Simbabwe zählt zu den unterschätzten Ländern in Afrika. Dabei locken neben den spektakulären Victoriafällen der riesige Kariba-Stausee und Safaris in wildreichen Nationalparks. Mehr über den Alltag der Menschen erfährt man bei einem Besuch der Hauptstadt Harare.
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Am Morgen liegt ein Rudel Löwen nahe der Lodge und frühstückt. Es verspeist ein zuvor gerissenes Nilpferdjunges. Ein spektakuläres Schauspiel, das die wenigen Safari-Gäste aus sicherer Entfernung staunend schaudern lässt. Solche Fressorgien bekommt man normalerweise eher selten geboten, und wenn doch, dann parken in überfüllten Safari-Zielen meist fünf bis zehn Kleinbusse um das Rudel. Nicht so in Simbabwe.
Das Land ist ein wildreiches, aber wenig besuchtes Safari-Ziel in Afrika. Vergangenes Jahr kamen gerade mal 1,6 Millionen internationale Besucher, während etwa Nachbar Südafrika 8,5 Millionen zählte. Dabei war Simbabwe nach seiner Unabhängigkeit 1980 auch für Deutsche lange Zeit ein beliebtes Reiseziel im südlichen Afrika. Es bietet Naturwunder wie die Victoriafälle, den Kariba-Stausee – und hat elf Nationalparks. Gut 27 Prozent seiner Fläche sind geschützt.
Der Hauptgrund für das bescheidene Abschneiden Simbabwes: Seit den späten 1990er-Jahren steht das Land wirtschaftlich schlecht da und weist die weltweit höchste Inflation auf. 2023 stieg sie auf 667 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Teuerungsrate wirkt sich negativ auf die Besucherzahlen aus; auch viele Veranstalter schreckt die Unkalkulierbarkeit der Preisentwicklung ab.
Trotzdem ist das vergleichsweise teure Simbabwe ein sicheres und reizvolles Reiseziel – und eines, das Besucher in seltener Ruhe entdecken können. Überfüllte Safari-Reviere gibt es hier nicht. Da die Infrastruktur allerdings nicht überall auf Top-Niveau ist, empfiehlt es sich, Rundreisen über Veranstalter zu organisieren und am besten die Highlights zu kombinieren, beginnend mit dem Kariba-Stausee.
Im See grenzen Simbabwe und Sambia aneinander
Das zweimotorige Flugzeug senkt sich über den unwirklich riesigen See. Wasser, so weit das Auge reicht, und das mitten im afrikanischen Binnenland. Noch seltsamer ist der Anblick der Uferzonen: Hier ragen Hunderte graue Baumstämme wie eingerammt in die Höhe. „Das waren vor gut 60 Jahren die Wälder hier im Tal, bevor es geflutet wurde“, ruft der Pilot im Motorenlärm in sein Headset hinein, über das er die Passagiere informiert.
Ziel des Charterflugs ist Fothergill Island, bei hohem Wasserstand tatsächlich eine Insel im Kariba-Stausee, durch den die Grenze zwischen Simbabwe und Sambia verläuft. Bereits seit Jahren steht das Wasser aber so niedrig, dass Fothergill auch per Allradwagen vom Festland aus zu erreichen ist.
Die weiten Grasflächen am Ufer mögen gelblich vertrocknet wirken, Fothergill jedoch wirkt wie eine grüne Oase: Der gepflegte Rasen der luxuriösen Zelt-Lodge leuchtet schon von Weitem aus der Luft, sogar auf Satellitenbildern ist die Insel knallgrün zu sehen. Kurz vor dem Aufsetzen muss der Pilot ein Ausweichmanöver fliegen. Am Anfang der Buschpiste steht, von der fliegenden Zivilisation völlig unbeeindruckt, ein Elefant. Wildwechsel auf Afrikanisch. Ein Simbabwe-Urlaub bedeutet eben auch Abenteuer.
Die Insel ist nach Rupert Fothergill benannt, in den späten 1950er-Jahren oberster Wildhüter in der damaligen britischen Kolonie Rhodesien. Er war es, der die berühmte „Operation Noah“ startete: Als das Kariba-Becken und das Flusstal des mächtigen Sambesi über vier Jahre hinweg geflutet wurden, rettete sein 60-köpfiges Team fast 5000 Wildtiere, vom Erdmännchen übers Zebra bis zum Elefanten, vor dem Ertrinken.
