Um ihren Sohn auf den Thron zu bringen, zettelte eine Haremsdame von Ramses III. 1156 v. Chr. eine Verschwörung an. Der Pharao starb, aber auch der Attentäter verlor sein Leben. Wissenschaftler entschlüsseln einen blutigen „Vater-Sohn-Konflikt“.

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Als großer Kriegsheld ist Pharao Ramses III. aus der 20. Dynastie (reg. ca. 1186–1156) in die Geschichte des alten Ägyptens eingegangen. Denn im Jahr 1177 gelang es ihm, die Invasion der sogenannten Seevölker zurückzuschlagen, indem er ihre Schiffe im Nildelta blockierte und in einer großen Schlacht zu Wasser wie zu Lande zurückwarf. Als einziges Großreich der Bronzezeit überlebte Ägypten den Zusammenbruch des ostmediterranen Mächtesystems.

Mit seiner Innenpolitik hatte Ramses III. weniger Glück. Wiederholte Streiks der Arbeiter, die an seinem Totentempel in Medinet Habu schufteten und sich über ihre mangelhafte Versorgung und Entlohnung beklagten, werden mit Korruption und Schlamperei in der Verwaltung erklärt. Auch seinen Hof hatte der Pharao nicht im Griff. Zum 30. Jubiläum seiner Thronbesteigung kam es zu einem Komplott, das als „Haremsverschwörung“ in die Annalen eingegangen ist.

Wie mehrere Papyri über die anschließenden Gerichtsverhandlungen berichten, fand der Pharao den Tod. Was mit dem Täter geschah, hat der Anthropologe Albert Zink in einer aktuellen Revision der Intrige in der Zeitschrift „Antike Welt“ ausgeführt: Es war ein Vatermord, und der Täter starb durch den Strang.

Vor allem der sogenannte Turiner Gerichtspapyrus dokumentiert die Vorgänge am Königshof am 7. April 1156. Tiye, eine Nebenfrau Pharaos, versuchte einen Putsch, um ihren Sohn, von dem nur das Pseudonym Pentawer überliefert ist, auf den Thron zu bringen. Dafür sollten im Land Unruhen initiiert werden. Zugleich wurde ein Anschlag auf Ramses geplant. Mehr als 40 hochrangige Offiziere, Beamte und Haremsangehörige waren in die Intrige verstrickt – später wurden sogar zwei Richter, die mit der juristischen Aufarbeitung betraut waren, als Mitverschwörer enttarnt.

Lange wurde gerätselt, ob der Anschlag Erfolg hatte, oder, wie der Prozess vorgibt, der Pharao noch am Leben war. Zink – als Direktor der Staatssammlung für Anthropologie in München und ehemaliger Leiter des Instituts für Mumienforschung in Bozen, das sich der Analyse des Gletschermannes Ötzi widmet, einer der führenden Mumien-Spezialisten – hat schon 2012 die These vertreten, dass Ramses ermordet worden ist. Dafür wurden von seiner Mumie, die in den 1880ern in einem Sammelgrab beim Tal der Könige in Deir el-Bahari entdeckt worden war, hochauflösende computertomografische (CT-)Scans erstellt.

Sie zeigten eine bis dahin unter mehreren Lagen Leinen verborgen gebliebene Verletzung: „Eine breite und tiefe Schnittwunde, die sich direkt unterhalb des Kehlkopfs befindet. Die Verletzung durchtrennt sämtliche Weichteile an der Vorderseite des Halses, darunter Luftröhre, Speiseröhre und große Blutgefäße, und reicht bis an die Halswirbelsäule heran. Aus medizinischer Sicht ist eine solche Verletzung eindeutig tödlich“, folgert Zink: „Damit ist eindeutig belegt, dass Ramses III. tatsächlich Opfer eines gewaltsamen Angriffs wurde.“ Bei der Mumifizierung wurde über der Wunde ein magisches Amulett angebracht.

Der anschließende Prozess wurde zwar im Namen Pharaos geführt, aber Formulierungen wie „er war ein Gott“ oder „das Umstürzen der königlichen Barke“ dürften darauf hinweisen, dass den Herrn des Gerichtsverfahrens bereits der Tod ereilt hatte. Die Strafen waren hart: Sie reichten vom Abschneiden der Nase und Ohren bis zu Hinrichtungen.

In diesem Zusammenhang rückte die Mumie des „unbekannten Mannes E“ ins Visier der Forschung. Auch diese Leiche wurde im Mumienversteck in Deir el-Bahari entdeckt und fiel durch ungewöhnliche Details auf. Sowohl Innereien als auch Gehirn waren entgegen dem üblichen Vorgehen nicht entfernt worden. Auch die Umhüllung aus Schaf- oder Ziegenhaut signalisierte Unreinheit und entehrte damit den Verstorbenen.

Genetische Analysen zeigten, „dass zwischen Ramses III. und dem ,Unbekannten Mann E‘ eine enge Verwandtschaft besteht“, schreibt Zink: „Die Ergebnisse sprechen mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine Vater-Sohn-Beziehung“. Dies und die herabwürdigende Form der Bestattung lassen darauf schließen, dass es sich um Pentawer handelt, der seinen schlechten Rang in der Thronfolge durch einen gewaltsamen Putsch zu verbessern gesucht hatte.

Dazu würden auch die Indizien passen, die auf einen gewaltsamen Tod des „E-Mannes“ hinweisen. Die ungewöhnlichen Hautfalten und Kompressionen im Halsbereich deutet Zink als Folgen von Gewalt. Zwar verhindere das Fehlen von eindeutigen Knochenverletzungen eine endgültige Diagnose. Aber die Veränderungen ließen sich mit „Strangulation oder Erhängen“ erklären, schreibt der Mumien-Spezialist.

Die schriftlichen Quellen lassen das Ende Pentawers offen. Daher ist es durchaus möglich, dass er – wie andere Angeklagte – zum Selbstmord gezwungen oder auf andere Weise ums Leben kam, schreibt Zink und fasst zusammen: „Durch die Kombination von CT-Bildgebung, anthropologischer Analyse und genetischen Untersuchungen lassen sich historische Fragestellungen aus einer völlig neuen Perspektive betrachten.“

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.