
Rayan* hat sein Herkunftsland vor fünf Jahren verlassen – jetzt soll er zurückgeschickt werden.Bild: watson/Nina Stiefel
Asylsuchende aus Maghreb-Staaten haben in Europa kaum eine Chance auf Asyl. Warum kommen sie trotzdem? Und wieso werden so viele straffällig? Ein junger Algerier und ein Maghreb-Experte erzählen.
04.09.2026, 05:5504.09.2026, 05:55

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Ein graues Gebäude, umzäunt von Stacheldraht, Gitter vor den Fenstern, Überwachungskameras. In dieser Festung direkt hinter dem Flughafen Zürich warten Menschen auf ihre Ausschaffung.
Hinter den Gemäuern des Ausschaffungsgefängnisses in Kloten sitzt Rayan, der eigentlich anders heisst und anonym bleiben möchte, in einem kahlen Raum auf einem Stuhl. Er ist grossgewachsen, trägt ein helles T-Shirt und eine dunkle Hose. Der 24-Jährige spricht bedacht, immer wieder stockt er, sucht nach den richtigen Worten auf Französisch. Seit sechs Monaten befindet er sich in Administrativhaft. Davor hat er vier Monate wegen illegalen Aufenthalts in der Schweiz verbüsst.
Seit Mitte August gibt eine Zahl zu reden: 80,5 Prozent der Asylsuchenden aus Maghreb-Staaten – aus Algerien, Tunesien und Marokko – sind 2024 während ihres Asylverfahrens oder nach einem negativen Entscheid mindestens einer Straftat beschuldigt worden. Das zeigt eine interne Auswertung des Staatssekretariats für Migration (SEM), die der Blick publik gemacht hat.
Hinter dieser Zahl steht eine weitere: Die Schweiz bewilligt nur etwa ein Prozent der Asylgesuche von Personen aus Maghreb-Staaten. Warum verfolgen dennoch viele den Traum vom Leben in Europa und riskieren dafür ihr Leben?
Auf der Suche nach einem besseren Leben
Rayan verliess mit 19 Jahren sein Heimatland Algerien. Er hatte dort als Kellner und Friseur gearbeitet. In Algerien sah er für sich keine Zukunft. Wie ein «grosses Gefängnis» sei ihm das Land vorgekommen.
Also entschloss sich Rayan, nach Europa aufzubrechen. Dort, war er sich sicher, warte ein neues Leben auf ihn. Er überquerte das Mittelmeer und ging in Italien an Land. Über Umwege gelangte er in die Schweiz, wo er Ende 2022 ein Asylgesuch stellte. «Die Schweiz erschien mir als ruhiges, friedliches Land, in dem man sich ein Leben aufbauen kann», sagt Rayan. «Ich war jung und voller Hoffnungen.»
Nach einigen Tagen in einem Westschweizer Asylzentrum habe er gemerkt: Um seine Chancen auf Asyl steht es schlecht.
«Ich sah Menschen aus Nordafrika kommen und gehen. Niemand ist geblieben. Ich habe verstanden, dass wir in der Schweiz kein Asyl erhalten.»
Rayan*
Er kann das nicht nachvollziehen. «Wir wollen arbeiten, uns integrieren. Und dann stecken sie dich in ein Camp und schicken dich zurück. Wir haben hier keine Chance.»

Mindestens 1900 Menschen kamen im Jahr 2025 bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ums Leben, gemäss Zahlen der UNO-Flüchtlingshilfe.Bild: AP
Leben im Untergrund
Einen Monat nach seiner Ankunft in der Schweiz wurde Rayan Opfer eines Gewaltverbrechens, wie er sagt. Er erlitt Brüche am ganzen Körper. Der Täter sei wegen schwerer Körperverletzung verurteilt worden, erzählt Rayan. watson kann dies nicht überprüfen, ein medizinisches Gutachten, das seine Verletzungen belegt, liegt uns jedoch vor. Die körperlichen und psychischen Folgen des Vorfalls belasten den 24-Jährigen bis heute.
Das Staatssekretariat für Migration (SEM) lehnte Rayans Asylgesuch ab. Als er aus dem Spital in die Unterkunft zurückgekehrt sei, habe man ihm mitgeteilt, dass seine Abschiebung bevorstehe. «Ich war völlig verzweifelt. Ich bin über das Meer nach Europa gekommen. Und ich war nach meinem Unfall noch nicht genesen.»
Rayan tauchte unter. «Ich hatte Angst, dass sie mich holen und zurückschicken.» Er habe eine Weile «draussen» verbracht. Er kam bei Bekannten unter oder bei seiner Freundin, die er in der Schweiz kennenlernte.
Mit Gelegenheitsjobs habe er sich über Wasser gehalten – bei der Weinernte oder bei Umzügen. Das habe jedoch nicht ausgereicht. Eine Arbeit zu finden ohne Papiere sei schwierig gewesen. Familienangehörige in Frankreich hätten ihm darum zusätzlich Geld geschickt und die Ausgaben habe er mit seiner Freundin geteilt.
Bis er bei einer Polizeikontrolle in der Wohnung eines Freundes festgesetzt wurde. Vier Monate sei er inhaftiert worden wegen illegalen Aufenthalts. Danach kam er nach Kloten in Ausschaffungshaft. Insgesamt zehn Monate ist er bereits hinter Gittern. «Ich bin seit zehn Monaten im Gefängnis, nur weil ich keine Papiere habe», sagt er. Seine Freundin besucht ihn alle zwei Wochen.
Wann genau seine Abschiebung geplant ist, wisse er nicht. Rayan hofft weiterhin darauf, bleiben zu können. Auch wegen seiner gesundheitlichen Probleme. «In Algerien habe ich keinen Zugang zur medizinischen Versorgung, die ich benötige.»
Wünscht er sich manchmal, er wäre in Algerien geblieben? «Nein. Ich habe dort nichts mehr.» Dass er jetzt, fünf Jahre, nachdem er sein Heimatland wider viele Hürden und Hindernisse verlassen hat, wieder zurückgeschickt werden soll, lässt ihn verzweifeln.
«Hier habe ich mir ein Leben aufgebaut. Dort bin ich körperlich und psychisch verloren.»
Rayan*

