Uganda hat rund 1,95 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, die meisten aus dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo. Wie funktioniert das?
Davide Naggi: Uganda verfolgt eine Politik der offenen Tür: Flüchtlinge, die meisten aus dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo, dürfen arbeiten, erhalten Zugang zu sozialen Diensten und können Land pachten. Sie leben nicht in Lagern, sondern in Siedlungen, die mit den Gemeinden verbunden sind. Um die Siedlungen sind Märkte und Arbeitsplätze entstanden. Die Strategie bringt Uganda internationale Anerkennung und damit die Unterstützung der EU sowie von institutionellen und privaten Gebern.
Ist das reine Gastfreundschaft?
Offenheit gehört zur ugandischen Kultur, und die Politik der offenen Tür gegenüber Flüchtlingen steht gänzlich in dieser Tradition. Allerdings sind in der regionalen Politik und der Flüchtlingspolitik auch strategische Interessen im Spiel. So verfügen beispielsweise einige Länder regional über erheblichen Einfluss auf die Friedensprozesse im Südsudan und in der Demokratischen Republik Kongo. Beobachter vermuten, dass eine anhaltende regionale Instabilität dazu führen könnte, dass die militärische Präsenz in der DR Kongo und im Südsudan weniger unter die Lupe genommen wird.
Wer profitiert davon?
Regionale Akteure haben oft eigene Interessen verfolgt, anstatt auf einheitliche Lösungsansätze zu setzen.
Auf internationaler Ebene sind auch externe Mächte beteiligt, die weitgehend wirtschaftliche Interessen verfolgen. Organisationen wie die UNO und die EU beobachten die Entwicklungen, doch ihr Einfluss vor Ort bleibt begrenzt. Instabilität kann so auch einen Zweck erfüllen: Andauernde Konflikte mindern die öffentliche Aufmerksamkeit. Diejenigen, die im Chaos agieren, können besser Ressourcen ausbeuten, ohne sich Fragen stellen zu müssen.
Auch Stammesfeindschaften verhindern immer wieder den Frieden. Was sind die Gründe?
Im Südsudan zum Beispiel gab es wiederholt Konflikte zwischen Hirtengemeinschaften um Wasser und Vieh. Als der Südsudan 2011 seine Unabhängigkeit erlangte, gab es nie eine echte Einigung, wie die Macht verteilt werden soll. 2013 löste ein Führungsstreit zwischen Präsident Salva Kiir (Dinka) und dem damaligen Vizepräsidenten Riek Machar (Nuer) Gewalt aus, die entlang ethnischer Grenzen verlief und zu einem Bürgerkrieg eskalierte. Über die Hälfte der Bevölkerung leidet heute unter Hunger.
Ist das nur ein ethnischer Konflikt?
Forscher warnen davor, den Konflikt einfach als «Dinka gegen Nuer» darzustellen, denn es geht dabei um politische Macht und die Kontrolle über Ressourcen wie Öl, Gold oder Holz. Die Ethnie wird von den Eliten dafür instrumentalisiert.
An den Lunchkinos in der ganzen Schweiz stellt Heks jeweils eines seiner Projekte vor, diesmal aus Uganda. Was macht Heks dort?
Wir unterstützen Flüchtlinge und lokale Gemeinschaften in Uganda und im Südsudan, darunter mehrere Siedlungen für Vertriebene. Die Programme beinhalten Projekte zur Existenzsicherung, Landwirtschaft, Sanitärversorgung und Konfliktbewältigung. Wir unterstützen lokale Organisationen und Genossenschaften, darunter eine Frauengruppe in Bidi Bidi, die wiederverwendbare Damenbinden herstellt. Die meisten unserer 35 Mitarbeiter (allesamt Ugander) arbeiten eng mit lokalen Behörden, Gemeinden und anderen Akteuren zusammen.
Was treibt Sie nach fast zwanzig Jahren humanitäre Hilfe noch an?
Der Unterschied, den wir bewirken, wenn wir gute Arbeit leisten. Ausserdem fasziniert mich die Region, politisch, auf humanitärer Ebene, aber auch historisch: Kenia, Äthiopien und Uganda gelten als Wiege der Menschheit. Es fühlt sich an, als kehrten wir zu unseren Ursprüngen zurück, das ist ein starkes Gefühl.
Heks-Lunchkino. 3. September, Davos