Stand: 16.12.2025 20:49 Uhr
In deutschen Museen und Universitäten lagern bis heute tausende menschliche Überreste aus der Kolonialzeit. Eine Rückgabe ist gefordert und politisch erwünscht – doch das Beispiel zweier Schädel aus Namibia in Rostock zeigt, wie vertrackt die Zuständigkeiten sind.
„Kamtschadale“, „Aroevake Südamerika“ und „Alt-Peruaner“: Das sind die ursprünglichen Beschriftungen von Schädeln, die im 19. Jahrhundert nach Rostock gekommen sind. Insgesamt 40 Schädel aus mehr als zehn Ländern außerhalb Europas umfasst die Sammlung des Instituts für Anatomie der Unimedizin Rostock. Einige Schädel sind hinter Glas ausgestellt und können über eine Führung besichtigt werden, die meisten lagern in Kartons. Ab 1876 hatte der damalige Leiter des Instituts, der Anthropologe Friedrich Merkel, sie als „Rassenschädelsammlung“ zusammengestellt. Das Institut hat ermittelt, das mehrere Schädel aus ehemaligen deutschen Kolonien stammen – zwei von ihnen aus dem Gebiet des heutigen Namibia.
Herero-Nachfahrin: „Schädel müssen nach Namibia zurück“
Von 1904 bis 1908 führten die Kolonialherren dort einen Vernichtungskrieg gegen die Völker der Herero und Nama. Er gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Rund 100.000 Menschen starben durch Gewalt oder kamen in Lagern um. Im Dezember 2019 besuchte die Herero-Nachfahrin Esther Muinjangue Rostock, um im Rahmen eines Vortrags über die Verbrechen an ihrem Volk aufzuklären.
Dabei sah sie sich auch die beiden Schädel der Anatomischen Sammlung an und erinnert sich heute: „Natürlich ist es schmerzhaft für jeden Herero, der Namibisch spricht, so weit zu reisen und Überreste seiner Vorfahren zu sehen. Es war ein trauriger Moment.“ Ihr Wunsch ist es, die Schädel wieder nach Hause zu bringen, wie sie sagt: „Sie sind Namibier und müssen deshalb nach Namibia zurück. Es ist notwendig, dass die zuständigen Behörden in Namibia und Deutschland miteinander sprechen, um den Rückführungsprozess zu starten.“
Schädel sollten „Rassentheorie“ belegen
Die Initiative „Rostock Postkolonial“ hatte vor sechs Jahren den Besuch von Esther Muinjangue organisiert. Für die Mitglieder belegt schon die Epoche, dass die Schädel der Rostocker Sammlung in einem Unrechtskontext nach Deutschland gekommen sind. Das Ziel solcher Schädelsammlungen war es auch, biologische Unterschiede von Menschen zu erforschen und damit die „Rassentheorie“ zu belegen.
Wissenschaftlich ist eine solche Einteilung von Menschen in „Rassen“ längst nicht mehr haltbar. „Diese Pseudowissenschaft sollte die Überlegenheit der Kolonialmächte untermauern, um die Länder des globalen Südens legitim ausbeuten zu können“, erklärte Alexandra Pencov, die „Rostock Postkolonial“ 2016 gegründet hat. Eine Forschung auf Augenhöhe sei es deshalb nie gewesen: „Die Menschen wurden nicht gefragt, ob an ihnen geforscht werden kann. Sie wurden weggenommen, auch ihren Nachfahren weggenommen und hier als Objekte benutzt.“ Ihre Initiative setzt sich deshalb auch für eine schnelle Rückführung dieser menschlichen Überreste, sogenannter Human Remains, ein.
Herkunftsländer fordern seit 20 Jahren Rückgabe
Auch die Herkunftsgesellschaften selbst und auch einzelne Angehörige haben in den vergangenen 20 Jahren immer wieder solche Rückführungen gefordert, um ihre Vorfahren angemessen bestatten zu können. Politisch gilt das als wünschenswert, auch die aktuelle Bundesregierung hat sich das im Koalitionsvertrag vorgenommen. Esther Muinjangue hat selbst mehrfach solche Rückführungen von Gebeinen der Herero und Nama nach Namibia begleitet – die gab es 2011, 2014 und auch 2018.
Wunsch: Strukturierte Rückgabe
Esther Muinjangue wünscht sich, dass die Rückgabe strukturierter passiert: „Ich glaube wirklich nicht, dass es einem der beiden Länder helfen wird, heute zwei Schädel, in drei Jahren fünf und später noch einmal zehn Schädel zurückzuholen. Die zuständige Behörde in Deutschland sollte alle Institute kontaktieren, die namibische Artefakte und menschlicher Überreste besitzen. So könnten wir sie in einer einzigen Reise abholen und nach Hause zurückbringen.“
Institut: „Die Mühlen mahlen langsam“
Doch diese Zuständigkeit ist offenbar unklar. Bis heute liegen die beiden Schädel aus Namibia in Kartons verpackt im Büro von Laura Hiepe. Am Anatomischen Institut arbeitet sie vor allem als Präparatorin und ist auch für die Sammlung zuständig. Das Institut habe den Besuch von Esther Muinjangue vor sechs Jahren unterstützt und sei offen für mögliche Rückführungen. Zu weiteren Kontakten nach Namibia sei es aber bisher nicht gekommen.

