Hier trifft Putin auf Bob Marley, Bin Laden auf Che Guevara, Gaddafi auf den Rapper Tupac. Dazu gesellen sich einheimische Musiker, bekannte Prediger und internationale Fußballstars. Heilige Sprüche, Lebensweisheiten und Danksagungen stehen unter Adlern, Löwen und weißen Pferden, verziert ist das Ganze mit Nike-Swoosh, Puma-Katzen und Adidas-Streifen und als i-Tüpfelchen findet sich die russische Flagge in schöner Eintracht neben dem Star-Spangled Banner, dem Union Jack und dem Schwarz-Rot-Gold Deutschlands. Geht nicht? Geht wohl. In Bamako.

Denn all diese Bilder sind die Stars auf den Sotramas, den grell-bunt angemalten Kleinbussen, die nichts weniger sind als die Lebens- und Transportader in Malis Hauptstadt. Einer Stadt, die zu den am rasantesten wachsenden Städten der Welt gehört. Um die Jahrtausendwende lag die Bevölkerungszahl bei 1,1 Millionen Einwohner, 2022 zählte man 4,2 Millionen und für 2050 rechnet man mit einer Bevölkerung von mehr als 7,6 Millionen Menschen im Großraum von Bamako. Ob dann die Sotramas noch ausreichen werden, um den öffentlichen Nahverkehr in der Stadt am Niger zu bewältigen, darf bezweifelt werden.

Die Sotramas gehören zum Straßenbild Bamakos.Die Sotramas gehören zum Straßenbild Bamakos. Sidiki Haidara

Im Moment jedoch sind sie aus Malis Hauptstadt nicht wegzudenken, erzählt Jonathan Fischer. Der Journalist und Fotograf aus München ist mit Mali bestens vertraut. Etwa die Hälfte des Jahres lebt er in Bamako. Zusammen mit Stefan Eisenhofer hat er die Ausstellung „Merci Maman“ im Museum Fünf Kontinente kuratiert, wo Arbeiten von Seydou Camara, Monique Dena, Abdoul Karim Diallo, Sidiki Haidara und Anna N’Diaye des Foto-Kollektivs „Yamarou“ zu sehen sind. Straßenfotografien, in deren Mittelpunkt die Sotramas stehen, einer wahrlich einzigartigen Kunstform auf Rädern.

Denn die Sotramas (benannt sind sie nach der 1978 gegründeten Societé du Transport Mali) sind viel mehr als „nur“ Transportsystem. Jeder Sotrama ist ein Unikat und wirkt zugleich wie ein Spiegel der kollektiven Identität Malis. Sie verraten einiges darüber, welche Popstars bei der Jugend gerade angesagt oder welche Politiker populär sind, aber auch welche Nationen als Freunde betrachtet werden. Sotramas sind echte Stimmungsbarometer. Und sie sind rollende Kunstausstellung und Straßentheater, Versammlungsraum und Nachrichtenquelle zugleich.

Die Bänke in den umgebauten Mercedes-Transportern sind nicht in Reihen, sondern im Kreis angebracht. Die Leute sitzen sich also gegenüber, die beste Ausgangssituation, um während der Fahrt über Gott und die Welt zu reden und die neuesten Nachrichten auszutauschen. Wer aussteigen will, signalisiert das den „Prend-Tickets“ oder Busjungen, deren Geschick beim Kartenverkauf in der offenen Tür während der Fahrt fast schon legendär ist.

Die „Prend-Tickets“ oder Busjungen verkaufen während der Fahrt bei offener Tür die Tickets und sorgen dafür, dass der Bus stoppt, wenn jemand aussteigen will.Die „Prend-Tickets“ oder Busjungen verkaufen während der Fahrt bei offener Tür die Tickets und sorgen dafür, dass der Bus stoppt, wenn jemand aussteigen will. Abdoul Karim Diallo

Die Bemalung der Busse, die Hauptmotive sind meist in den Landesfarben Rot, Gelb und Grün, sind der ganze Stolz der Fahrer. Hier vermischen sich unterschiedlichste Weltanschauungen, alte Traditionen und Einflüsse der Moderne – manchmal auch nur das, was der ausführende Maler oder der auftraggebende Busfahrer dafür hält.

Drissa Konaté in München beim Bemalen einen Mercedes-Transporter mit den Konfereis von Ludwig II. und Mansa Musa, König des mittelalterlichen Reiches Mali.Drissa Konaté in München beim Bemalen einen Mercedes-Transporter mit den Konfereis von Ludwig II. und Mansa Musa, König des mittelalterlichen Reiches Mali. Florian Peljak

Einer, der mit den Konterfeis auf den Sotramas berühmt wurde, ist der Busmaler Drissa Konaté. Schon als Kind, so erzählte es Konaté bei einem Besuch in München, habe er immer und überall gemalt: mit Kohlestückchen auf Hauswände, mit der Schulkreide auf Zementsäcke. Schließlich flog er aus der Koranschule, weil er auch Menschen porträtiert hatte, und die Mutter schickte ihn aus der streng muslimischen Familie weg zu den Großeltern.

Doch auch da gab es Stress wegen seiner Porträts und so musste er mit 17 Jahren auf eigenen Füßen stehen und heuerte als Gehilfe bei einem Friseur an. Eines Tages bat der ihn, die Wände seines Friseurladens zu bemalen. Doch Konaté malte keine der üblichen Werbungen auf die Wände, sondern ein übergroßes Porträt des US-Rappers Notorious B.I.G. – damit begann die Karriere eines der berühmtesten Busmaler Bamakos. Das war 1997.

