Gütersloh. In Äthiopien herrscht Schulpflicht. Viele Familien sind jedoch so arm, dass sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken können. „Und viele, die kommen, sind so hungrig, dass sie dem Unterricht nicht folgen können“, sagt Marta Wöstmann. „Einige fallen sogar vor Hunger und Schwäche in Ohnmacht“, berichtet die Gütersloherin.
Deshalb hat sich Wöstmann entschlossen, Kinder in Dessie, einer 270.000-Einwohner-Stadt in der Region Amhara (früher: Provinz Wollo), rund 400 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, zu versorgen. 180 Kinder profitieren bereits von ihrer Hilfe. Damit es mehr werden, sucht sie Unterstützung. Ihr Ziel: 1.800 Jungen und Mädchen im Grundschulalter sollen ein tägliches Mittagessen erhalten.
Wöstmann stammt aus Dessie. Helfen hat sie von ihren Eltern gelernt. Der Vater war Apotheker, sie selbst ist das jüngste von 14 Kindern; hinzu kamen vier Adoptivgeschwister. Vor allem ihre Mutter habe eine ausgeprägte soziale Ader gehabt – eine, die sie offenbar geerbt hat.
Drei Köchinnen stellen die täglichen Mahlzeiten her
Marta Wöstmann mit einigen Grundschulkindern in Dessie. Die rotblauen Schuluniformen sind Pflicht, doch viele Eltern können sie nicht bezahlen. Auch hier hilft die Gütersloherin.
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„Eigentlich wollte ich mich um die vielen Straßenkinder kümmern“, sagt die Gattin des Gütersloher Möbelherstellers Norbert Wöstmann. Doch Ansprechpartner zu finden, sei schwierig gewesen. Im Gespräch mit Grundschuldirektoren erkannte sie dann, „wo Hilfe den größten Unterschied macht: in der Schule“.
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Im Dezember 2024 ließ sie an der Dawdo Elementary School, einer Grundschule mit 1.500 Kindern, einen Raum für die Essensausgabe herrichten. Drei Mütter, deren Kinder die Schule besuchen, kochen dort täglich und erhalten einen kleinen Lohn. „Das hilft den Frauen, die häufig alleinerziehend sind, sehr“, sagt Wöstmann.
Den Einkauf der Lebensmittel organisieren Ehrenamtliche vor Ort. „Wir achten auf eine ausgewogene, überwiegend vegetarische Ernährung“, erklärt die 50-Jährige – aus Kostengründen und um religiöse Konflikte zu vermeiden. Bald kam eine weitere Grundschule hinzu: die Tosa Elementary School mit 250 Schülerinnen und Schülern.
Kinder erhalten auch Schuluniform und Lernmaterial
„Die Organisation vor Ort hat mein Cousin übernommen. Wir stehen täglich im Austausch, sodass ich weiß, dass alles läuft, und erfahre, was noch benötigt wird“, sagt Wöstmann. Mehrmals im Jahr fliegt sie in ihre alte Heimat, um nach dem Rechten zu sehen und Probleme zu lösen.
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Die Auswahl der Kinder treffen Schulleitung und Lehrkräfte nach Bedürftigkeit. Inzwischen erhalten an beiden Schulen rund 180 Kinder täglich eine Mahlzeit. Zudem werden sie mit der in Äthiopien vorgeschriebenen Schuluniform und mit Lernmaterialien unterstützt. Der Bedarf ist jedoch weitaus größer. „Es gibt kein soziales Netz in Äthiopien“, sagt Wöstmann.
Dieser aus Wellblech gezimmerte Raum wird für die Speisung der Grundschüler genutzt. Auf dem Speiseplan stehen ausgewogene, zumeist vegetarische Mahlzeiten.
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Der Konflikt in der Region Tigray wirkt sich auf das ganze Land aus. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren und sind als Binnenflüchtlinge auf sich gestellt. Unicef schätzt, dass rund zwölf Millionen Kinder auf humanitäre Hilfe angewiesen sind; Hunderttausende sind mangelernährt. Deshalb will Wöstmann das Projekt schnell auf weitere Schulen ausweiten.
„Man kann sich die Not der Menschen kaum vorstellen“
„Man kann sich die Not der Menschen kaum vorstellen, wenn man sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat“, sagt Norbert Wöstmann, der seine Frau voll unterstützt – mit Anschubfinanzierung aus eigenen Mitteln und bei der Gründung des Vereins „Kinderhilfe Äthiopien – Martas Free Kitchen“.
Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt; Spenden sind steuerlich absetzbar. Informationen zum Projekt und zu den Kontoverbindungen finden sich auf www.martawoestfreekitchen.com. „Die gespendete Summe kommt ohne Abzug bei den Kindern an“, verspricht Norbert Wöstmann. Über Fördermodelle wie Patenschaften oder Fördermitgliedschaften wird nachgedacht. „Noch ist der Verein im Aufbau“, sagt der 72-jährige Unternehmer.
Marta Wöstmann mit einigen Grundschulkindern in Dessie. Die rotblauen Schuluniformen sind Pflicht, doch viele Eltern können sie nicht bezahlen. Auch hier hilft die Gütersloherin.
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Wie wichtig die Hilfe ist, erlebt Marta Wöstmann bei jedem Besuch: Kinder können sich endlich konzentrieren, weil ihr Magen nicht mehr leer ist. „Die Kinder sind motiviert, zur Schule zu kommen“, sagt sie. „Und die Eltern schicken sie nicht mehr auf die Felder oder zum Betteln, weil sie wissen, dass ihre Kinder hier gut versorgt sind.“
„Man kann Armut nur durch Bildung bekämpfen“
Zwar besuchen viele Kinder die Grundschule, doch mehr als die Hälfte bricht die achtjährige Schulzeit vorzeitig ab. Nur ein Bruchteil wechselt auf weiterführende Schulen. Wöstmann ist überzeugt, mit der Schulküche die Abbrecherquote senken zu können. „Man kann Armut nur durch Bildung bekämpfen“, sagt sie.
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Die Kinder in Dessie wissen die Hilfe aus Deutschland zu schätzen – und teilen sie oft mit anderen, die nichts bekommen. „Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung sind enorm“, sagt Norbert Wöstmann. Ebenso die Dankbarkeit: Einmal, erzählt Marta Wöstmann und muss dabei mit Tränen kämpfen, sei spontan ein Kind auf sie zugekommen, habe sie umarmt und gesagt: „Gott schütze dich.“ Das sei Antrieb, sich noch stärker zu engagieren.


