
Die Platinmine Sibanye-Stillwater grenzt an die Ortschaft Wonderkop.
Foto: afp/MUJAHID SAFODIEN
Als sich Politiker und Industrievertreter im Februar in Kapstadt zur Bergbaumesse Mining Indaba trafen, um Investitionen zu verabreden, reisten auch Sie an, allerdings um auf die Umwelt- und Gesundheitsfolgen in ihrer Gemeinde Wonderkop im Nordwesten Südafrikas aufmerksam zu machen. Worum ging es Ihnen dabei?
Wir haben seit Jahren mit Luftverschmutzung und Umweltvergehen durch die umliegende Mine zu kämpfen – mit Staub von den Abraumhalden und unkontrollierten Überläufen aus den Schlammbecken. Dennoch übernimmt niemand Verantwortung. Die Betreiber behaupten zwar regelmäßig, sie würden Tests durchführen, bevor Wasser in den Fluss eingeleitet wird. Ergebnisse dieser Tests haben wir jedoch nie gesehen; es fehlt jegliche Transparenz – und das, obwohl bereits eine Beschwerde wegen dieser Einleitungen läuft. Die Folgen sind potenziell gravierend: Wasserlebewesen, Nutztiere und auch das Grundwasser können geschädigt werden. Zudem nutzen einige Gemeindemitglieder den Fluss für religiöse Zeremonien wie Taufen – auch sie sind gefährdet. Ich habe dazu eine einfache Frage an die Betreiber: Am gesamten Komplex der Rückhaltebecken warnen Schilder deutlich davor, dass das Wasser kontaminiert ist – niemand soll darin baden, fischen oder Tiere daraus trinken lassen. Doch sobald dieses Wasser das Gelände verlässt, soll all das plötzlich nicht mehr gelten? Wie soll das Sinn ergeben?
Interview

Christian Selz
Brown Matloko ist ein Umwelt- und Community-Aktivist aus Wonderkop (Marikana), Südafrika, der sich gegen die negativen Auswirkungen des Platinabbaus durch Sibanye-Stillwater einsetzt. Im vergangenen Jahr hat er die Organisation Helping Environment and Resilient Development mitgegründet, die sich für die Belange der vom Bergbau betroffenen lokalen Gemeinden einsetzt.
Haben Sie die Wasser- oder Luftqualität selbst untersucht?
Wir haben 2023 in der Nähe eines Rückhaltebeckens weiße kontaminierte Erde gefunden und im Labor untersuchen lassen. Dabei wurden Bergbaurückstände sowie chemische Verunreinigungen nachgewiesen. Solange das Rückhaltebecken existiert, bleibt die Situation für uns besorgniserregend. 2024 sind wir nach Berlin gereist, um mit BASF über mögliche Maßnahmen gegen die Umweltzerstörung zu sprechen. Eine der Empfehlungen war, eine unabhängige Umweltstudie in Wonderkop durchführen zu lassen. Doch selbst dabei gibt es weiterhin Probleme: Die Minenbetreiber agieren nicht transparent und verwehren uns die Möglichkeit, den Prozess zu begleiten.
Im Nordwesten Südafrikas, wo Sie leben, wird Platin gefördert. Der Großteil des Edelmetalls aus der Marikana-Mine, das im benachbarten Wonderkop verhüttet wird, geht an den deutschen Konzern BASF. Ende vergangenen Jahres haben Sie deshalb beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle auf Grundlage des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes eine formelle Beschwerde eingereicht. Was werfen Sie BASF konkret vor?
Alle notwendigen Schritte sind wir zuvor gegangen: Wir haben uns beim Bergbaukonzern Sibanye-Stillwater über die Luftverschmutzung beschwert – insbesondere über die Emissionen der Schmelze, bei denen Schwefeldioxid freigesetzt wird. Die Menschen vor Ort werden jedoch nicht über mögliche Langzeitfolgen aufgeklärt. Zudem weichen die Messwerte der Station an der Schmelze deutlich von denen der Messstelle im Ort Marikana ab. Dort, rund fünf Kilometer entfernt, wird mitunter Alarmstufe Rot ausgerufen: Anwohner sollen Masken tragen und ihre Häuser nicht verlassen. An der Quelle der Emissionen hingegen heißt es, alles sei in Ordnung. Auch in offiziellen Unterlagen wird Marikana als Referenzort genannt – die unmittelbar betroffene Gemeinde Wonderkop taucht hingegen gar nicht auf. Dabei werden die Menschen hier krank, ohne zu wissen, warum oder wie sie sich schützen können. Ich habe das selbst erlebt: Auf dem Rückweg von einer Inspektion hielten wir nahe der Schmelze an und gerieten in eine Schwefeldioxidwolke. Innerhalb weniger Minuten mussten alle husten, danach waren wir zwei bis drei Wochen krank. Eine Röntgenuntersuchung zeigte Verätzungen in meiner Lunge.
Diesen Gefahren sind die Anwohner ständig ausgesetzt?
