
HANDOUT – Freiwillige des Netzwerks Emergency Response Rooms helfen Menschen in El-Obeid im Sudan. Das Netzwerk zählt in diesem Jahr zu den Trägern des Right Livelihood Awards, der gemeinhin als Alternativer Nobelpreis bekannt ist. (Aufnahmedatum unbekannt) +++ dpa-Bildfunk +++
Foto: dpa/Right Livelihood
Am 15. April, dem dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Sudan, findet die dritte internationale Sudan-Konferenz statt, dieses Mal in Berlin. Sie haben vergangenes Wochenende eine Veranstaltung zur Stärkung von sudanesischen Stimmen mit organisiert. Was ist Ihre Perspektive auf die Konferenz in Berlin?
Ich stimme zu, dass es solche Anstrengungen für Frieden und humanitäre Hilfe braucht, aber ich habe diese Konferenzen auch satt. Bisher haben sie keine Verbesserung für die Menschen im Sudan gebracht. Hinter all den internationalen Akteuren stehen auch Interessen an den Reichtümern Sudans, an dem Gold, Gummi Arabicum oder den landwirtschaftlichen Flächen. Jüngsten Berichten zufolge gibt es Bedenken, dass Gold aus von den Milizen der Rapid Support Forces (RSF) kontrollierten Gebieten in globale Lieferketten gelangt sein könnte, darunter auch solche, die mit großen Unternehmen wie dem Volkswagen-Konzern verbunden sind. Der Sudan liegt am Roten Meer. Das war auch schon vor dem Iran-Krieg für Handels- und Militärzwecke wichtig. Außerdem hat der Sudan viele fruchtbare Flächen, was für die Lebensmittelversorgung der Golfstaaten relevant ist. In dieser Hinsicht ist die Parallele zur Berliner Afrika-Konferenz 1884 unheimlich, bei der Afrika unter Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Und das ist natürlich die erste Konferenz, an die ich denke, wenn ich an eine Konferenz in Berlin denke.
Neben den internationalen Akteuren sind auch 40 sudanesische Vertreter*innen eingeladen, ist das ein Grund für Hoffnung?
Da von den beiden Kriegsparteien niemand eingeladen ist, stellt sich natürlich die Frage nach der Repräsentation von Sudanes*innen. Es wird oft kritisiert, dass es keine einheitliche Stimme der sudanesischen Zivilgesellschaft gäbe. Dabei ist eigentlich klar, dass es verschiedene Meinungen in einer Zivilgesellschaft gibt. Die 40 Vertreter*innen wurden von Parteien und Organisationen ausgewählt, die größtenteils gegen den Krieg sind. Manche davon befinden sich in einer Grauzone und stehen einer der Kriegsparteien nahe. Meine Sorge ist, dass sudanesische Vertreter*innen eher einbezogen werden, um bereits ausgehandelte Ergebnisse zu legitimieren, als um diese sinnvoll mitzugestalten.
Deshalb hat die Diaspora-Plattform United for Sudan vergangenes Wochenende die Veranstaltung »Centering Sudanese Voices« mit der Bana Group for Peace and Development organisiert?
Ja. Wir wollten damit zeigen, dass diese Minister*innen nicht zusammenkommen und über die Ressourcen des Sudans entscheiden können. Der Sudan ist kein Rohstofflieferant, sondern unsere Heimat. Unsere Botschaft lautet: Respektiert die sudanesische Handlungsmacht. Die vorrangige Aufgabe internationaler Akteure muss es sein, externe Beiträge zum Konflikt zu unterbinden – insbesondere den Waffenfluss. Auch Deutschland verkauft Waffen an Staaten, die diese in den Sudan liefern. Eine Konferenz für einen Friedensprozess zu machen, ohne als allererstes Waffenlieferungen einzustellen, ist scheinheilig.
Außerdem fordern wir mehr humanitäre Hilfe und sichere Passagen, damit diese ankommt. Wir haben in den vergangenen Jahren mit vielen Hilfsorganisationen gesprochen und sind immer wieder an bürokratischen Hürden gescheitert. Woher soll ein offizieller Stempel kommen, wenn es keine funktionierende Regierung gibt? Wir haben vorgeschlagen, die Gelder direkt an die Notfalleinrichtungen Emergency Response Rooms und Widerstandskomitees zu geben. Seit der Revolution 2019 haben sie alle Aufgaben einer Regierung übernommen, darunter die Essens- und Gesundheitsversorgung und Bildung.
Interview
Dr. Monzir Adam ist sudanesischer Neurologe in Deutschland und Mitgründer von United for Sudan, einer Diaspora-Plattform in Berlin zur Stärkung sudanesischer Stimmen sowie zur Mobilisierung von Aktionen für Frieden im Sudan.
Das zeigt auch, dass die sudanesische Gesellschaft selbst in der Lage ist, sich zu organisieren. Aber natürlich brauchen wir die finanzielle Unterstützung und wollen letztlich eine Beziehung von gegenseitigem Respekt mit anderen Staaten und keine Isolation.
Wie ist aktuell die Lage im Sudan? Es gibt immer wieder Berichte, dass Menschen in die Hauptstadt Karthum zurückkehren.
Das stimmt. Seit das Militär, die Sudanese Armed Forced (SAF), Anfang 2025 die Stadt zurückerobert hat, hat die De-facto-Regierung daran gearbeitet, die elektrische und sanitäre Versorgungsinfrastruktur der Stadt wiederaufzubauen. Lokale Initiativen und Widerstandskomitees beteiligen sich teilweise daran. Viele, die geflohen waren, kehren aus anderen Teilen des Sudans, Ägypten, Uganda, Kenia oder Äthiopien zurück. Doch der Krieg geht weiter, vor allem im Westen und Süden. Für mich ist der Krieg nicht vorbei, wenn er nicht überall aufgehört hat.
Wie geht Ihre Arbeit für Frieden und die Stärkung sudanesischer Perspektiven in Berlin weiter?
Ursprünglich wollten wir am 15. April, am Tag der Konferenz in Berlin, demonstrieren. Allerdings ist bereits eine Demonstration angemeldet, die von der De-facto-Regierung, und damit der SAF, unterstützt wird. Davon wollen wir kein Teil sein, deshalb werden wir am 18. April ab 15 Uhr vor dem Brandenburger Tor demonstrieren. Unsere Demonstration wird von Salam Sudan organisiert. Das ist ein Zusammenschluss mehrerer sudanesischer Gruppen wie dem Sudan Club, Sudan Uprising, der sudanesischen Gemeinde, United for Sudan und anderen. An diesem Tag werden wir auch ein Memorandum mit unseren Forderungen an das Außenministerium übergeben.