlen, hatten die Staaten per Abkommen 1979 beschlossen, einen Teil des Lohns der Vertragsarbeiter direkt miteinander zu verrechnen: „Man kann im Grunde genommen sagen, dass der Staat diese Menschen benutzt hat, um Staatsschulden abzubauen“, erklärt die Soziologin Rüchel, „und das im Wissen beider Seiten – außer derjenigen, die wirklich betroffen waren“.

SED-Opferbeauftragte: „Deutschland hat historische Verantwortung“

Insgesamt 17.000 Arbeiterinnen und Arbeiter kamen über die Jahre aus Mosambik in 250 Betriebe in der DDR. Nur ein kleiner Teil sah nach der Rückkehr nach Hause sein Geld, die große Mehrheit nicht. Sie hofft bis heute auf die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin der DDR. Anfang der 90er zahlte das wiedervereinte Deutschland zwar 75 Millionen D-Mark Entwicklungshilfe an Mosambik. Doch die meisten Arbeiter aus DDR-Zeiten gingen erneut leer aus. Deshalb setzt sich heute die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke für sie ein: „Das Unrecht ist den Menschen hier auf deutschem Boden geschehen. Deswegen hat Deutschland auch eine historische Verantwortung“, so Zupke. Sie fordert eine pauschale, einmalige Entschädigung der Arbeiter und die Anerkennung des Unrechts, das ihnen widerfahren ist.

Mapenda: „Sie werden uns geben, was wir wollen“

Bisher gibt es dafür keine politischen Mehrheiten. Der Fall sei eine Angelegenheit Mosambiks, die Bundesregierung nicht zuständig, hieß es in der Vergangenheit. In Mosambik, wo die „Madgermanes“ noch immer demonstrieren, regiert bis heute die sozialistische FRELIMO, die die Forderungen der Vertragsarbeiter weitgehend ignoriert. Chico Mapenda sitzt mittlerweile als Abgeordneter einer Oppositionspartei im Parlament in Maputo. Er ist überzeugt, sein Ziel am Ende zu erreichen: „Sie werden uns geben, was wir wollen. Ich glaube daran, dass wir das Geld bekommen werden.“

Doch Zeit bleibt ihnen nicht. Schon heute leben einige der Arbeiter nicht mehr, viele sind krank. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Mosambik liegt bei knapp 58 Jahren. „Eigentlich ist es ein großes Drama, dass das in den vergangenen 30 Jahren nicht geklärt werden konnte“, resümiert Soziologin Rüchel und fügt nach einer Pause an: „Es ist jedenfalls sehr spät.“

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