Damals wurde hier der Matusadona-Nationalpark gegründet. Aufgrund der Wirtschaftskrise in Simbabwe stark vernachlässigt, verschwanden viele Tiere. Erst durch privates Investment und Initiativen von Umweltschützern konnte man den alten Tierreichtum wiederherstellen. Heute werden Wilderer von den Naturschutzbehörden im Nationalpark streng verfolgt; Fothergill ist mittlerweile eine Ruhezone fürs Wild mit höchst ungewöhnlichen Safaris. Sie finden hier nicht, wie anderswo üblich, im Jeep oder Kleinbus statt, sondern auf dem Wasser mit dem Boot.
Fahrt mit einem Boot durch die Sanyati-Schlucht
Zuerst geht es über den See zur Sanyati-Schlucht, einem der landschaftlichen Höhepunkte Simbabwes. Nach schneller Überfahrt lässt der Guide das Boot immer tiefer in die sich verengende Schlucht fahren. Die Seitenwände sind steil, an den Hängen springen Affen in den Bäumen herum, darüber kreisen Raubvögel.
Plötzlich kommt an einer sandigen Flussmündung am Ufer Bewegung auf. Als das Boot sich ihnen nähert, gleiten unzählige Krokodile flink ins Wasser. Ein paar Meter weiter prusten Nilpferde und reißen ihre riesengroßen Mäuler auf. Am Ende der Schlucht versperren Felsbrocken den Weg und es geht retour. Über den Steilwänden liegt ein leuchtender Regenbogen.
Als das Boot wieder den Kariba-See erreicht, taucht die verschwindende Sonne die Wolken in ein surreales Feuerrot, kurz darauf liegt der Mond wie ein riesiger leuchtender Ball auf den aufragenden Bergen. Beim Anlegen schließlich zeichnet sich oberhalb des Ufers die Silhouette eines Elefanten gegen den orangeroten Abendhimmel ab. Mehr Afrika-Feeling geht kaum – und mehr Exklusivität auch nicht. „Unsere Stärke sind die wenigen Besucher. Hier gibt es nur 60 Betten und 8000 Touristen im Jahr“, sagt Nationalpark-Manager Michael Pelham.
Die Victoriafälle sind die breitesten Wasserfälle der Welt
Nur an einem einzigen Ort in Simbabwe tummeln sich viele Besucher: In Victoria Falls flussaufwärts den Sambesi entlang, an dem in Simbabwe von der Stromerzeugung bis zum Tourismus alles hängt. Eine gute halbe Stunde Flug sind es von Fothergill aus. An Bord sind alle gefesselt vom Anblick der breitesten Wasserfälle der Welt, die zum Unesco-Weltnaturerbe zählen.
Für viele Touristen ist es ein Muss, möglichst nah an der 1,7 Kilometer langen Abbruchkante entlangzulaufen und Selfies zu schießen. Groß ist die Herausforderung, dabei trotz der verteilten Regenumhänge irgendwie trocken zu bleiben, denn das Wasser des Sambesi wird hier zu einem Regennebel aufgewirbelt, der alles durchdringt, während über einem der blaue Himmel und der berühmte Regenbogen strahlen.
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Von Rundflügen über die Victoriafälle im Hubschrauber über den Bridge Jump (ein 70 Meter tiefer Bungee-Sprung in die Sambesi-Schlucht) bis zur Bridge Slide (eine Art Zipline) ist hier für alle Preisklassen und Adrenalin-Bedürfnisse gesorgt.
Viktorianische und Jugendstil-Architektur in Harare
Vergleichsweise wenige Touristen erleben das „richtige“ Leben in Simbabwe und buchen anschließend einen Aufenthalt in Harare. Schade – denn die Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern hat trotz Renovierungsstau und vieler Schlaglöcher auf den Straßen ihren Charme behalten: mit viktorianischer und Jugendstil-Architektur in der Innenstadt, Kunst in der Nationalgalerie, mit einer lebendigen Restaurantszene und gut bestückten Märkten. Dazu hat sie freundliche Einwohner und angenehm viel Grün.