Das Ausschaffungsgefängnis am Flughafen Zürich: Hier haben bis 130 Inhaftierte Platz.Bild: watson
Europa als Verheissung
Menschen, die in Europa ein besseres Leben suchen, werden im Maghreb «Harraga» genannt. Die, die verbrennen. In Anlehnung daran, dass einige vor der Ausreise ihre Ausweispapiere verbrennen, um nicht zurückgeschickt zu werden. Es gebe ein bestimmtes Profil derer, die ohne Visum aus den Maghreb-Staaten ausreisen, sagt Beat Stauffer zu watson. Er ist Journalist und Autor mehrerer Bücher über irreguläre Migration aus den Maghreb-Staaten in die Schweiz.
Es handle sich in den meisten Fällen um junge, teilweise minderjährige Männer aus der unteren Mittelschicht oder aus der Unterschicht, die aus abgehängten Regionen oder Vorstädten grosser Städte kommen. Viele hätten keine Ausbildung und auch in ihrem Herkunftsland schlechte Chancen, eine Arbeit zu finden. Ein kleiner, aber zunehmender Teil seien Frauen oder Familien.
Zur Person
Beat Stauffer ist Autor, Journalist und Referent mit Fokus auf die Maghreb-Staaten und Migration aus dem Maghreb. Er ist Autor der Bücher «Die Sackgasse der irregulären Migration» und «Maghreb, Migration und Mittelmeer». Seit den 1980er-Jahren besucht er die Maghreb-Staaten regelmässig.

Bild: © Friedel Ammann
Die wirtschaftliche Lage, die Lebensbedingungen und die fehlende Chance auf ein würdiges Leben trieben sie an, ihre Heimatländer zu verlassen. «Die Frustration junger Menschen in Marokko, Algerien und Tunesien ist riesig und weit verbreitet», sagt Stauffer. Zwar gebe es auch Versuche, politische Veränderungen zu bewirken. So etwa die Jugendprotestbewegung «GenZ 212» in Marokko, die im vergangenen Jahr für soziale Reformen und bessere Gesundheitsversorgung gekämpft hatte.
«Viele junge Menschen haben jedoch den Eindruck, sie könnten in ihrem Land nichts verändern und nichts erreichen», sagt Stauffer. Das gelte nicht nur für Marokko, sondern auch für die anderen Maghreb-Staaten. «Politische Freiheiten fehlen, der gesellschaftliche und zum Teil auch der religiöse Druck sind stark.»
Europa, das im Fall von Marokko teils nur wenige Kilometer entfernt liegt, wirke da wie eine Verheissung auf ein besseres Leben, zum Greifen nah. Dazu trügen Bilder und Videos auf den sozialen Medien derjenigen bei, die es «geschafft haben». «Diese Bilder haben eine unglaubliche Sogkraft auf junge Leute», sagt Stauffer.

