Inhalt

Auf einer Seite lesen

Inhalt

Seite 1Die Vertriebenen vom Tschadsee


Seite 2Die Schüsse kamen früh um fünf


Seite 3Den Binnenflüchtlingen geht es noch schlechter

Das Ufer des Tschadsees ist längst nicht mehr zu erkennen. Über das Wasser spannt sich eine mehrere Zentimeter dicke Erdschicht, ein Teppich aus dichtem Matsch. Aus dieser Erdschicht sprießen mannshohe Gräser in den Himmel. Ihre grünen, sichelartigen Spitzen sind noch in Hunderten Metern Entfernung zu erkennen.

Wissenschaftler ordnen die Pflanzen, die auf dem Wasser wachsen, unter anderem der Gattung Typha zu, sie sprechen von einem Naturphänomen. Die Menschen am Tschadsee bezeichnen sie als „schwimmendes Gras“ und als Plage.

„Wir haben hier früher gefischt“, sagt Nasiru Saidu. Kaum vier Jahre sei es her, dass hier, vor dem Ort Tagal im Tschad, Hunderte Männer mit ihren Booten in See stachen und ihre Netze und Fallen auswarfen. „Aber auch Fische brauchen Luft zum Atmen“, sagt Saidu. Das Gras habe die Tiere unter sich erstickt. Die einzigen Boote, die jetzt noch am Ufer zu sehen sind, vergammeln in der feuchten Erde.

Rund um den Tschadsee entspinnt sich eine der vielschichtigsten Krisen unserer Zeit. Armut und Hunger sind extrem, die Bevölkerung wächst rasant, bewaffnete Gruppen terrorisieren die Menschen, korrupte Regierungen beuten sie aus. Und in den vergangenen Jahrzehnten wurde die Natur lebensfeindlicher. Der Klimawandel gilt als Ursache dafür. Er verstärkt die bestehenden Probleme und er schafft neue, wie Typha. Steigende Temperaturen fördern es weiter.

Klimakrise – Wie extrem wird das Wetter noch?
Hitzewellen, Dürre und Fluten nach Starkregen – was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist erst der Anfang der Klimakrise. Dieses Video erklärt, was uns bevorsteht.
© Foto: ZEIT ONLINE

Die Menschen am Tschadsee sind traditionell anpassungsfähig, doch immer mehr verlieren ihre Existenzgrundlage. Immer mehr sehen in der Flucht ihren einzigen Ausweg. Seit Anfang 2020 hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen im Tschad von kaum 200.000 auf mehr als 400.000 verdoppelt. Abertausende Flüchtlinge aus Niger und Nigeria, zwei anderen Anrainerstaaten des Tschadsees, suchen im Land ebenfalls ein besseres Leben. Oft vergeblich. Ein besseres Leben scheint es in diesem Teil der Welt nicht mehr zu geben. Die Menschen werden zu Heimatlosen, die nie zur Ruhe kommen.

Wie viele werden fliehen?

Am Tschadsee ist zu beobachten, was auf viele Regionen der Welt zukommen könnte. Gelingt es nicht, die globalen Emissionen erheblich zu senken, werden die Folgen laut eines Berichts der Weltbank bis zum Jahr 2050 mehr als 200 Millionen Menschen vertreiben. Die große Frage ist, wohin. Seit Jahren treibt Migrationsexperten um, wie viele nach Europa kommen. Doch derartige Prognosen sind komplex und unsicher.

„Man kann über das schwimmende Gras gehen“, sagt Saidu. „Niemals stehen bleiben, sonst brichst du durch.“ Zwei Jugendliche kommen vorbei. Sie ziehen ihre langen Hosen aus, dann laufen sie hinaus auf den Typha-Teppich. Bei jedem ihrer Schritte sinkt die dünne Erdschicht unter ihren Füßen einige Zentimeter ab. Der Boden fängt an, Wellen zu schlagen. Die Jugendlichen passen sich dem Rhythmus dieser Wellen an, um möglichst wenig Druck auf den fragilen Untergrund auszuüben. Sie tragen Speere, deren metallene Spitzen im Takt ihrer Schritte wie Metronome über ihren Köpfen wippen.

Speere zum Schutz vor Alligatoren und Flusspferden. Jugendliche am Ufer von Tagal, kurz bevor sie über den Teppich aus Typha rennen © Issio Ehrich für ZEIT ONLINE

Die Speere seien ein notwendiger Schutz, sagt Saidu. Er blickt den Jugendlichen lange nach. „Das ist kein Ort mehr für den Menschen“, sagt er. „Dieser Teil des Sees gehört jetzt Alligatoren und Flusspferden.“ Tagal, sagt er, sei verloren. Und Saidu weiß, wovon er spricht: Typha ist für ihn nur die jüngste in einer Serie von Plagen.

© Lea Dohle

Newsletter
Was jetzt? – Der tägliche Morgenüberblick

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.

Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.

Der Tschadsee war einst ein Paradies. Saidu stammt aus einer Fischerfamilie aus Nigeria, am westlichen Ende des Sees. In den Sechzigerjahren war er 25.000 Quadratkilometer groß. Ohne dieses gewaltige Wasservorkommen hätte sich das menschliche Leben im Sahel, dem Übergang der Sahara-Wüste im Norden Afrikas in die feuchteren Gefilde des südlicheren Afrikas, nie derart entwickelt. Doch als Saidu 1976 zur Welt kam, befand sich dieses Naturwunder bereits in einem dramatischen Wandel. Eine Jahrhundertdürre hatte den Sahel erfasst.