Gegen den Verfall sollte mehr getan werden, sagt Wengayi Nhau, ein lokaler Touristikunternehmer, der Gäste durch Harare führt: „Vieles geht bei uns den Bach runter“, schimpft er. Nhau läuft durch die First Street zwischen meist leer stehenden Bürohochhäusern der Innenstadt. „1969 waren die Mieten für Büros hier höher als in London, heute machen nur noch die Obstverkäufer in der City ihre Geschäfte“, erzählt er.
Zu den schrägsten Fotomotiven in Simbabwe zählt das Heroes’ Acre Monument vor den Toren der Stadt, das an die im Simbabwe-Unabhängigkeitskrieg getöteten Guerillas erinnert. Eine gigantische Dreierstatue, deren Stil an den sozialistischen Brutalo-Realismus erinnert. Nicht ohne Grund: Das Denkmal stammt aus dem Mansudae Art Studio in Pjöngjang, das auf Heldenskulpturen nordkoreanischer Führer spezialisiert ist.
Angeblich soll das Studio auch eine Skulptur von Simbabwes 2019 verstorbenem Diktator Robert Mugabe gefertigt haben, die bis heute allerdings nicht öffentlich zu sehen ist. Dafür trägt der internationale Flughafen des Landes den Namen des 2017 durch einen Putsch gestürzten ehemaligen Staatschefs.
Ein Ausflug zu den Chiremba Balancing Rocks
Kaum 13 Kilometer südöstlich der Stadt findet sich ein weiterer Ort, an dem sich die Schönheit und die Skurrilität Harares vereinen: die Chiremba Balancing Rocks. Die riesigen Brocken aus Magmagestein sind auf faszinierende Weise übereinandergestapelt – nicht von Künstlerhand, sondern von der Natur.
Da gibt es den schiefen Eierfelsen, die sogenannte Flugboot-Formation und den berühmten Geldfelsen, der aus drei aufeinander getürmten Brocken besteht. Ein Bild des Felsens zierte einst jeden Geldschein, den Simbabwes Zentralbank herausgab, darunter die Banknote mit dem höchsten Nennwert: die legendäre 100-Billionen-Dollar-Note, die auf dem Höhepunkt der Hyperinflation 2008 gedruckt wurde. 2015 schaffte die Regierung den Simbabwe-Dollar einstweilen ab, bezahlt wird seither zumeist mit ausländischem Geld, neben US-Dollar sind auch Euro, indische Rupien, südafrikanischer Rand und neuerdings Simbabwe-Gold im Umlauf.
Bis heute werden die Geldfelsen für Propaganda genutzt. „Die natürliche Stabilität dieser Formation symbolisiert die wirtschaftliche und finanzielle Widerstandsfähigkeit und Stärke der Nation“, steht auf einem neu aufgestellten Schild. „Was für eine Farce!“, sagt Guide Wengayi Nhau. Und doch bleibt Simbabwe ein schönes, sehenswertes Land.
Tipps und Informationen:
Anreise: Flüge von Deutschland nach Harare bieten etwa Ethiopian Airlines, Emirates und Qatar Airways, alle mit mindestens einem Umstieg. Discover Airlines hat wöchentlich mehrere Flüge ab Frankfurt nach Victoria Falls, mit Umstieg etwa in Johannesburg. Günstiger kann es mit SAA oder FlySafair ab Johannesburg oder Airlink ab Kapstadt sein. Im Inland fliegen Air Zimbabwe und Fastjet. Flüge direkt zu Safari-Lodges und den Victoriafällen bietet Mack Air.
Rundreisen: Zweiwöchige Pauschalreisen nach Simbabwe bietet zum Beispiel der Anbieter Abendsonne Afrika, ab 8949 Euro im Doppelzimmer ohne Anreise (abendsonneafrika.de). Mehrtägige individuelle Pauschalangebote für Simbabwe inklusive der Fothergill-Lodge hat der Veranstalter Off the Track im Programm, ab rund 4600 Euro pro Person im Doppelzimmer (offthetrack.co.zw). Die komfortablen Zelt-Lodges in Fothergill lassen sich auch direkt buchen, All-inclusive mit Safaritouren ab 690 Euro pro Person und Nacht (fothergill.travel).
Weitere Informationen: zimbabwetourism.net
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Off The Track und Mack Air. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.