Marokkos Wirtschaft wächst überdurchschnittlich, das Königreich investiert viel Geld in die Infrastruktur – und in subsaharische Länder. Trotzdem wollen viele junge Menschen das Land verlassen. Das ist nicht unbedingt paradox.
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Die Küstenstraße, die von Tanger aus entlang der Meerenge von Gibraltar führt, zählt besonders im Sommer zu den eindrucksvollsten der Welt. Ein atemberaubender Blick auf das glitzernde Mittelmeer, langsam passierende Schiffe und Fähren. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt die weiße spanische Surferstadt Tarifa, weiter rechts der dunkle, 426 Meter hohe Affenfelsen des britischen Gibraltars. Nach rund 40 Kilometern wird die faszinierende Idylle plötzlich unterbrochen.
Hohe Metallzäune versperren die Sicht, dahinter ragen Containerkräne in die Höhe. Sie gehören zu Tanger Med, dem marokkanischen Hafenkomplex, der mittlerweile als führender Hafen Afrikas und des Mittelmeerraums gilt.
Im vergangenen Jahr wurden dort mehr als 11,1 Millionen Standardcontainer abgefertigt. Hinzu kamen rund 3,2 Millionen Passagiere, 535.000 Lastkraftwagen und knapp 527.000 Fahrzeuge – darunter zahlreiche für den Export bestimmte Autos aus den marokkanischen Werken von Renault und Stellantis. Der 2007 von König Mohammed VI. eingeweihte Hafen gilt als zentraler Baustein des wirtschaftlichen Aufschwungs Marokkos der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Tanger Med ist über ein landesweites Netz neuer Bahnlinien und Autobahnen mit zahlreichen Freihandelszonen und einer stetig wachsenden Zahl von Industriebetrieben aus dem In- und Ausland verbunden. Es ist die Grundlage des tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandels Marokkos in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Das Bruttoinlandsprodukt ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen und beträgt heute 182,5 Milliarden Dollar (2025). Damit ist das Königreich zwar nur die fünftgrößte Volkswirtschaft Afrikas, steht jedoch auf dem Industrialisierungsindex der African Development Bank erstmals vor Südafrika auf Platz 1. Vergangenes Jahr belief sich die Wachstumsrate auf 4,9 Prozent. Für 2026 rechnen Weltbank und Internationaler Währungsfonds mit einem Wachstum von gut vier Prozent.
Man will eine moderne Industrienation sein. Insbesondere die Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie erneuerbare Energien sollen „grundlegende Säulen der nationalen Produktionsstruktur sein“, hatte König Mohammed VI. an seinem 27. Thronjubiläum im Juli versichert.
Marokko ist den Zahlen nach eine Erfolgsgeschichte. Da scheint es geradezu paradox, dass so viele junge Marokkaner nach Europa auswandern wollen. Dies jedenfalls suggerierten die Bilder von Zehntausenden, die im Juli Ceuta stürmten. Die spanische Enklave in Marokko, die nur eine halbe Autostunde von Tanger Med entfernt liegt, ist zum Sinnbild für den Emigrationswunsch einer ganzen Generation geworden.
Die einfache Erklärung: Marokkos Generation Z findet zu Hause keine Arbeit, ist arm, und kämpft mit einem miserablen Gesundheits- und Bildungssystem. Doch es ist komplizierter.
„Das ist natürlich der europäische Blickwinkel“, sagt Miguel Sabio. Er ist Direktor der spanischen Firma Alvaplast Maroc Sarl in Tanger, die seit 1997 in dem Land tätig ist. „Sprechen Sie mit Leuten im Senegal oder Niger: Für die ist Marokko ein Vorbild und sie würden dort sofort gerne leben“, sagt der 54-jährige Unternehmer. Marokko hat 20 Prozent seiner gesamten Auslandsinvestitionen in subsaharische Länder gesteckt, insbesondere in strategische Sektoren wie Bankwesen, Telekommunikation, Landwirtschaft und erneuerbare Energien.
„Marokko ist wirklich wie eine Rakete und das in vielen Belangen“, erklärt Sabio weiter. „Die Veränderungen in den letzten 20 Jahren sind grundlegend auf vielen Ebenen.“ Tatsächlich hat sich das Königreich nicht allein auf die wirtschaftliche Entwicklung fokussiert. Die öffentliche Infrastruktur wurde verbessert. In den Städten fahren neue, kostengünstige Buslinien, öffentliche Parks und die Altstädte wurden renoviert. Ein Schnellzug verbindet Tanger mit der Hauptstadt Rabat und Casablanca. Die Strecke soll bis Marrakesch und Agadir ausgebaut werden.
