Was erhofften Sie sich denn mehr herauszufinden als die Expertenkommission, die vor rund 30 Jahren die Hintergründe der Gelder, die während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz gelangten, erforschte und 2002 den Bergier-Bericht veröffentlichte?
Der Bergier-Bericht war zentral für meine Arbeit. Er lieferte die Grundlage mit quantitativen Daten. Ich ergänzte diese Perspektive um qualitative Aspekte: Architektur, Infrastruktur, Alltag. Ich zeige etwa, wie Bahnverbindungen organisiert waren oder wie Bunker gebaut und genutzt wurden – Dinge, die im Bergier-Bericht kaum vorkommen.
Was genau haben Sie herausgefunden?
Ein Beispiel ist das Golddepot in Interlaken. Dort wurde während des Zweiten Weltkriegs regelmässig Gold gelagert. Der Schatzmeister der Schweizerischen Nationalbank, Erich Blumer, pendelte zwischen der Hauptkasse in Bern und Interlaken – regelmässig ein bis zweimal pro Monat. Seine Spesenabrechnungen enthalten erstaunlich genaue Details: Benzinkosten, Mittagessen inklusive Trinkgeld, das Datum jeder Reise. Auch schrieb er darüber, wie die Männer, die für den Transport zuständig waren, mit Most versetzten Wein tranken, um sich während der Reise warm zu halten. Diese scheinbar banalen Dokumente sind für mich entscheidend, weil sie konkrete Abläufe sichtbar machen.
Wie konnten Sie daraus grössere Zusammenhänge ableiten?
Ich habe diese Belege mit anderen Quellen abgeglichen – etwa mit dem Bergier-Bericht oder wirtschaftshistorischen Studien. Dabei zeigte sich: Die Transporte fallen zeitlich mit bekannten Goldlieferungen zusammen. So entsteht ein Muster: Gold kam in der Schweiz an und wurde kurz darauf in die Alpen weitertransportiert – etwa nach Interlaken. Das passt auch zur damaligen Réduit-Strategie der Landesverteidigung mit militärischen Rückzugs- und Verteidigungsanlagen in den Bergen.
Ihr Buch arbeitet stark mit Orten. Welche sind besonders wichtig?
Ein zentrales Beispiel ist der Gotthard. Dort entstand eines der ersten Golddepots – direkt über dem Gotthard-Tunnel. Das war logistisch sinnvoll, aber auch symbolisch: Der Gotthard ist ein stark aufgeladener Ort der Schweizer Geschichte. Weitere Orte sind Interlaken, die Jungfrau oder Spiez. In Spiez etwa renovierte die Schweizerische Nationalbank während der Kriegsjahre das Schloss und baute im Keller Bunker ein. Diese existieren heute noch und werden vom Schlossmuseum als Archiv genutzt. Von all dem weiss bei der Nationalbank heute niemand mehr.
Sie schreiben auch über Hotels in den Alpen. Warum?
Während des Zweiten Weltkriegs planten auch Banken wie die Schweizerische Kreditanstalt und die Schweizerische Bankgesellschaft, ihre Banknoten und Wertpapiere sowie Gold in die Alpen zu verlegen. Leere Grandhotels in Interlaken oder Gstaad sollten als Ausweichstandorte dienen. Diese Belle-Époque-Hotels waren perfekt: gross, gut erreichbar und wegen der ausbleibenden Tourist:innen leer. Es wurden Pläne zur Sanierung der in die Jahre gekommenen Hotels und zum Einbau von Tresorräumen im Keller vorbereitet, aber nie vollständig umgesetzt.