„Awa ist eine Kämpferin mit einzigartiger Autorität in dieser Region“, sagt Aliou Samba Ba, Anführer einer einflussreichen Hirtenvereinigung im Schutzgebiet. „Wer hier im Gebiet etwas in Angriff nehmen will – sei es politisch, wirtschaftlich, kulturell oder religiös –, kommt an ihr nicht vorbei.“ Sow will den Fulbe im Schutzgebiet eine bessere Zukunft geben und hat sich mit ihrer jahrzehntelangen Arbeit hohes Ansehen verschafft.

Weil die Hirtengemeinschaften hier eine politische Vertretung haben, hat die Regierung in den letzten Jahren in die Entwicklung der ländlichen Gebiete investiert. Sie hat Viehzucht und -handel massiv gefördert. Das vermeidet Konflikte, die anderswo das Zusammenleben mit der sesshaften Bevölkerung bedrohen.

Ein Vorbild für alle Fulbe-Gemeinschaften

Doch die Niederschläge gehen weiter zurück, Gräser sterben ab, und der Druck auf die Wasserressourcen wächst. Heute begeben sich nicht mehr ganze Familien auf Transhumanz. Es sind vorwiegend Männer, die zu Fuß und mit Eselskarren lange Wege gehen und Frauen und Kinder in den ausgedörrten Dörfern zurücklassen. Sow, die eine ganze Reihe von Programmen und Initiativen leitet, will diese Frauen mobilisieren und ein politisches System schaffen, das auch für Gemeinschaften jenseits des Schutzgebiets ein Vorbild sein könnte.

Als ältestes von neun Kindern wuchs Sow in einem Fulbe-Haushalt in Barkedji auf. Sie hat eine tiefe Wertschätzung für die Traditionen ihrer Gemeinschaft entwickelt. Beim Hüten ihrer Geschwister tat sie sich mit anderen Mädchen zusammen, die Feuerholz sammelten und von nahe gelegenen Brunnen Wasser holten. Mit 18 Jahren heiratete sie einen Mann, der sie lehrte, diese kollektive Kraft auch in anderen Bereichen zu nutzen. Er war Stabschef des Parlamentspräsidenten und ermutigte sie, verschiedene Bezirke zu bereisen und Frauen zur politischen Teilhabe zu ermuntern. „Wenn ihr nicht an Versammlungen teilnehmt, werdet ihr nicht informiert“, sagte sie, während sie mit den Frauen Hirse stampfte. „Wenn die Informationen nicht zu euch kommen, dann müsst ihr hingehen und sie euch besorgen.“

Da es in der Gemeinde, in der Sow aufwuchs, keine reguläre Schule gab, blieb sie Analphabetin. Erst nach ihrer Wahl in einen Gemeinderat auf dem Land lernte sie mit Anfang dreißig lesen und schreiben und arbeitete sich dann in das Bodenrecht der ländlichen Gegend ein.

Fulbe: Frauenversammlung

Sow (M., in Hellblau) leitet in ihrem Haus ein Treffen von Landwirtinnen, die einem von Sow die einen eigenen Betrieb leiten, unter anderem mit Krediten. Die Frauen sammeln hier auch gegründeten Verband für Viehzüchterinnen angehören. Der Verband unterstützt Frauen, Führungserfahrung, was ihnen für die Zukunft weitere Chancen eröffnen kann.

Foto von ROBIN HAMMOND

Die beiden Schutzgebiete Ferlo-Nord und Ferlo-Süd, bilden gemeinsam ein mehr als 12 000 Quadratkilometer großes Gebiet aus Schutz- und Pufferzonen. Während der französischen Kolonialzeit investierte die Regierung in Brunnen und verbot kommerzielle Bodenbewirtschaftung. Sie wollte so die Viehzucht fördern. Seit der Unabhängigkeit Senegals im Jahr 1960 nutzen die halb nomadischen Hirten weiterhin die Ressourcen in den künstlich geschaffenen Oasen entlang ihrer Wanderrouten. 300 000 Hirten leben in Dörfern entlang der Route.

Sow initiierte lokale Gremien, die mit der senegalesischen Regierung die regionalen Wasserrechte und gemeinschaftlich genutzte Korridore für die Herden verwalten. Sie ermutigte Frauen, Führungspositionen in den Gremien zu übernehmen. „Wenn die Grasflächen geschädigt sind, betrifft das Frauen genauso wie Männer“, erklärt sie. „Deshalb sollten sie die Verwaltung dieser Ressourcen auch als gemeinsame Aufgabe begreifen.“

Eine gute Ausbildung für die Kinder

Neben ihrem Einsatz für besseres Landmanagement engagiert sich Sow auch für jene, die bei der Entwicklung zurückbleiben. Viele Mädchen im Teenageralter gehen nicht zur Schule, viele junge Frauen haben keine Arbeit. Sow hat eine Hirtenvereinigung für Frauen ins Leben gerufen, der 1500 Frauen vor Ort angehören; in der Region sind es mehr als 5000. Die Vereinigung unterstützt die Anlage von Gemeinschaftsgärten, die Nahrung und ein Zusatzeinkommen für die Familien liefern. Bedürftige erhalten Zugang zur Krankenversicherung. Zudem hat sie einen Hilfsfonds in Höhe von 22 000 Euro eingerichtet, der in Notlagen einspringt.

