Fremdenfeindlichkeit in Südafrika hat Zehntausende Migrantin*innen aus anderen afrikanischen Ländern zur Rückkehr in ihre Heimat gezwungen. Die Gewalt löst nicht nur eine humanitäre Krise aus, sondern gefährdet auch Entwicklungsziele und Afrikas Vision einer stärkeren regionalen Integration.
Von Charles Mpaka | 1. September 2026
Blantyre, Malawi (IPS/afr) – Als Rahim Ali Ende Juli in sein Heimatdorf im zentralmalawischen Distrikt Dowa zurückkehrte, lagen sieben Jahre in Südafrika hinter ihm. „Es ist eine Erleichterung, und ich bin der Regierung dankbar, dass sie mich sicher nach Hause gebracht hat“, erzählt der 33-Jährige gegenüber der Nachrichtenagentur IPS. „Die Lage in Südafrika war schrecklich, und viele von uns hatten keine Möglichkeit, dieser Gewalt zu entkommen.“
Ali gehörte zu Zehntausenden Malawier*innen, die in den vergangenen Monaten aus Südafrika zurückkehrten. Nach Angaben der malawischen Katastrophenschutzbehörde hatte die Regierung bis zum Abschluss ihrer Rückholaktion am 12. August 56.723 Staatsbürger*innen nach Malawi gebracht. Fast 900 Busse waren dafür über mehrere Monate im Einsatz.
In Malawi drängen jedes Jahr bis zu 270.000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Ihnen stehen nach jüngsten Daten der Weltbank lediglich rund 40.000 neue formelle Arbeitsplätze gegenüber, die die malawische Wirtschaft jährlich schafft.
Da Rahim Ali keine reguläre Beschäftigung fand, verdingte er sich auf Mais- und Tabakfeldern in seiner Umgebung, rodete Land und half bei der Ernte. 2013 brachte er genug Geld zusammen, um einen Friseursalon zu eröffnen. In seinem ländlichen Heimatort lud er außerdem Mobiltelefone auf und verkaufte Ladegeräte und Batterien. Das Einkommen sei nicht hoch gewesen, erzählt er, habe aber gereicht, um ein kleines Haus zu mieten und für sich selbst zu sorgen.
Mit dem Tod seines Vaters im Jahr 2017 brach diese bescheidene Unabhängigkeit zusammen. Als Ältester der Familie musste Rahim Ali nun für seine zwei Schwestern und seinen Bruder sorgen – für Essen, Kleidung und Schulgebühren. „Mit dem Einkommen aus einem Friseursalon wurde es für uns wirklich schwierig“, erinnert er sich.
Zwischen Ausbeutung und Hoffnung
2019 lud ihn ein ehemaliger Schulkollege ein, ihm nach Südafrika zu folgen. Rahim Ali zögerte keine Sekunde. Gemeinsam mit seinem Freund arbeitete er auf einer Erdbeerfarm in Johannesburg, wo er damals 412 Rand pro Woche (rund 27 Euro) verdiente.
In den folgenden fünf Jahren fand Rahim Ali auf verschiedenen Farmen Beschäftigung. Die Arbeit sei hart gewesen. Vorgesetzte hätten „uns einfach ausgepeitscht und uns in einer Sprache beschimpft, die wir nicht verstanden“. Pausen habe es kaum gegeben. Wer krankheitsbedingt nicht arbeiten konnte, bekam keinen Lohn. Arbeitsplatzsicherheit habe es ebenfalls nicht gegeben.
„Trotzdem war der Lohn besser als das, was ich für eine ähnliche Arbeit hier in Malawi bekommen hätte“, sagt Rahim Ali. „Außerdem sind die Lebenshaltungskosten dort deutlich niedriger. Deshalb konnte ich Geld sparen und meine Geschwister unterstützen.“
Malawische Migrant*innen warten am 29. Juni 2026 vor dem malawischen Konsulat in Woodmead, Johannesburg, auf die Abfahrt eines Busses im Rahmen der Rückführungsmaßnahmen. (Foto: Alaister Russell/IPS)
2024 fand er eine neue Stelle als Hilfskraft in einem Geschäft eines indischen Eigentümers, das Solarmodule verkaufte. Im Mai 2026 drang eine Gruppe südafrikanischer Bürger*innen in den Laden ein und forderte den Besitzer auf, seine aus anderen afrikanischen Ländern stammenden Beschäftigten zu entlassen.