Gleichzeitig sank die multidimensionale Armutsquote innerhalb von zehn Jahren beinahe um die Hälfte: von 11,9 Prozent im Jahr 2014 auf 6,8 Prozent 2024. Sie misst nicht nur das Einkommen, sondern auch Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Der Anteil der Analphabeten sank im gleichen Zeitraum von knapp einem Drittel auf etwa ein Viertel.
Umso unverständlicher scheint der Wunsch vieler marokkanischer Jugendlicher zu sein, nach Spanien und in andere europäische Länder auswandern zu wollen. Mehr als vier Millionen Menschen marokkanischer Herkunft leben Schätzungen zufolge im Ausland. Die größte Gemeinschaft befindet sich in Frankreich mit rund 1,5 Millionen. In Deutschland sind es Schätzungen zufolge rund 300.000.
Arbeitslosigkeit liegt bei 13 Prozent
Für Hein de Haas, einen niederländischen Soziologen, der sich seit fast 30 Jahren mit der marokkanischen Migration beschäftigt, ist daran nichts Rätselhaftes. Marokko ist für den Professor der Universität Amsterdam und Autor des Buches „How Migration Really Works“ nur ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Entwicklung und hohe Auswanderungsraten Hand in Hand gehen können. „Wenn Länder den Sprung vom Niedrigeinkommens- zum Mitteleinkommensstatus schaffen, führt die Entwicklung in der Regel zu mehr und nicht zu weniger Auswanderung“, erklärt de Haas in einem Beitrag auf LinkedIn.
„Verbesserungen in den Bereichen Bildung, Lebensstandard, Armutsbekämpfung und Zugang zu Informationen wecken bei jungen Menschen höhere Lebenserwartungen und verbessern gleichzeitig ihre Möglichkeiten zur Auswanderung“, schreibt er. Der Satz „Ich gehe nach Europa“ ist in Marokko längst große Mode und verspricht die magische Lösung aller Probleme.
Einem Bericht des Arab Barometers aus dem Jahr 2024 zufolge sollen 35 Prozent, vorzugsweise junge Marokkaner, eine Auswanderung in Erwägung ziehen. Sie geben wirtschaftliche Gründe an, suchen „bessere Möglichkeiten“. Im Königreich lag die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr bei 13 Prozent, wobei sie jedoch laut Daten der Weltbank unter der jungen Bevölkerung zwischen 15 und 24 mit 37,2 Prozent besonders hoch ist. Letztendlich kein Wunder, bedenkt man, dass fast die Hälfte der marokkanischen Gesellschaft unter 25 Jahren ist.
Zwischen 2000 und 2024 wuchs die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter fast 2,5-mal schneller als die Beschäftigung. 300.000 junge Menschen drängen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Aber die Wirtschaft des Landes schafft nicht genügend neue Arbeitsplätze. Die nationale Statistikbehörde Haut-Commissariat au Plan (HCP) verzeichnete 2025 einen Nettozuwachs von 193.000 Arbeitsplätzen. 2024 waren es noch 82.000 neue Arbeitsstellen.
Die Beschäftigungslage bleibt die größte Schwachstelle der marokkanischen Wirtschaft. Der Gouverneur der Al-Maghrib-Bank, Abdellatif Jouahri, gab im Juli in einer Rede vor dem König zu, dass „das verstärkte Wachstum zu einer deutlichen Verbesserung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen geführt hat“, aber die Arbeitslosenquote sich nicht verändert habe.
Ein großer Kritikpunkt der GenerationZ ist auch das Bildungs- und Gesundheitswesen. „Wir haben Fußballstadien, aber wo bleiben die Krankenhäuser?“, hatten junge Protestierer auf den Straßen Marokkos skandiert. Jeder Marokkaner, den man über das öffentliche Gesundheitswesen befragt, spricht gemäß seiner persönlichen Erfahrungen von einer „Katastrophe“. Ähnlich negativ fällt das Urteil über öffentliche Schulen aus, denen es an Lehrern und Ausstattung fehlt.
Längst hat sich eine Parallelwirtschaft zu den öffentlichen Einrichtungen gebildet, mit gut ausgestatteten privaten Krankenhäusern und Privatschulen aller Art – vorausgesetzt, man kann sie sich leisten. Rabat hat allerdings erkannt, dass es Zeit ist, im öffentlichen Sektor nachzulegen. Im Haushalt für 2026 sind umgerechnet 15 Milliarden Dollar für Gesundheit und Bildung verplant – 16 Prozent mehr als noch im Vorjahr.
„Ich bin überzeugt, die Lage verbessert sich“, sagt der spanische Unternehmer Sabio. Der König habe schon mehrmals Flexibilität und Verständnis bewiesen. „Ohne ihn wäre das Land in ein Chaos wie in Libyen oder Tunesien gestürzt.“
Alfred Hackensberger berichtet seit 2009 im Auftrag von WELT aus Kriegs- und Krisengebieten, aus Ländern im Nahen und Mittleren Osten wie auch aus der Ukraine.