Kenia serviert Besuchern eine Opulenz an Natur, die sprachlos macht. Abseits des Idylls gibt es Irritationen – und Spuren, die bis in die Steiermark führen.
Mitten in Kibera stößt man plötzlich auf ein Stück Südoststeiermark. „The Great Furstenfield Posho Mill“ steht über dem Eingang zu einem gartenhüttengroßen Gebäude mit grüner Eingangstüre und ziegelroten Mauern in dem Slum, der geschätzt eine Million Einwohner hat, im Südwesten von Kenias Hauptstadt Nairobi. Drinnen rattert eine kleine Mühle und schrotet Maiskörner, die später in den Küchen der Nachbarschaft zu Ugali verkocht werden, dem polentaartigen „Signature Dish“ der einfachen kenianischen Hochlandküche.
Die Reminiszenz an Fürstenfeld gründet sich auf der Biografie des Mühlenbesitzers. Die südoststeirische Stadt war der erste Ort, den Stephen Ndungu Kiarie in Österreich besucht hat, als er 2009 Wettkämpfe für den österreichisch-kenianischen Laufverein „run2gether“ absolvierte. Die im Laufe der folgenden Jahre erlaufenen Preisgelder investierte Kiarie in den Kauf der Mühle in Kibera, wo er heute noch mit seiner Frau und drei Kindern wohnt.
Kibera in Nairobi: Kenias andere Seite
Er empfängt den Besucher mit herzlicher Gastfreundschaft in einem fensterlosen Raum, der als Küche und Wohn- und Schlafzimmer dient. Durch ein enges, unübersichtliches Gassengeflecht führt Kiarie später durch den Slum, dessen Siedlungsgeschichte auf nubische Soldaten zurückgeht, die hier 1918 in einem Wald außerhalb Nairobis mit kleinen Grundstücken für ihren Einsatz im Ersten Weltkrieg belohnt wurden.
Von Soldaten, Bäumen und Landwirtschaft ist längst nichts mehr zu sehen. Stattdessen: Leben auf engstem Raum, zahllose Minigeschäfte, in denen alles von Holzkohle über Lebensmittel bis zu gebrauchten Handys, neuen Schuhen und Plastikramsch aus Asien verkauft wird. In dem den Horizont sprengenden Teppich aus Hütten hat sich ein vitales, von Armut geprägtes Alltagswirrwarr ausgebreitet – ein scharfer Kontrast zum Reichtum an Natur, mit dem Kenia seine Besucher in den mehr als zwanzig Nationalparks, zahlreichen Naturreservaten und Meeresschutzgebieten verwöhnt.
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Stephen Ndungu ist Mitgründer des „run2gether“-Laufteams, in dessen Camp nahe des Mount Longonot Kenianer mit Besuchern aus Europa gemeinsam trainieren © Klaus HöflerSafari in Kenia: Der Preis für die Wildnis
Gute sechs Autostunden sind es von Nairobi in die Masai Mara, dem kenianischen Teil der Serengeti im Grenzgebiet zu Tansania, ebenso lang fährt man zum Amboseli-Nationalpark weiter im Süden. Beide Naturschutzgebiete sind ein Eldorado für Liebhaber der afrikanischen Tierwelt.
Die Regierung lässt sich den Besuch ihres Goldschatzes aber teuer abgelten. Binnen zwei Jahren wurde der Eintrittspreis von 70 auf 200 Euro erhöht – zum Leidwesen der Tourismuswirtschaft vor den Eingangstoren. Manche Lodge hat Gästerückgänge von über 70 Prozent zu verkraften. Auch Fahrer der Geländewagen, die Besucher auf Pirschfahrten kreuz und quer durch den Park pilotieren, klagen. Viele Verkaufsstände für Wasser, Snacks und Souvenirs haben geschlossen. Kenias Staatshaushalt generiert jährlich bis zu drei Milliarden Dollar aus Safaritourismus – rund sieben Prozent des Bruttosozialprodukts des Landes. Die Betroffenen hoffen jetzt auf einen Richtungswechsel bei den Wahlen im kommenden Jahr.
