Doch der hohe Grundwasserspiegel und dicke Schichten Nilschlamm machten das königliche Heiligtum gut 100 Jahre lang unzugänglich – eine Ausgrabung schien nicht möglich. Erst in den letzten Jahren hat ein ägyptisch-italienisches Archäologenteam damit begonnen, die Ruinen dieses monumentalen Bauwerks auszugraben. „Erstmals ist es jetzt gelungen, mehr als die Hälfte des Taltempels von diesem Sonnenheiligtum freizulegen“, berichtet Ismail Khaled, Generalsekretär des ägyptischen Rats für Altertümer.

TaltempelBlick auf die neu freigelegten Teile des Sonnentempels des Niuserre. © Ministry of Tourism and Antiquities
„Größter und bedeutendster Taltempel der Nekropole“

Die Ausgrabungen enthüllen: Allein der Taltempel des Sonnenheiligtums des Niuserre erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 1.000 Quadratmetern. „Dies macht ihn zu einem der größten und bedeutendsten Taltempel der Nekropole von Memphis“, betont Khaled. Dies sei ein Meilenstein unter den Funde aus der fünften Dynastie Ägyptens. Die aus Kalkstein errichteten Mauern des Tempels waren vier Meter hoch und mit weißen Kalksteinplatten verkleidet.

Unter den neu freigelegten Teilen des Taltempels sind das Eingangstor mit seinem Steinboden sowie ein Sockel aus Kalkstein für eine Säule und die Überreste einer runden Granitsäule, die vermutlich Teil des vom Haupteingang des Tempels ausgehenden Korridors waren. Von diesem Gang sind auch die Steinverkleidungen der Wände erhalten. Das Team entdeckte zudem eine Reihe weiterer Tempel-Bauteile, darunter Granit-Türstürze und Türen aus Granit.

Festkalender und Opferlisten

Interessant auch: Im Inneren des Taltempels stießen die Archäologen auf eine massive Steinschwelle, die mit Hieroglyphentexten beschriftet war. Ersten Analysen zufolge handelt es sich dabei um einen Kalender, in dem Tage für die religiösen Zeremonien in diesem Sonnentempel sowie Opferlisten aufgeführt sind. Auch Name des Pharaos Niuserre findet sich in dieser Inschrift. Weitere Fragmente beschrifteter Kalksteinplatten seien ebenfalls gefunden worden, so das Team.
HieroglyphenSteinerne Schwelle mit Hieroglyphen eines altägyptischen Feststagskalenders.© Ministry of Tourism and Antiquities

Schon in der vorherigen Grabungssaison hatten die Archäologen einen möglichen Seiteneingang des Sonnentempels entdeckt. „Indizien dafür sind ein vollständig erhaltenes Tor aus Quarzit und die Überreste einer Innentreppe, die nach obenauf das Dach führte“, berichtet Massimiliano Nozzolo, Leiter des italienischen Archäologenteams. In den aktuellen Ausgrabungen haben sie zudem eine nach unten führende Rampe entdeckt, die damals wahrscheinlich direkt am Nilufer endete.

Zwei altägyptische Schachfiguren

Ein ganz besonderer Fund sind zwei im Taltempel entdeckte hölzerne Spielfiguren. Nach Angaben der Archäologen waren diese 4.400 Jahre alten Figuren einst Teil des altägyptischen Spiels „Senet“, das dem modernen Schachspiel ähnelt. Zusammen mit zahlreichen Keramik-Fragmenten aus dem alten und mittleren Reich könnten sie darauf hindeuten, dass der Taltempel und das Sonnenheiligtum gut 200 Jahre später, in der Ersten Zwischenzeit, nicht mehr als Tempel genutzt wurde, sondern zu einem Wohngebiet umfunktioniert war.

„Damit geben diese Funde uns neue Einblicke auch in das Alltagsleben der Menschen während dieser wenig dokumentierten Periode der altägyptischen Geschichte“, so die ägyptische Altertumsbehörde. Die Archäologen werden ihre Ausgrabungen im Sonnenheiligtum von Niuserre im nächsten Jahr fortsetzen. Sie hoffen, dann noch weitere Details zum Tempel, seiner Entwicklung und Nutzung zu enthüllen.

Quelle: Egypt Ministry of Tourism and Antiquities







18. Dezember 2025

– Nadja Podbregar