Im Rahmen der Kirchheimbolanden Friedenstage las der Autor Bernhard Jaumann am Freitagabend im Stadtpalais.

Bernd Jaumanns 2016 erschienener Krimi „Der lange Schatten“ spielt vor dem Hintergrund des Völkermordes an den namibischen Herero und anderer indigener Gruppen während der Kolonialherrschaft im früheren Deutsch-Südwestafrika. Im dritten Band seiner Namibia-Krimi-Trilogie greift Jaumann auch die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung auf.

Jaumann verbrachte als Gymnasiallehrer sechs Jahre in Namibia. 2011 war er in Windhoek Gast bei der offiziellen Rückgabe von 20 Herero-Schädeln bei einer umstrittenen Zeremonie durch eine Delegation der Bundesregierung. 100 Jahre zuvor waren die Schädel zu rasseanatomischen Versuchen nach Deutschland gebracht und nach dem Ende des NS-Regimes in der Berliner Charité eingelagert worden.

Geschichte wird lebendig

Jaumann schilderte, wie ihn die makabere Situation im feierlichen Rahmen zu seinem Krimi inspiriert hat: „Ich dachte, dass die Kolonialgeschichte mit den Totenschädeln dieser Individuen wieder lebendig und greifbar wird“. Eine Sammlung von Herero-Schädeln befand sich auch in Freiburg, der Wirkungsstätte des NS-Rassehygienikers Eugen Fischer.

Den 1967 verstorbenen Fischer macht Jaumann zur Figur in seinem dritten Namibia-Band. Im Eingangskapitel wird dessen Grabstätte in Freiburg von einem Namibier geschändet: „Du machst mir keine Angst, weißer Mann“, lässt er seinen Protagonisten schwören, während der die Gebeine voller Verachtung aus dem Grab schleudert. Im sich anschließenden Lesekapitel spannt Jaumann den Bogen zurück in die namibische Hauptstadt. Hier kommt Ex-Polizistin Clemencia Garises ins Spiel, die er in schon seinen Bänden „Die Stunde des Schakals“ (2011) und „Steinland“ (2013) zur Hauptfigur gemacht hat.

Internationale Tragweite

Garises agiert im neuen Fall als Personenschützerin für die Frau des deutschen Botschafters in Namibia. Als diese zusammen mit einem namibischen Waisenkind entführt wird, kommt deren verwandtschaftliche Beziehung zu Eugen Fischer ans Tageslicht. Schnell bestätigt sich, dass es bei der Entführung nicht um eine Lösegeldforderung, sondern um eine politische Botschaft von internationaler und historischer Tragweite geht. Der Botschafter soll sich bei einer öffentlichen Rede im Namen der deutschen Regierung am Genozid an den Herero entschuldigen. Der Kreis schließt sich, als der Zusammenhang zwischen den Vorgängen in Windhoek und dem zwischenzeitlich in Berlin in den Fokus der Polizei geratenen Grabschänder klar wird.

„Wenn Geschichte wieder ausgraben wird“, beschreibt Jaumann seine Inspiration. Die Aufarbeitung historischer Schuld und Wiedergutmachung ist für die ehemaligen Kolonialmächte von hoher Bedeutung und Aktualität. Jaumann hat sich mit den Kolonialverbrechen und Maßnahmen zur Rückgabe der Schädel eingehend befasst. Nach der Lesung schilderte der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller auch seine persönlichen Eindrücke der Entwicklung der namibischen Gesellschaft. Jaumann wurde 1957 in Augsburg geboren und hat seit 1997 Krimiserien und Kurzgeschichten veröffentlicht. Er bekam schon den Deutschen Krimipreis und den Friedrich-Glauser-Preis.

Lesezeichen

Bernhard Jaumann „Der lange Schatten“, Krimi, Rowohlt Verlag 2016, 320 Seiten, 16 Euro.