Sara Nuru, wie haben Sie heute früh Ihren Kaffee getrunken?
SARA NURU: Ich hatte heute erst zwei Tassen und die zweite trinke ich gerade, während ich mit Ihnen telefoniere. Schwarz, ohne Milch und ohne Zucker. Ich finde ja, dass guter Kaffee weder das eine noch das andere braucht.
Für viele Kaffeetrinker geht es gar nicht nur um den Geschmack, sondern auch um ein Ritual für den Start in den Tag. Ist das bei Ihnen auch so?
NURU: Tatsächlich freue ich mich oft abends schon auf den Kaffee am nächsten Morgen. Mit zwei kleinen Kindern ist es dann zwar meistens eher hektisch. Aber ich verbinde mit dem Kaffee viele Emotionen und Erinnerungen – an den Duft, den ich schon aus meiner Kindheit kenne. In Äthiopien machen die Leute aus dem Kaffeetrinken eine richtige Zeremonie. Da steckt sehr viel Gefühl drin, aber auch Wertschätzung für das Produkt, die ich noch besser verstehen kann, seit ich selbst Kaffeeunternehmerin bin.
Was passiert bei dieser Zeremonie?
Nuru: Die Bohnen werden auf offenem Feuer frisch geröstet, dazu gibt es Weihrauch und Popcorn. Oft sitzen dabei viele Menschen zusammen. Meine Mutter zum Beispiel geht dann mit den gerösteten Bohnen durch den Raum und jeder fächelt sich den Duft mit der Hand zu und wünscht sich dabei etwas. Nur für sich selbst. Die Bohnen werden von Hand gemahlen und dann wird der Kaffee dreimal aufgegossen. Beim ersten und stärksten Aufguss spricht man Probleme an. Beim Zweiten sucht man nach Lösungen. Und der Letzte dient allein dem Genuss. Die Zeremonie dauert locker eine Stunde, aber sie ist ein wunderschönes, bewusstes Erlebnis.
Sie haben vor etwa zehn Jahren mit Ihrer Schwester die Marke nuruCoffee für fair gehandelten Kaffee aus Ihrer Heimat Äthiopien gegründet. Vorher standen Sie als Model und Moderatorin im Rampenlicht. Was ist der größte Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Leben der Sara Nuru?
NURU: Das erste Leben war sehr rastlos. Ich durfte die Welt bereisen, hatte wenig Verantwortung und wenn ein Job erledigt war, dann konnte ich einen Haken dranmachen. Als Unternehmerin und Mutter ist es genau andersherum. Es geht immer weiter, es ist nie abgeschlossen. Die Verantwortung ist groß. Dafür habe ich jetzt mehr Stabilität, mehr Konstanten im Leben. Ich kann mehr selbst entscheiden und vor allem: Ich mache etwas, das Sinn stiftet. Für mich und andere.
Wann haben Sie gemerkt, dass das alte Leben auserzählt war?
Nuru: Für eine Moderation bin ich nach New York geflogen und sollte dort vor der Kamera das teuerste Eis der Welt essen, mit Blattgold obendrauf, für 1000 Euro. Und ich weiß noch, wie ich mich richtig dafür geschämt habe und wie schwer es mir fiel, so zu tun, als wäre das erstrebenswert – während ich in Äthiopien Menschen begegnet bin, die keine Schuhe hatten und kilometerweit laufen mussten, um sauberes Trinkwasser zu bekommen. Da war für mich der Moment, in dem ich wusste: Okay, das geht so nicht mehr, Du musst etwas ändern.
Heute arbeiten Sie direkt mit Kaffeebauern in Äthiopien zusammen und wollen den Menschen dort eine Perspektive geben. Wie kam es dazu?
Nuru: Erst einmal bin ich aus der Glamour-Welt ausgestiegen, ohne einen Plan zu haben. Ich stand damals vor einer echten Identitätskrise. Wer wollte ich sein? Was wollte ich tun? In mir drin war der Gedanke, dass auch ich selbst das kleine Mädchen hätte sein können, das barfuß ein paar Kilometer laufen muss, um Wasser zu holen. Und weil ich schon damals für die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ gearbeitet habe, entstand daraus die Idee, etwas in Äthiopien zu machen und Frauen in der Heimat meiner Eltern zu unterstützen.
Keine Angst vor dem Scheitern?
Nuru: Ich hatte schon Angst. Aber eher vor der Reaktion der Leute, die mich aus der Glitzerwelt kannten. Nach dem Motto: ah, schon wieder ein gescheitertes Topmodel. Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser hatte ich komischerweise nicht. Ich wollte ja ein neues Kapitel schreiben, ohne zu wissen, was genau drinstehen wird. Scheitern wäre für mich gewesen, es gar nicht erst zu versuchen. Ich bin übrigens froh, dass ich damals so naiv war. Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich es mir vielleicht noch mal anders überlegt. (lacht)
Haben Ihnen die Leute geglaubt, dass es nicht nur um Imagepflege und schöne Fotos für Instagram geht?
Nuru: In Äthiopien war das gar kein Thema. Dort waren die Leute eher erstaunt, dass da mit meiner Schwester und mir plötzlich zwei junge Frauen mit den Kaffeebauern verhandeln. Sie waren aber auch irgendwie stolz, dass wir zu unseren Wurzeln „zurückgekommen“ sind. So haben das viele empfunden. Wäre es nur ums Image gegangen, hätte ich einfach nur mein Gesicht in die Kamera halten können, das nach „Germany’s Next Topmodel“ sehr bekannt war. Aber ich wollte ja keine Charity machen. Ich wollte beweisen, dass unternehmerischer Erfolg und soziales Engagement zusammenpassen können.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kaffeebauern?
Nuru: Wir besuchen sie mehrmals im Jahr. Uns ist es wichtig, dass wir uns kennen und die Kaffeepflanzen den Bauern selbst gehören und wir die Bohnen direkt von ihnen beziehen. Oft wachsen sie einfach im Garten zwischen anderen Gemüse- und Obstsorten. So entsteht eine persönliche Beziehung, die auch eine schlechte Ernte oder andere Schwierigkeiten überdauert. Die Hälfte des Gewinns, mindestens ein Euro pro verkauftem Kilo, fließt übrigens in den Verein nuruWomen. Damit unterstützen wir Frauen, die bislang keinen eigenen Zugang zum Kaffeehandel haben, ihr eigenes Business zu starten.
Sie haben absurden Reichtum und bittere Armut erlebt. Was bedeutet Luxus für Sie?
NURU: Ich komme gerade aus Äthiopien und freue mich über Dinge, die scheinbar banal und doch für so viele Menschen ein Luxus sind. Ich habe fließendes Wasser, kann morgens duschen. Ich bin selbstbestimmt, kann leben und lieben, wie ich möchte. Ich kann Träumen nachgehen und scheitern – in dem Wissen, dass ich aufgefangen werde.
Zur Person: Sara Nuru, 36, ist Sozialunternehmerin, Model und Moderatorin. Bekannt wurde sie 2009 als Gewinnerin von „Germany’s Next Topmodel“. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sali gründete sie die Firma nuruCoffee, die fair gehandelten äthiopischen Kaffee vertreibt, sowie die Organisation nuruWomen, die Frauen in Äthiopien Zugang zu Mikrokrediten und Bildung ermöglicht. Von ihren Ideen erzählt sie beim Rocketeer Festival in Augsburg.
Michael Stifter
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Sara Nuru
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