Der von Drissa Konate im Stil der Sotramas bemalte Bus steht vor dem Museum Fünf Kontinente in München während der Ausstellung „Merci Maman“. Hier der Blick auf das gegenüberliegende Gebäude.Der von Drissa Konate im Stil der Sotramas bemalte Bus steht vor dem Museum Fünf Kontinente in München während der Ausstellung „Merci Maman“. Hier der Blick auf das gegenüberliegende Gebäude. Evelyn Vogel

Auch bei seinem Besuch in München bemalte Konaté einen Kleinbus, der vor dem Museum Fünf Kontinente abgestellt wurde und seither ein Hingucker ist. Hier nun ließ er den bayerischen König Ludwig II., den berühmten „Kini“, auf den nicht minder berühmten und sagenhaft reichen mittelalterlichen Herrscher Malis Mansa Musa treffen. Neben dem Maximilianeum, weiß-blauen Rauten und einer Tuba schmücken den Bus auch die Große Moschee von Djenné und eine Kora, ein typisch malisches Saiteninstrument.

Doch zurück zur Ausstellung von Yamarou: Die Fotografen und Fotografinnen des Kollektivs gehen in der Regel nicht in Museen und Galerien. „Malier können sich für Musik und Theater begeistern“, sagt Seydou Camara, „aber der Besuch von Kunstausstellungen gehört nicht zu unserer traditionellen Kultur“. Fotografie sei vor allem eine Dienstleistung: „Die meisten kennen nur Hochzeitsfotografen.“ Deshalb gehen sie mitten in die Gesellschaft und auf die Straße, zeigen ihre Fotos an Mauern und Hauswänden. Was darauf zu sehen ist, ist nah dran an ihren Betrachtern: Porträts, Familiengeschichten und Momentaufnahmen des Lebens in der Hauptstadt Bamako.

Aber in jüngerer Zeit gibt es auch Serien zu gesellschaftlichen Themen wie Heimat, Religion oder Wasser. Die Macht der Bilder in einer Gesellschaft, in der noch immer mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, ist ihnen mehr als bewusst. Auch darum laden sie Kinder und Jugendliche zu Workshops ein, leihen ihnen Kameras, geben Grundkurse in Fotografie für Anfänger und Meisterklassen für Fortgeschrittene.

Yamarou-Mitglieder verstehen sich als „Agenten des Wandels“. Auch in schwierigen Situationen nicht den Optimismus zu verlieren, haben sie sich auf die Fahne geschrieben. Man wolle ein Menschenbild vermitteln, das den Abgebildeten ihre Würde lasse. Das nimmt vor allem Seydou Camara für sich in Anspruch. Einst hatte er Jura studiert und wollte Anwalt werden. Doch dann entdeckte er, dass ein Foto ein mindestens genauso scharfes Schwert sein kann wie ein Wort. Seither beschreibt er sich als „Anwalt der Menschen auf den Bildern“.

Der kubanische Revolutionär Che Guevara steht nach wie vor hoch im Kurs bei den Sotrama-Busmalern von Bamako. Die Nummer gibt übrigens nicht die Linie an, sondern ist meist die Typ-Nummer des Mercedes-Busses.Der kubanische Revolutionär Che Guevara steht nach wie vor hoch im Kurs bei den Sotrama-Busmalern von Bamako. Die Nummer gibt übrigens nicht die Linie an, sondern ist meist die Typ-Nummer des Mercedes-Busses. Monique Dena

Inzwischen haben es einige des Yamarou-Kollektivs geschafft, auch museal beachtet zu werden. Das kommt nicht aus dem Nichts heraus: Mali hat eine durchaus historische Foto-Tradition. Fotografen wie Malick Sidibé oder Seydou Keïta wurden seit den 1960er-Jahren wegen ihrer Schwarz-Weiß-Porträts auch international gefeiert und in wichtigen Ausstellungen zur Fotografie gezeigt.

Als der aus Burlafingen bei Neu-Ulm stammende, in den USA lebende Sammler Artur Walther vor zwei Jahren Teile seiner Sammlung unter dem Titel „Trace – Formations of Likeness“ im Haus der Kunst zeigte, waren natürlich auch Werke von Sidibé und Keïta zu sehen. Inzwischen hat Walther seine Sammlung dem Metropolitan Museum of Art in New York geschenkt. Und als das Met im Sommer seinen sanierten und neu strukturierten Rockefeller Wing wiedereröffnete, waren afrikanische Fotokünstler aus der Walther Collection dort zu sehen. Außerdem gibt es seit 1994 die „Rencontres de Bamako“, die als größte Foto-Biennale Afrikas gilt.

Ob die Fotografien des Yamarou-Kollektivs dereinst auch in New York zu sehen sein werden, bleibt abzuwarten. Aber von Bamako nach München haben sie es schon mal geschafft.

Merci Maman. Straßenfotografie in Mali, Museum Fünf Kontinente München, bis 16. November 2025; Vortrag von Franziska Jenni, Donnerstag, 9. Oktober, 18 Uhr: In ständiger Bewegung. Junge Fotografinnen und Fotografen in Bamako, Mali