Keine dschihadistischen Attacken, aber nachgewiesene Präsenz

Ausbleibende Attacken bedeuten keineswegs, dass der Norden der Côte d’Ivoire sich in Sicherheit wiegen kann. Die Präsenz von Mitgliedern dschihadistischer Gruppen im Norden gilt als verbürgt. Ähnlich wie in Ghana nutzen die Dschihadisten die grenznahen Gebiete im Norden des Landes als Rückzugs-, Ruhe- und Rekrutierungsraum sowie für logistische Zwecke. Auch die finanziell attraktive Beteiligung an unreguliertem Handel (Gold, Rinder) ist nachgewiesen. Über verschiedene Modalitäten (Raub, Besteuerung, Schutzgelderpressung und direkte Investitionen) haben sich Dschihadisten in den lokalen Wirtschaftskreisläufen festgesetzt. Grenznahe Netzwerke und deren Aktivitäten, die ohnedies auf informellen oder illegalen Praktiken beruhen (u.a. Schmuggel, Diebstahl), sind dabei besonders anfällig für das Eindringen dschihadistischer Akteure. Die „Jihadisierung von Banditentum“ umschreibt dabei die gewaltsame Aneignung von Ressourcen. Sie umfasst keineswegs nur dschihadistische Anhänger, sondern ein potentiell breites Spektrum lokaler Akteure (Schmuggler, Banditen, Milizen, Schürfer, Mittelsmänner etc.), die teils opportunistisch agieren, sich aber oft unter Zwang mit gewaltüberlegenen Dschihadisten arrangieren müssen, wollen sie nicht gänzlich aus Märkten verdrängt werden. Um Mechanismen und Dynamiken der dschihadistischen Expansion nachvollziehen zu können, sind diese politökonomischen Zusammenhänge wichtiger als Armutsindikatoren, auch wenn zum Beispiel die Region Tchologo im Grenzgebiet zu Burkina Faso mit 62,8% eine der höchsten Armutsraten des Landes aufweist.

In diesem Kontext stellt die erhöhte Präsenz von Militär und Sicherheitskräften im Norden ein zweischneidiges Schwert dar. Einerseits scheint sie dazu beizutragen, dass die Wahrnehmung der Sicherheitslage sich verbessert hat. Andererseits sind die Klagen lokaler Bürger*innen über Erpressungen und korrupte Praktiken Legion. Dies belastet das gesellschaftliche Vertrauen in die Sicherheitskräfte, auf das diese für die Akquise von sicherheitsrelevanten Informationen angewiesen sind. Zahlreiche Straßensperren, an denen Gelder von Bürger*innen und Händler*innen erpresst werden, untergraben auch wirtschaftliche Lebensgrundlagen. Dass ivorische Militärs und Sicherheitskräfte damit auch eigene finanzielle Interessen bedienen, liegt angesichts der Häufigkeit von Straßensperren auf der Hand, erst recht in der Nähe von Märkten und Goldminen. In einem Fall haben Beobachter 14 Straßensperren auf einer Länge von nur 24 Kilometern gesichtet (Tengréla-Papara). Auch Flüchtlinge sind Opfer von Erpressung. Rund ein Drittel aller burkinischen Flüchtlinge hat angegeben, beim Grenzübertritt illegal zur Kasse gebeten worden zu sein. Rund 60% der Geflüchteten sind Peul, die in Burkina Faso wie nahezu überall in der Region unter Generalverdacht stehen, weil ein großer Teil der Dschihadisten aus dieser Gruppe stammt. Auch im Norden der Côte d’Ivoire sind es vor allem Peul, die von Sicherheitskräften verdächtigt und festgesetzt werden. Die Erfahrungen in Mali haben indes gezeigt, dass diskriminierende und willkürlich repressive Maßnahmen den Zulauf zu Dschihadisten verstärkt hat.