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Rückgabe eines Māori-Schädels
Zuletzt war das Institut mit der möglichen Rückgabe eines Māori-Schädels befasst, sagt Laura Hiepe. Doch der Prozess sei langwierig – auf beiden Seiten: „Die Mühlen mahlen extrem langsam. Wir haben 2019 Kontakt aufgenommen zum Nationalmuseum von Neuseeland. Vor anderthalb Monaten hatten wir Besuch von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter aus Neuseeland, der auf diese Anfrage von vor sechs Jahren zurückgekommen ist.“
Das Institut habe außerdem keine eigene Stelle, um die Sammlung weiter zu erforschen. „Dafür bräuchte es Förderprojekte. Wir haben hier nicht die personelle Kompetenz, um in die Archive zu gehen oder Kontakt zu potenziellen Nachkommen aufzubauen. Da braucht es jemanden, der dafür eingestellt wird, der die finanziellen Ressourcen hat und auch Netzwerke mitbringt“, sagte Laura Hiepe. Sie sieht dabei die Unimedizin und auch das Land in der Verantwortung.
17.000 menschliche Überreste in deutschen Depots
Auf die Frage, wer nun für eine Kontaktaufnahme nach Namibia verantwortlich wäre, verweist das Ministerium für Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern auf die bundesweite „Kontaktstelle für Kulturgüter und menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten“, die durch das Land mitfinanziert wird. Die Kontaktstelle erfasste bei einer deutschlandweiten Abfrage im Jahr 2022 rund 17.000 menschliche Überreste, die in den Depots von Museen und Universitäten lagern. Die Dunkelziffer dürfte allerdings größer sein: Die Herkunft vieler Gebeine lässt sich oft nur schwer nachvollziehen, der Forschungsstand ist von Sammlung zu Sammlung unterschiedlich.

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Kontaktstelle kennt Sammlungsbestand in Rostock nicht
So war der Kontaktstelle auf NDR Anfrage nicht bekannt, wie der aktuelle Bestand der Rostocker Sammlung ist und dass dort auch Schädel namibischer Herkunft lagern. Sie schreibt: „Eine aktualisierte Datenbank, die eine vollständige Transparenz über menschliche Überreste in Deutschland ermöglichen würde, gehört nicht zu den Aufgaben der Kontaktstelle.“
Keine offene Datenbank
Obwohl Aktivistinnen und Aktivisten mehr Transparenz über die Bestände der Institute fordern, schreibt die Kontaktstelle, dass eine offene Datenbank aus Gründen des Respekts vor der Würde der verstorbenen Menschen kontrovers diskutiert werde und von den Herkunftsgesellschaften oftmals als unangemessen abgelehnt werde. Würden Herkunftsländer bei der Kontaktstelle anfragen, könne eine gezielte Abfrage bei Museen und Sammlungen gestartet werden. Der Kontaktstelle ist offenbar keine Anfrage aus Namibia bekannt und auch das Kulturministerium Mecklenburg-Vorpommern schreibt, dass „von namibischer Seite bislang keine Repatriierungsanfragen an das Institut für Anatomie der Unimedizin Rostock gestellt wurden.“

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„Proaktives Handeln der Institute ist immer willkommen“
An vergangenen Rückführungen war unter anderem die Namibische Botschaft in Berlin beteiligt. Auf NDR Anfrage bestätigt Botschafter Jerobeam Shaanika, dass es keine spezielle Rückforderung an die Unimedizin Rostock gab. Aus einem einfachen Grund: „Die Botschaft weiß nicht, dass das Institut für Anatomie in Rostock menschliche Überreste aus Namibia besitzt.“ Sie habe 2013 und 2016 einen Rundbrief an die meisten Museumsdirektionen und Anatomischen Institute in Deutschland verschickt, mit der Bitte, ihre Bestände zu überprüfen. Nur sehr wenige hätten darauf geantwortet, auch das Rostocker Institut nicht. Der Brief habe klar gemacht, dass die Rückgabe aller namibischen Überreste erwünscht und von großer Bedeutung sei. Jerobeam Shaanika schreibt: „Ein proaktives Handeln der Institute und Museen über vermutete Überreste ist immer willkommen.“
Deutsche Regierung habe eine moralische Verantwortung
Esther Muinjangue wurde im März 2020 – drei Monate nach ihrem Besuch in Rostock – Gesundheitsministerin von Namibia und war dabei nach eigener Aussage vor allem mit der Corona-Pandemie befasst gewesen. Jetzt will sie sich wieder stärker für Rückführungen einsetzen. Für sie ist trotzdem klar, wer im Zweifel die Initiative ergreifen sollte: „Wer hat die Artefakte und Überreste dorthin gebracht? Es war nicht die namibische Regierung, es waren nicht die Herero oder die Nama, sondern die Deutschen. Die deutsche Regierung sollte diese moralische Verantwortung übernehmen und sich verpflichtet fühlen, sie nach Namibia zurückzubringen, wo sie hingehören.“

Kritisiert wurde, dass für die Schließung einer Sammlung menschlicher Überreste aus der Kolonialzeit ein Konzept fehle.

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