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Seite 1Gerd für alle, alle für Gerd
Seite 2Ein Damm als Symbol äthiopischer Identität
Seite 3″Selbst die Kinder in der Schule haben gespendet“
Am besten kann man Äthiopiens Problem aus dem Weltall erkennen, auf den Bildern von Nasa-Satelliten. In dem ostafrikanischen Land leben 135 Millionen Menschen, doch die Kameras, die nachts künstliches Licht messen, zeigen für Äthiopien: nichts. Nur Dunkelheit.
Die einzige Ausnahme ist Addis Abeba, die Hauptstadt. Dort liegt die Fabrik von Solomon Uguma, 42. „Solo Engineering“ steht am Tor – ein nur mäßig subtiler Hinweis darauf, wer hier der Boss ist. Uguma lässt Lkw-Anhänger und Tankwagen herstellen. An einem Tag Anfang September schlängelt er sich durch ein Labyrinth aus halb fertigen Anhängern und Stapeln von Achsen hindurch, hüpft über Reifenfelgen und entschuldigt sich für die Enge auf seinem Hof. „Hätten wir ein größeres Gelände, könnten wir mehr produzieren. Aber das ist nicht unser größtes Problem“, sagt er. Sondern? „Strom! Der fällt ständig aus, ein- bis zweimal die Woche“, sagt Uguma. Ringsherum lärmt es. Ein Bohrer sirrt, Kompressoren dröhnen, scheppernd stapeln Arbeiter Bleche vor der Walzmaschine aufeinander. „Ohne Strom können wir nichts machen, gar nichts“, sagt Uguma. 100 Männer arbeiten für ihn, sein wichtigster Angestellter ist jedoch der Dieselgenerator, groß wie eine Garage, der einspringt, wenn der Strom unangekündigt abgestellt wird. Weil Diesel teuer ist, muss Uguma die Fabrik trotzdem manchmal tageweise schließen. „Aber ich habe große Hoffnung, dass sich das jetzt endlich ändert“, sagt der Fabrikant.
In Äthiopien kann man gerade beobachten, wie Fortschritt und die Frage nach Gerechtigkeit miteinander verbunden sind. Denn das Land hat in dieser Woche seinen neuen Nil-Staudamm eingeweiht – ein Projekt, das es eigentlich nicht geben sollte und hinter dem gerade deshalb das ganze Land steht.
Es ist ein Riesending: der größte Damm Afrikas, das größte Wasserkraftwerk des Kontinents, einer der zehn größten Staudämme der Welt. Das dazugehörige Reservoir, eine Fläche, so groß wie London, fasst 74 Kubikkilometer Wasser, das Eineinhalbfache des Bodensees. Der Damm funktioniert so: Eine große Betonmauer staut den Nil, dessen Wasser dann die dahinterliegenden Täler füllt. Durch Tunnel wird das abfließende Wasser zu insgesamt 13 Turbinen geleitet. Der Wasserdruck treibt die Turbinen an, sie generieren Elektrizität. Der produzierte Strom wird dann über Trassen im Land verteilt, ein Teil ins Ausland verkauft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39/2025. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.
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Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed sagte kürzlich: „Das Äthiopien nach dem Damm ist nicht mehr dasselbe wie das Äthiopien vor dem Damm.“
Tatsächlich ist der Staudamm auch emotional und diplomatisch ein Großprojekt. Das fängt schon beim Namen an: „Grand Ethiopian Renaissance Dam“, der Damm der großen äthiopischen Renaissance, kurz Gerd. Der Damm hat eine Kapazität von 5.150 Megawatt und soll jährlich rund 15.700 Gigawattstunden Strom liefern.
Der Gerd steht nur wenige Kilometer von der Grenze zum Sudan entfernt und staut das Wasser des Blauen Nils. Dieser entspringt im äthiopischen Hochland und vereinigt sich in der sudanesischen Hauptstadt Khartum mit dem Weißen Nil. Von dort fließt er nach Ägypten. Für den Sudan und Ägypten ist der Damm heikel, besonders Ägypten sieht sich in seiner Existenz bedroht, denn 93 Prozent des Landes sind Wüste, fast alle der 118 Millionen Einwohner leben an den Ufern des Nils. Zwei Drittel der Landwirtschaft hängen vom Fluss ab, den Ägypten seit Jahrtausenden beherrscht.
Ohne den Nil gäbe es Ägypten nicht. Alles, was an diesem Status quo rüttelt, wird in Kairo als Angriff verstanden.
Staudamm in Äthiopien
Staudamm gefährdet den Frieden
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Wasserversorgung:
Streit am Nil
Die Beziehung zwischen den beiden Ländern ist entsprechend frostig. „Wer sich der Illusion hingibt, Ägypten werde eine existenzielle Bedrohung seiner Wasserversorgung ignorieren, irrt sich“, sagte der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sissi kürzlich – drohend, aber dennoch vergleichsweise zurückhaltend nach dem Streit der letzten Jahre. Damals stellte die Regierung in Kairo auch immer wieder die Möglichkeit eines Militärschlags in den Raum.

Äthiopisches
Hochplateau

Äthiopisches
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Verhandlungen zwischen den drei Nil-Staaten scheiterten. Mal versuchten die USA zu vermitteln, mal die Afrikanische Union. Doch die Positionen blieben kompromisslos: „Der Nil ist für Ägypten eine Frage des Lebens, eine Frage der Existenz“, so formulierte Al-Sissi vor ein paar Jahren den ägyptischen Standpunkt. Hier Renaissance, dort Überleben. Drunter machten es die beiden Länder nicht.