Kundgebung der Bewegung «GenZ 212» für Reformen im Gesundheits- und Bildungsbereich, aufgenommen im Oktober 2025 in Rabat, Marokko. Bild: EPA
Um keinen Preis zurück
Wer aus dem Maghreb stammt und sich legal in Europa aufhalten will, braucht ein gültiges Visum. Wer nicht der Oberschicht angehöre, habe aber kaum Chancen auf einen legalen Aufenthalt, etwa durch ein Studium oder eine hochqualifizierte Arbeit, sagt Stauffer. Viele versuchen darum, über den Weg eines Asylgesuchs einen legalen Aufenthaltsstatus zu erwerben.
Doch Asylgesuche von Menschen aus dem Maghreb würden in der Schweiz in den allermeisten Fällen abgelehnt. Denn kaum jemand könne eine Verfolgung aufgrund politischer oder religiöser Gründe geltend machen. Das bestätigt auch das SEM gegenüber watson. Viele tauchen während ihres Asylverfahrens oder nach einem negativen Entscheid unter und versuchen, unter dem Radar zu bleiben. Wie viele, weiss das SEM nicht.
In Europa angelangt laute die Hauptstrategie:
«Wenn du einmal in Europa bist, gehst du nicht mehr zurück.»
Beat Stauffer
Auch der Druck vonseiten der Familien auf die Migrantinnen und Migranten sei mitunter gross. Viele von ihnen sollen ihre Familien im Herkunftsland finanziell unterstützen. Negative Erfahrungen würden Migrantinnen und Migranten vor der Familie und dem Freundeskreis häufig verschweigen.
«Unter Menschen, die aus dem Maghreb flüchten, gibt diese Erzählung, dass es für diejenigen, die hartnäckig und mutig sind, immer irgendeine Möglichkeit gibt», sagt Stauffer. Mit dem EU-Asylpakt sei es für irreguläre Migrantinnen und Migranten jedoch schwieriger geworden, unter dem Radar zu bleiben oder etwa in mehreren Ländern unter anderem Namen ein Asylgesuch zu stellen.
Vor diesem Hintergrund ordnet der Maghreb-Experte auch die hohe Zahl derer ein, die in der Schweiz während oder nach Ablauf ihres Asylverfahrens einer Straftat beschuldigt werden:
«Der Hauptgrund für diese extrem hohen Zahlen ist eine enorme Chancenlosigkeit.»
Beat Stauffer
Stauffer ist alarmiert, dass auch jene, die sich in einem laufenden Asylverfahren befinden, in der Schweiz häufig straffällig werden: «Das zeigt auf, dass sie gar nicht mehr an dieses Verfahren glauben.»
Verstösse gegen das Ausländer- und Integrationsgesetz – wie der illegale Aufenthalt in der Schweiz – gehen nicht in die Statistik ein, die der Blick kürzlich publik machte. Das bestätigt das SEM gegenüber watson. Rayan zählt somit nach eigenen Angaben nicht zu den 80,5 Prozent der nordafrikanischen Asylsuchenden, die während ihres Asylverfahrens oder nach einem negativen Entscheid einer Straftat beschuldigt worden sind.
Wie erklärt sich der junge Algerier Rayan, dass so viele mit dem Gesetz in Konflikt geraten? «Viele haben Schwierigkeiten, das Gesetz zu verstehen», sagt er. Rayan ist überzeugt: «Die Menschen möchten das Gesetz gerne einhalten.» Doch ihnen fehlten legale Alternativen:
«Es gibt Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind. Sie machen alle möglichen Dinge, weil sie keine Möglichkeit haben, zu arbeiten.»
Rayan*
Und weiter: «Sie sitzen in einem Zentrum fest, ohne Arbeit und ohne Motivation. Sie essen und sie schlafen. Das ist kein Leben.»

Ein Asylsuchender wird von einem Grenzwächter in Chiasso kontrolliert. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS
Keine einfachen Lösungen
Würden mehr Möglichkeiten für einen legalen Aufenthalt für Menschen aus dem Maghreb Abhilfe schaffen? «Auf jeden Fall», sagt Stauffer. Doch:
«Die Nachfrage nach einer legalen Arbeitsstelle in Europa ist viel grösser als das Angebot.»
Beat Stauffer
Das kann aber laut Stauffer nur funktionieren, wenn gleichzeitig die irreguläre Migration aus diesen Staaten konsequent gestoppt wird.
«Es gibt keine einfachen Lösungen», schlussfolgert Stauffer. Vielmehr brauche es ein «Gesamtpaket»: So sollte die Schweiz gemäss dem Maghreb-Experten stärker mit maghrebinischen Staaten zusammenarbeiten und in konkrete Projekte vor Ort investieren, etwa im Bildungsbereich. Zudem befürwortet Stauffer, dass die Schweiz das individuelle Asylrecht bei jenen einschränkt, deren Chancen auf Asyl sehr gering sind. Etwa durch ein Vorverfahren, auf das kein reguläres Asylverfahren folgt.
Im November 2023 führte das SEM 24-Stunden-Verfahren für «aussichtslose Asylgesuche» von Personen aus nordafrikanischen Staaten ein. Im Rahmen der Asylstrategie 2027 soll vor einem Verfahren ausserdem neu geprüft werden, ob überhaupt Asylgründe vorgebracht werden. Eine grundsätzliche Abschaffung des Rechts auf ein individuelles Asylverfahren lehnt Justizminister Beat Jans jedoch entschieden ab, wie er kürzlich in einem Interview mit der NZZ bekräftigte: «Das würde die Menschenwürde im Kern aushöhlen. Diese ist unveräusserlich, unabhängig von der Herkunft der Personen.»
Für Rayan spielen diese Dinge keine Rolle. «Ich bin kein Politiker», sagt er. Gegen Ende des Gesprächs wirkt er erschöpft. Er weiss um die Aussichtslosigkeit seiner Situation und sagt: «Wir sind alle Menschen. Aber wenn du keine Papiere hast, bist du nichts wert.» Was Rayan mit Sicherheit weiss: Er will um keinen Preis zurück nach Algerien. Und: «Auch wenn sie mich zurückschicken – ich kehre zurück.»
(*Name geändert)