Ausbleibende Rücküberweisungen: Einkommensschock in Ost- und Nordostafrika
Arbeitsmigration aus Ost- und Nordostafrika in die Golfstaaten ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen und liegt derzeit bei über 5 Millionen, wobei sich alleine die Zahl der Kenianer*innen in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. Viele Migrant*innen arbeiten in Bau, Logistik, Tourismus und Haushaltsdienstleistungen – Sektoren, die früh auf konjunkturelle Einbrüche reagieren. Wenn ihre Einkommen dort zurückgehen, sinken die Rücküberweisungen entsprechend schnell, mit Effekten auf Haushaltsbudgets und Konsum in den afrikanischen Herkunftsländern der Migrant*innen.
Besonders relevant ist dieser Zusammenhang in Ägypten. Die Summe aller Rücküberweisungen machen dort gut 7 Prozent des BIP (2024) aus und gehören mit Größenordnungen von über 30 Milliarden US-Dollar jährlich zu den wichtigsten Quellen für Devisen. Sie finanzieren damit auch Importe und stabilisieren den Wechselkurs. Rückgänge in den Überweisungen schlagen entsprechend nicht nur auf Haushaltseinkommen durch, sondern auch auf die externe Stabilität der Volkswirtschaft. Die Forschung aus anderen Kontexten zeigt, dass Migrant*innen meist regelmäßig, nicht selten auch mehrmals im Monat Geld rücküberweisen. Verlorene Einkommensmöglichkeiten wirken sich daher sehr schnell auf Geldflüsse aus. Selbst wenn Migrant*innen oft versuchen, den Effekt für ihre Familien abzumildern und eher selbst den Gürtel enger schnallenleben aktuell 7 Prozent der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, sodass sich Einkommensverluste schnell in Konsumverzicht übersetzen.
Uganda, Kenia und Äthiopien sind ebenfalls stark von der Reduktion der Rücküberweisungen betroffen, in mancher Hinsicht noch stärker als Ägypten. Zwar machen Überweisungen dort nur jeweils 2,7 Prozent, 4,2 Prozent und 4,8 Prozent des BIP aus, doch das niedrigere Einkommensniveau bedeutet, dass betroffene Haushalte weniger Ersparnisse haben, um Einkommensausfälle abzufedern. Ein Rückgang der Überweisungen schlägt sich daher noch direkter in weniger Konsum und einer verschlechterten Ernährungslage nieder.
Darüber hinaus ist der Sudan ein besonders kritischer Sonderfall: Das Land befindet sich seit 2023 im Bürgerkrieg, Millionen Menschen sind auf der Flucht, und die Wirtschaft ist weitgehend kollabiert. Rücküberweisungen aus den Golfstaaten sind unter diesen Umständen für viele Haushalte keine Ergänzung zum Einkommen, sondern die einzige verbleibende Einkommensquelle. Dass ein Großteil dieser Transfers über informelle Kanäle erfolgt und es an offiziellen Zahlen fehlt, macht die Abhängigkeit kaum quantifizierbar und die Problematik auf globaler Bühne unsichtbar.
Ohne vollständige Zahlungsdaten dienen Migrationsmuster als ergänzender Anhaltspunkt für die Bedeutung von Rücküberweisungen in afrikanischen Wirtschaften. Beispielsweise weist Saudi-Arabien im Zensus 2022 etwa 715.000 Migrant*innen aus Sub-Sahara-Afrika, rund 159.000 Äthiopier*innen, 128.000 Ugander*innen und 92.000 Kenianer*innen, aus. Nationale Schätzungen dieser Herkunftsländer sind teils noch höher. Fest steht, dass hunderttausende Arbeitsmigrant*innen aus ostafrikanischen Ländern in den Golfstaaten tätig sind und deren Herkunftsländer somit eng mit den Arbeitsmärkten im Golf verflochten sind.