Kenias Nationalparks: Wildnis hautnah erleben
Die Kehrseite der Medaille: Das Naturerlebnis als Besucher ist (noch) unmittelbarer, die „Staus“ bei besonders lohnenden Spots bleiben überschaubar. Die Geparden, die sich vor der sengenden Sonne in den Schatten unter einem Busch verkriechen, hat man für sich allein. Auch die Löwenfamilie, die gerade ein kurz davor gerissenes Zebra mit blutverschmierten Schnauzen zerlegt, bleibt die längste Zeit ein exklusives, atemberaubendes Schauspiel nur wenige Meter vor der eigenen Nase.
Noch spannender wird es, als eine Reifenpanne ein Verlassen des Geländewagens notwendig macht. „Nur nicht zu weit vom Auto entfernen“, rät der Fahrer. Als wenige Minuten später ein Löwenpärchen keine hundert Meter an dem als Freiluftwerkstatt ausgesuchten Baum vorbeispaziert, spürt man seinen eigenen Herzschlag plötzlich bis in den Hals pochen. Afrikavibes, unverdünnt.
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Was für ein Ort für eine Panne: Reifentausch in der Masai Mara … © Klaus HöflerGreat Migration: Gnus und Zebras in der Masai Mara
Die gibt es später auch ganz ohne Reparaturbedarf an einer Biegung des Mara Rivers, dem Hauptfluss des Schutzgebiets, der auch berühmte Kulisse der großen Gnu- und Zebrawanderung ist, die hier zwischen Juli und September für dichten Tierverkehr sorgt. Auf beiden Uferseiten haben es sich Flusspferdfamilien im seichten Wasser gemütlich gemacht. Die behäbig wirkenden Kolosse mit ihren kugelrunden Bäuchen, kurzen Beinen und schrankartigen Mäulern gelten neben den archaische Urkraft ausstrahlenden Wasserbüffeln als am gefährlichsten für den Menschen.
Als Laie würde man auch auf ein Treffen mit den elendslangen Krokodilen verzichten, die sich auf der gegenüberliegenden Flussseite aus dem Wasser schleppen und mit aufgerissenen Mäulern in den Sand fallen lassen. Am Abend wird der Fotospeicher am Handy neue Rekordwerte aufweisen.
Amboseli-Nationalpark: Elefanten vor dem Kilimandscharo
Im Amboseli-Nationalpark sorgen vor allem die Elefanten für fotografisches Dauerfeuer. Die rund 1600 Tiere starke Population, die hier in Sichtweite zum gleich hinter der nahen Grenze zu Tansania liegenden Kilimandscharo grast, ist weltberühmt. In jüngster Vergangenheit hat sich allerdings ein dunkler Schleier über das Idyll gelegt. Im Juli fanden Ranger von Kenias Wildtierschutzbehörde (KWS) nach und nach 16 Elefantenkadaver in der Savanne, die Mehrzahl waren Elefantenkühe mit ihren Jungtieren. Die Ermittlungen laufen.
Von Polizeikontrollen hört man auch am Lake Naivasha. Fischer, die hier ohne Genehmigung ihre Angelköder auswerfen und erwischt werden, droht ein Jahr Gefängnis. Die größere Gefahr geht aber von den rund tausend Flusspferden aus, die dort wohnen. Berühmter ist das auf rund 1800 Metern Seehöhe im Rift Valley gelegene Gewässer aber für seine Vogelvielfalt und den Umstand, dass auf Crescent Island Szenen des oscarprämierten Films „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep und Robert Redford gedreht wurden.
Die Stars und Filmteams zogen ab, die extra für die Aufnahmen auf die Insel gebrachten Tiere – von Zebras über Affen und Gazellen bis zu Giraffen – blieben. Nirgendwo sonst kommt man ihnen als Spaziergeher näher. Nur vor den auf der „Einwohnerliste“ ebenfalls vermerkten Pythons sollte man sich hüten.
Reisetipps
Reiseziel. Neben einer üppigen Tierwelt in den berühmten Nationalparks wie Amboseli, Tsavo, Samburu oder der Masai Mara lockt Kenia auch mit schönen Bergtouren (etwa auf den Mount Kenya) und paradiesischen Stränden am Indischen Ozean.
Reisezeit. Für Tierbeobachtungen wie die „Great Migration“, bei der tausende Gnus und Zebras den Mara-Fluss queren, eignet sich die Trockenzeit von Juli bis Oktober, für Strandurlaube eher der Jahresbeginn.
Laufcamp. Ambitionierte Läufer können im Camp des österreichisch-kenianischen Vereins run2gether in Kiambogo für Trainingsaufenthalte in Höhenlage einchecken.