All dies hat eine Aufwärtsspirale in Gang gesetzt. Diouma Sow (nicht verwandt mit Awa) gibt ein gutes Beispiel ab: Sie ist stellvertretende Bürgermeisterin von Barkedji, als erste Frau überhaupt. Ihre Karriere begann als Mitglied der Frauenvereinigung. Dort sammelte sie politische Erfahrung und übernahm später eine Reihe höherer und einflussreicherer Ämter. „Wir wollen eine gute Ausbildung für unsere Kinder“, sagt Diouma Sow. „Und wir wollen, dass Frauen selbstbestimmt leben und aktiv am lokalen Wirtschaftsleben teilnehmen.“

Fulbe: Frauen

Im gesamten Tschadbecken, an dem Staaten wie Tschad, Niger, Nigeria und Kamerun Anteil haben, gefährden von der dschihadistischen Terrorgruppe Boko Haram koordinierte Angriffe das Auskommen vieler Fulbe. Gemeinschaften von Hirten und Kleinbauern suchen Zuflucht in Lagern wie diesem. Doch die gewaltsam ausgetragenen Territorialkonflikte sind nur eines von vielen Problemen, mit denen die Fulbe kämpfen.

Foto von ROBIN HAMMOND

Eine der wichtigsten Initiativen von Awa Sow steht nur scheinbar in Widerspruch zur Tradition der halb nomadischen Lebensweise. Sie setzt auf kleinflächige Weidewirtschaft als verlässliche Einkommensquelle, die die Wandertierhaltung in Zeiten des Klimawandels ergänzt. In der vergangenen Trockenzeit hat Sow einen Hirten eingestellt, der 45 Kühe und 300 Schafe auf der jährlichen Wanderung hütet. Bei wohlhabenderen Fulbe ist dies schon gängige Praxis. Wie schon in den Jahren zuvor behielt sie aber einen kleineren Teil ihrer Herde – fünf Kühe und 140 Schafe – das ganze Jahr über auf Weideflächen vor Ort.

Sow findet, dass diese Zweiteilung das traditionelle Nomadentum nicht untergräbt. Der Lebensstil der Fulbe bleibt bestehen, gleichzeitig puffert die Weidehaltung Probleme ab, die den Tieren während der Wanderung widerfahren können. „Die Hirten müssen einfach ihre Methoden und Strategien ändern“, sagt sie.

Einige Fulbe verließen den Raum unter Protest

Die Idee entstand 2017, als Sow und andere Gemeindevorstände mit dem senegalesischen Minister für Viehzucht sprachen. Er hatte sich besorgt gezeigt, dass immer weniger Regen die Bedingungen für die Hirten erschwert. Der Minister plädierte für den Anbau klimaresistenter Pflanzen. Mit ihnen könnten die Viehzüchter einen Futtervorrat für längere Trockenperioden anlegen.

Einige Hirten verließen unter Protest den Raum, empört über den Vorschlag, der ihren nomadischen Traditionen ihrer Meinung nach widersprach. Awa Sow jedoch war angetan von der Idee. Schon vor einigen Jahren hat sie einen Teil ihres Landes eingezäunt. Einige Schafe und Kühe grasen dort das ganze Jahr über. Sie baut hitze- und trockenheitsresistente Futtergräser wie Maralfalfa an, die getrocknet eine billige und nahrhafte Alternative zur natürlichen Vegetation darstellen.

Fulbe: Familie

Usmaan Soh, 27, lebt mit seinen Ehefrauen Naana (2. v. l.) und Kura sowie den Kindern Hadraan Usman (l.) und Haawa Kura im Senegal.

Foto von ROBIN HAMMOND

Sow ist überzeugt, dass mehrere unterschiedliche Arten der Viehhaltung die beste Absicherung gegen den Klimawandel bieten. Sie unterstützt ein Projekt, das junge Hirten in die Weidehaltung einführt. Es finanziert den Teilnehmern je acht Schafe, die sie in einem Pferch halten können, dazu Futter, Wasserspender und Zugang zu tierärztlicher Versorgung. Für die Fulbe sind die Tiere eigentlich Familienmitglieder, in Notzeiten dürfen die Projektteilnehmer sie aber verkaufen. Den Gewinn müssen sie dann allerdings in neue Tiere reinvestieren. Eine 28-jährige alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hat kürzlich ihre acht Schafe verkauft und sich von dem Erlös neun jüngere Schafe zugelegt. In einigen Monaten will sie das wiederholen. Einen Teil ihres Gartens hat sie für Futterpflanzen abgetrennt.

Außerhalb der Schutzgebiete kämpfen Fulbe vielerorts noch immer um Rechte und Ressourcen. Doch im Schutzgebiet hat Sows Zusammenarbeit mit der Regierung in den letzten 15 Jahren einiges bewegt: Dutzende neue Brunnen, bessere Schulen und Gesundheitseinrichtungen sind entstanden. Viele Hirten haben Kredite für den Kauf von Tieren erhalten.

„Awa hat alles verändert“

Im vergangenen November, wenige Tage vor einer wichtigen Parlamentswahl, besuchte einer der Spitzenkandidaten die Gemeinde. Begleitet wurde er von Trommlern und traditionellen, singenden Geschichtenerzählern, den Griots. Sie eröffneten die Versammlung mit einem Loblied auf Sow. „Früher wünschten sich die Familien einen Jungen als Erstgeborenes“, sang einer. „Doch Awa, die Erstgeborene, ist eine große Quelle des Stolzes. Awa hat alles verändert. Sie hat uns gezeigt, dass eine Frau tun kann, was tausend Männer nicht zustande bringen.“

Am Wahltag gab Awa ihre Stimme in einer nahe gelegenen Schule ab. „Früher gingen die Frauen nicht zum Wählen. Es hat sie einfach nicht interessiert“, sagt sie. „Aber wenn man sich die Wartenden heute ansieht, hat sich viel verändert.“ Mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen stammten von Frauen. Für Awa ist das ihr größter Erfolg.

Dieser Artikel erschien in National Geographic 7/2025 – jetzt bestellen!

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