Ihr erstes Buch „Kleines Land“ handelte vom Bürgerkrieg in Burundi, in Ihrem zweiten Werk „Jacaranda“ geht es um Ruanda. In beiden Ländern sind Sie teils aufgewachsen. Welchen Einfluss haben Ihre Kindheit und Jugend auf die Geschichten, die Sie erzählen?
GAËL FAYE: Die Jugendzeit war für mich eine Phase großer Verwirrung. Ich erlebte Exil, Angst, Unverständnis, Schweigen. Das Schreiben ermöglichte mir eine Reise zurück in diese Zeit, um sie besser zu verstehen. In „Jacaranda“ geht es auch darum, die Gegenwart zu begreifen, denn der Genozid gegen die Tutsi in den 1990er Jahren wirkt bis heute nach. Zu schreiben bedeutet für mich, in Ruhe darüber nachzudenken und die damaligen Emotionen wieder hervorzuholen,.
Sie setzen sich in „Jacaranda“ mit der Frage auseinander, was ein Genozid mit einer Gesellschaft macht. Wie lässt sich das Unsagbare, das Morden in einem Buch darstellen?
FAYE: Ich beschreibe den Genozid nicht direkt, sondern über die Aussagen von Augenzeugen. Ich selbst bin kein Überlebender, aber in meiner Familie wurden Menschen getötet für das, was sie waren, nämlich Tutsi. „Jacaranda“ ist kein Geschichtsbuch, es klagt auch nicht an. Ich schreibe eher, um zu trösten – mich selbst und vielleicht auch andere. Jeder ist betroffen, denn ein Genozid ist immer ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Alle Massenverbrechen sind in uns verankert und es bleiben Schmerz, Unverständnis, Leid. Trost kann aus der Erkenntnis kommen, dass die Menschlichkeit selbst in ihren dunkelsten Stunden überlebt, auf die eine oder andere Weise.