Die extreme Hitze zeigte den Tunesierinnen und Tunesiern drastisch, wie schlecht die Infrastruktur ihres Landes ist – und wie wenig der Staatschef darauf zu antworten weiss.
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Philipp Scholkmann
Seit Juli häufen sich die Stromausfälle in Tunesien, mancherorts ist sogar das Trinkwasser knapp geworden. Vor Einkaufszentren stehen die Menschen Schlange, selbst der Verkauf von Mineralwasser ist rationiert. Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft schafft es nicht, den kleinen Maghrebstaat im Sommer flächendeckend zu versorgen. Die Klimaanlagen fressen zu viel Strom. Um das Netz vor dem Zusammenbruch zu schützen, wird im Turnus der Strom abgeschaltet, manchmal für Stunden, manchmal für halbe Tage. Es hat fatale Folgen.
Legende:
Im Landesinneren, wie hier in der Stadt Kairouan, wurden auch diese Woche noch gegen 40 Grad gemessen. Im Juli und August waren es meist über 45 Grad.
Getty Images/Universal Images Group Editorial
Im Netz kursieren die Videos von verzweifelten Menschen: Ein Bauer zeigt auf hunderte verendete Hühner. In seinem Stall stand die Ventilation so lange still, bis die Tiere dahingerafft waren. Auch ein Metzger verliert seine Einkünfte: «Hier das Rindfleisch, verdorben in der Hitze, ich muss es wegwerfen.» Wegen der Stromknappheit versagten im ganzen Land Kühlsysteme und Kühlschränke ihren Dienst. Die hitzebedingten Produktionsausfälle verknappen Lebensmittel – und verteuern sie weiter. Tunesien steckt bereits in einer Wirtschaftskrise, die Kaufkraft sinkt seit Jahren.
Hinzu kam diesen Sommer der Wassermangel. Elektrische Pumpen, die Leitungswasser in die Haushalte bringen, funktionierten nicht mehr. Und wer seinen Durst mit Wasser aus Plastikflaschen stillen wollte, stiess ebenfalls auf Probleme: Die Mineralwasserproduktion hielt nicht Schritt mit der grossen Nachfrage.
Entsprechend blank liegen die Nerven. Da und dort brannten Reifen – es kam zu spontanen nächtlichen Protesten.
Brüchige Wasserleitungen
Viel Wasser versickert in altersschwachen Leitungssystemen. Schon deren Sanierung könnte die Versorgung deutlich verbessern. Die Behörden hoffen stattdessen aufs Meerwasser.
Legende:
Tunesiens exportorientierte Landwirtschaft beansprucht für sich schon enorm viel Wasser. Dazu kommt: Die Infrastruktur ist marode. (Bild: Dattelplantage in Tunesien)
BSIP/Universal Images Group via Getty Images
Der Ausbau von teuren Entsalzungsanlagen wird jedoch weitere Löcher in die tunesische Staatskasse reissen.
Verschwörungstheorien
Hauptsächlich flüchtete sich Präsident Kais Saied aber in Verschwörungstheorien, um die Engpässe zu erklären. «Wir werden nicht hinnehmen, dass Agenten im Auftrag der Feinde Tunesiens versuchen, das Land ins Chaos zu stürzen», kommentierte er die Versorgungsnöte und drohte mit militärischer Gewalt: «Sabotage wird nicht akzeptiert, die Armee ist einsatzbereit.»
Kais Saied verweist regelmässig auf Machenschaften angeblich dunkler Mächte, wenn es darum geht, Systemversagen zu erklären.
Putsch von oben
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Der Verfassungsrechtler war 2019 angetreten mit dem Versprechen, die «Revolution in Tunesien zu vollenden». Er traf damit einen Nerv, besonders bei jungen Tunesierinnen und Tunesiern, die bitter enttäuscht waren vom Gezänk der Parteien – und einem Jahrzehnt des politischen Stillstands. Doch statt neuen Schwung zu bringen, hebelte Saied 2021 die Institutionen aus. Kritikerinnen und Kritiker werden eingeschüchtert. Viele Oppositionelle sind im Gefängnis.
Die Hitzekrise führte in der Hauptstadt Tunis zu neuen Demonstrationen. «Kais Saied ist am Ende» lautete eine der Parolen. Auch «Dégage!» war wieder zu hören. «Verschwinde!» – der Ruf aus den Tagen des «arabischen Frühlings», als Langzeitherrscher Ben Ali gestürzt worden war.
Die Mobilisierung aber hält sich in Grenzen. Es braucht Mut, sich noch offen gegen den autoritären Präsidenten zu stellen. Gleichzeitig verharrt die Opposition in ihren Grabenkämpfen. Die Parteien schaffen es trotz der Krise noch nicht, sich zusammenzuraufen. Das spielt Kais Saied in die Hände. Der Unmut über den politischen Stillstand aber wächst. Er wird nicht verschwinden, wenn die Sommerhitze vorüber ist.
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