Rahim Ali verlor seinen Arbeitsplatz und konnte bald weder Lebensmittel noch seine Miete bezahlen. Sein Vermieter setzte ihn vor die Tür. Schließlich schloss er sich seinen Landsleuten an, die beim malawischen Konsulat kampierten, wo die Regierung ihre Rückkehr in ihr Heimatland organisierte.
Wiederkehrende fremdenfeindliche Gewalt
Mobilisiert von der Bewegung „March and March“ vertrieben südafrikanische Bürger zwischen April und Juni 2026 Ausländer*innen aus ihren Wohnungen und von ihren Arbeitsplätzen. Nach eigener Darstellung richtete sich die Aktion gegen Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus.
Es war nicht das erste Mal, dass Südafrika von fremdenfeindlicher Gewalt erschüttert wurde. 2008 kamen innerhalb von zwei Wochen mehr als 60 ausländische Staatsangehörige ums Leben, mindestens 100.000 Menschen wurden vertrieben. 2019 setzte eine abgespaltene Gewerkschaft südafrikanischer Lkw-Fahrer Hunderte Lastwagen in Brand, um die Entlassung ausländischer Fahrer zu erzwingen.
Zwischen 2022 und 2025 registrierte Xenowatch, eine Plattform zur Beobachtung fremdenfeindlicher Diskriminierung in Südafrika, 406 fremdenfeindliche Vorfälle. 75 davon endeten tödlich. Allein 2025 wurden 151 Vorfälle registriert. Zwischen Januar und Mai 2026 bestätigte Xenowatch 22 Fälle, 14 davon waren gewalttätig.
Teilnehmer*innen einer Demonstration gegen Migrant*innen ziehen am 29. Juni 2026 durch Jabulani in Soweto. (Foto: Alaister Russell/IPS)
Als die jüngste Gewaltwelle eskalierte, erklärte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, Opportunisten hätten die wirtschaftliche Frustration vieler Südafrikaner*innen ausgenutzt und die Proteste angeheizt. Die Gewalt entspreche nicht der Politik der südafrikanischen Regierung gegenüber ausländischen Staatsangehörigen.
Ramaphosa erklärte allerdings auch, illegale Migration belaste den Wohnungs- und Gesundheitssektor des Landes. Seine Regierung werde dagegen „im Rahmen des Gesetzes“ vorgehen.
Kritik am Umgang der Regierung
Loren Landau, Mitbegründer von Xenowatch, wirft der Regierung vor, nicht konsequent genug gegen die Organisator*innen fremdenfeindlicher Mobilisierungen einzuschreiten. „Zunächst sagt die Regierung, es gebe keine Fremdenfeindlichkeit, sondern Frustration, Fehlinformationen und Kriminelle – und man werde dagegen vorgehen. Gleichzeitig kündigt sie an, einige der von March and March angesprochenen Probleme aufzugreifen: stärkere Grenzkontrollen, mehr Abschiebungen und verstärkte Kontrollen am Arbeitsplatz“, meint Landau gegenüber IPS.
Solange die Verantwortlichen für fremdenfeindliche Kampagnen nicht zur Verantwortung gezogen würden, so Landau, würden sie Migrant*innen weiterhin für ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen oder zur Erlangung politischer Macht instrumentalisieren.
Landau ergänzt, dass die Schwere der jüngsten fremdenfeindlichen Angriffe und die daraus resultierenden Rückführungen hätten Südafrikas Ruf auf dem Kontinent „stark geschädigt“ und die Prozesse der regionalen Integration in den Bereichen Arbeit, Handel und Investitionen zurückgeworfen haben.
Fremdenfeindlichkeit gefährdet die Entwicklungsziele
Kester Chuwuma Onor argumentiert in seiner Forschungsarbeit „Xenophobia In South Africa and the Realities of Actualising SDG 8“ , dass Südafrika ohne Frieden und Partnerschaft mit anderen Ländern große Schwierigkeiten haben werde, die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Dies gelte insbesondere für SDG 8, das menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum zum Ziel hat.
Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen und sehen auch SDG 1 – die Beendigung von Armut – gefährdet. Justice K. Musya und Eric Blanco Niyitunga argumentieren in ihrer Studie „Xenophobia as a Barrier to South Africa’s National Development Plan and SDGs“, dass fremdenfeindliche Angriffe die Geschäfte ausländischer Unternehmen beeinträchtigen und diese dazu veranlassen, das Land zu verlassen. Dies führe zu Arbeitsplatzverlusten, steigender Arbeitslosigkeit und negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum.
In einer aktuellen Umfrage stellte das panafrikanische Forschungsnetzwerk Afrobarometer fest, dass 56 Prozent der Afrikanerinnen und Afrikaner die Freizügigkeit über Staatsgrenzen hinweg unterstützen, damit Menschen in anderen Ländern leben und arbeiten können. Mindestens 40 Prozent sprachen sich hingegen dafür aus, die grenzüberschreitende Mobilität einzuschränken, um Arbeitsplätze und andere Chancen zu schützen.
Boniface Dulani, Afrobarometer-Forscher und Politikwissenschaftler an der University of Malawi, befürchtet, dass die jüngsten massenhaften Vertreibungen in Südafrika bei vielen Menschen auf dem Kontinent den Eindruck verstärken werden, die regionalen und kontinentalen Bestrebungen nach stärkerer Integration und grenzüberschreitender Freizügigkeit existierten nur auf dem Papier.
Dass die südafrikanische Regierung die Verantwortlichen für die jüngste Gewalt nicht festgenommen und strafrechtlich verfolgt habe, führt Dulani auch auf wahltaktische Überlegungen zurück. In Südafrika finden im November 2026 Kommunalwahlen statt.
„Angesichts der angespannten politischen Lage in einem wichtigen Wahljahr muss die Untätigkeit der Regierung auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass ein hartes Vorgehen von Teilen der Opposition politisch ausgeschlachtet werden könnte“, sagt Dulani.
Streit um die Kosten der Rückführungen
Das südafrikanische Innenministerium hat inzwischen von Malawi sowie von Äthiopien und Nigeria die Erstattung von fast 300 Millionen Rand – rund 19 Millionen US-Dollar – verlangt. Diese Summe habe Südafrika nach eigenen Angaben für die Rückführung von mindestens 82.000 ausländischen Staatsangehörigen aufgewendet.
Landau zufolge steht diese Forderung in direktem Widerspruch zu Ramaphosas Ankündigung, nach den Protesten die Beziehungen zu den Ländern der Region wieder verbessern zu wollen: „Dann diese Rechnung zu schicken, ist eine Beleidigung. Man tritt jemanden noch, wenn er bereits am Boden liegt. Aber das geschieht aus innenpolitischen Gründen, um zu zeigen, dass die Regierung die Interessen Südafrikas an die erste Stelle setzt.“
In Malawi wiederum schlugen Parlamentsabgeordnete auf dem Höhepunkt der Rückholaktion, die die Regierung nach eigenen Angaben fast fünf Millionen US-Dollar kostete, ein Verbot vor: Malawier*innen sollten nicht mehr ohne gültige Dokumente nach Südafrika reisen dürfen, um dort im informellen Sektor Arbeit zu suchen.
Neustart in Malawi
Für Rahim Ali haben die politischen Debatten unmittelbare Folgen. Als er 2019 nach Südafrika kam, besaß er einen Pass und erhielt an der Grenze ein 30-Tage-Visum. Nach dessen Ablauf geriet er in einen irregulären Aufenthaltsstatus.
Gerade das habe ihn gegenüber Arbeitgebern besonders verletzlich gemacht, erklärt er. Wer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis arbeite, könne sich gegen Verstöße gegen Arbeitsrechte kaum wehren, ohne zugleich eine Festnahme oder Abschiebung zu riskieren.
Nach Südafrika will er nicht zurückkehren. Während seiner Jahre dort hatte Rahmin Ali in Malawi ein Grundstück gekauft, auf dem er später ein Haus bauen wollte. Nun möchte er es verkaufen und mit dem Erlös ein kleines Unternehmen gründen.
„Ich hoffe, dass es funktioniert“, sagt er. „Ich habe genug von dieser Gewalt gesehen.“ (Ende)
Titelbild: Einige der mehr als 56.000 Menschen, die von der malawischen Regierung aus Südafrika zurückgeholt wurden, erhalten nach ihrer Ankunft Unterstützung. (Foto: Thomas Kachere/IPS)