Ja, Menschen nutzen genau diese Straße täglich – sie gehen zur Arbeit oder treiben ihr Vieh hinaus. Hinzu kommt der Staub von den Abraumhalden. De facto leisten die Gemeindemitglieder permanente Reinigungsarbeit: Sie wischen täglich den schwarzen Staub aus ihren Häusern. Dieser enthält Feinstaubpartikel, die in den Blutkreislauf gelangen und die Lunge schädigen können – mit Erkrankungen wie Asthma oder Tuberkulose als mögliche Folge. All das haben wir gegenüber Sibanye-Stillwater vorgebracht. Doch das Unternehmen nutzt sein Beschwerdesystem vor allem, um auszuweichen: mit opportunistischen Erklärungen und technischen Antworten, die die eigentlichen Probleme nicht adressieren.
Also haben Sie sich an BASF gewandt?
Genau. Wir haben den internationalen Abnehmer kontaktiert, um ihm zu verdeutlichen, dass er die Einhaltung von Umweltschutzstandards entlang der Lieferkette überwachen muss. Doch BASF ist dem nicht nachgekommen. Stattdessen hat das Unternehmen die Antwort von Sibanye-Stillwater unverändert an uns weitergeleitet – ohne die darin enthaltenen Informationen zu prüfen oder zu bewerten. Und das, obwohl wir Belege dafür vorgelegt haben, dass die Mine die Umwelt zerstört und die Bevölkerung gesundheitlichen Risiken aussetzt.
Hat BASF denn nie eigene Messungen veranlasst?
BASF und Sibanye-Stillwater verweisen auf unabhängige Institutionen, die Standards festlegen und Zertifizierungen vergeben – etwa die Initiative for Responsible Mining Assurance, den Internationalen Rat für Bergbau und Metalle mit seinem »Globalen Industriestandard für das Management von Bergbaurückständen« sowie die Internationale Organisation für Normung. Doch es stellt sich die Frage, wie diese Zertifizierungen zustande kommen, wenn wir gleichzeitig so viele gesundheitliche und ökologische Probleme erleben. Genau deshalb haben wir den Fall nun bei den deutschen Behörden angezeigt.
Hat die Lieferkettenbeschwerde schon etwas bewirkt?
Nein. Bisher haben wir lediglich ein Schreiben erhalten, in dem unsere Beschwerde als begründet eingestuft und zur Bearbeitung angenommen wurde. Das bedeutet, dass nun eine Untersuchung eingeleitet wird. Wir haben zudem gefordert, aktiv in diesen Prozess einbezogen zu werden, um sicherzustellen, dass alle relevanten Aspekte berücksichtigt werden. Als direkt betroffene Gemeinde kennen wir unsere Beschwerden sehr genau.
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Es gibt bereits viele Berichte von Nichtregierungsorganisationen zu den Problemen in Wonderkop und Marikana. Sie selbst sind zu einigen BASF-Jahreshauptversammlungen gereist, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Das Unternehmen kann also kaum behaupten, man wisse nicht Bescheid.
Klar, die Beschwerden sind bekannt – wir bringen sie seit inzwischen drei Jahren vor. Doch passiert ist nichts. Der Beschwerdemechanismus gleicht einer Achterbahnfahrt. Und wenn es zu keiner Einigung kommt, bleibt nur der Klageweg. Für uns als Gemeindeorganisation ist das jedoch kaum zu bewältigen: Uns fehlen finanzielle Mittel und Unterstützer. Ein Gerichtsverfahren ist langwierig und kostspielig, und wir können es nur aus eigenen, begrenzten Ressourcen führen – obwohl es um Umweltverschmutzung und erhebliche Gesundheitsrisiken geht. Dabei sollte die Gemeinde eigentlich vom Bergbau profitieren. So steht es zumindest in den Leitlinien des Konzerns: Regionen, in denen Rohstoffe abgebaut werden, sollen davon einen Nutzen haben. In der Praxis bleibt davon wenig übrig. Dieses Versprechen ist vor allem ein schönes Scheinbild, das mithilfe einiger kooptierter Gemeindemitglieder aufrechterhalten wird – die Realität sieht anders aus.
Denken Sie, dass BASF die Probleme bei Sibanye-Stillwater wirklich lösen will?
Nein, BASF ist offenbar nicht daran interessiert, Probleme bei Sibanye-Stillwater zu lösen – sonst hätte das Unternehmen selbst eine Untersuchung eingeleitet, anstatt sich auf deren Angaben zu verlassen. Wenn ich mich über Sibanye-Stillwater beschwere und BASF die Informationen einfach von genau diesem Unternehmen übernimmt, statt eigenständig nachzuforschen, sagt das alles. Dabei geht es um langanhaltende, gut dokumentierte Probleme. Zahlreiche Organisationen haben Studien durchgeführt, darunter Brot für die Welt und die Benchmarks Foundation – letztere sogar zweimal. Ihre Berichte belegen die negativen Auswirkungen auf die Gemeinde. Dennoch werden die Probleme nicht angegangen. Stattdessen liefert das Unternehmen komplexe technische Erklärungen, die eher verwirren, als für Klarheit zu sorgen.
Was genau verlangen Sie von BASF?
Wir fordern, dass BASF Sibanye-Stillwater deutlich macht: Die direkt betroffene Gemeinde existiert, und ihre Beschwerden über Umweltzerstörung müssen ernstgenommen werden. Die Anwohner müssen die Möglichkeit haben, ihre Anliegen selbst vorzubringen. Momentan schickt das Unternehmen immer externe Firmen, die stellvertretend unsere Probleme adressieren sollen. Wir bestehen darauf, dass der Konzern seiner Rechenschaftspflicht nachkommt und die Gemeinde aktiv in die Lösung der Probleme einbindet.