Louis Berthold (25) und Jan Gutsche (22) gründen während ihres Studiums ein Startup – und wollen damit den internationalen Vanillehandel verändern. Was treibt sie dabei an?

Vanille – wie öde! Das Gewürz mag als Eissorte, Joghurtgeschmack oder Parfümduft weit verbreitet sein, gilt aber – vielleicht gerade deshalb – als wenig spannend. Im Englischen hat sich der Begriff „vanilla“ gar als Adjektiv etabliert. „Schlicht“ und „gewöhnlich“ listet das Lexikon von Merriam-Webster hier als Synonyme.

So weit das Klischee. Für Louis Berthold (25) und Jan Gutsche (22) hat Vanille überhaupt nichts Langweiliges an sich. Im Gegenteil: Nach den Qualitätsmerkmalen von Vanilleschoten gefragt, sprudelt es aus ihnen hervor. Eine gute Schote sei ziemlich ölig, erklärt Berthold, und außerdem biegsam. „Das riecht gar nicht nach dieser typischen Vanille, die man aus den Gläschen mit Extrakt kennt“, fügt Gutsche hinzu, „sondern nach einem ganz eigenen Gewächs“. Den Vertrieb für dieses Gewächs in Deutschland zu revolutionieren – davon träumen die beiden Studenten aus Stuttgart.

Sprachreise als Ursprung von Startup

An diesem ambitionierten Ziel arbeiten Berthold und Gutsche seit 2024 mit ihrem Startup Vanilla Select. Das Konzept ist simpel: Die Vanille beziehen sie als fertiges Produkt von einem Bauer aus Madagaskar und verkaufen sie ohne weitere Zwischenschritte auf dem deutschen Markt.

Ausgangspunkt für die Idee war eine Sprachreise von Berthold 2018. Zum Englischlernen besuchte er damals eine Schule in London. Dort lebte er in einer WG, zusammen mit dem Madagassen Christo Ralisera. Der erzählte Berthold davon, dass seine Familie in der Region Sava seit Generationen Vanille kultiviere. Aber auch davon, dass sie es angesichts der Konkurrenz durch internationale Großkonzerne schwer habe.

Stuttgarter Studenten stoßen auf Startschwierigkeiten

Der Kontakt hielt an. Sechs Jahre später fragte Ralisera den Deutschen: Kennst du Leute, die unsere Vanille kaufen wollen? „Das war ein Hilferuf“, erinnert sich Berthold. Auf Anhieb konnte er zwar niemanden vermitteln. Doch Berthold war angefixt. Bald holte er seinen engen Kumpel Gutsche mit ins Boot. „Wir wollten unsere Zeit in eigene Projekte stecken und etwas bewegen“, sagt Berthold.

Qualitativ hochwertige Vanilleschoten zeichnen sich durch Länge, Öligkeit und Biegsamkeit aus. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

So gründeten sie mit Darlehen ihrer Eltern Vanilla Select – und stießen auf Startschwierigkeiten. „Wir hatten Phasen, da dachten wir, das wird nichts“, sagt Gutsche. Monatelang liefen Anfragen an Gastronomiebetriebe aus der Region ins Leere. Bis zum erlösenden Durchbruch: der ersten Bestellung, getätigt durch die Stuttgarter Sauerteig-Bäckerei Brotgesang.

Inzwischen umfasst der Kundenstamm des Unternehmens nach Angaben seiner Gründer mehr als hundert Betriebe, von Brotgesang über einen Bäcker in Paderborn bis hin zu einem Fünf-Sterne-Hotel in Hamburg. Im Online-Shop kosten zwei Schoten der Güteklasse A derzeit 7,90 Euro, Geschäftskunden zahlen für ein Kilo dieser Kategorie rund 160 Euro.

Hohes Pensum für junge Gründer aus Stuttgart

Enorm geholfen habe ihnen bisher die Expertise von Michaela Irlbacher, betonen Berthold und Gutsche. Die gründungserfahrene 67-Jährige, eine Bekannte von Gutsches Vater, unterstützt die Jungunternehmer seit den Anfangstagen ihres Startups. Trotzdem ist Bertholds und Gutsches Pensum hoch. Ersterer studiert in Nürtingen Landschaftsplanung und Naturschutz, zweiterer Sportmanagement an der Uni Stuttgart. Parallel dazu kümmern sie sich um Bestellungen, verpacken die angelieferten Schoten, suchen nach Investoren. „Das ist schon unfassbar viel“, sagt Gutsche. „Aber wir machen es gerne.“

Schließlich, davon sind sie überzeugt, leisten sie einen Beitrag zu fairem Handel. Christo Ralisera zahle den Arbeiter:innen auf seiner Farm deutlich mehr als den madagassischen Durchschnittslohn, erzählen Berthold und Gutsche. Außerdem setzt der Produzent laut ihnen auf traditionelle Anbaumethoden.

Studenten sehen berufliche Zukunft in Startup

Ursprünglich stammt das Orchideengewächs Gewürzvanille – besser bekannt als Bourbon-Vanille – aus Mexiko. Doch die globale Produktion konzentriert sich längst auf Madagaskar. Dort bestäuben Plantagenarbeiter:innen die Pflanzen von Hand. Die gedeihenden Schoten werden anschließend mehrere Wochen lang fermentiert, bis der Aromastoff Vanillin entsteht. „Man riecht und schmeckt, dass bei uns nicht industriell, sondern von Hand fermentiert wird“, sagt Berthold.

Ralisera profitiere als Erzeuger von der kurzen Handelskette. „Was er als Preis festlegt, zahlen wir“, ergänzt Berthold. Sich selbst haben die Stuttgarter dagegen noch nichts ausgezahlt. Doch das soll sich bald ändern. Berthold und Gutsche sehen trotz anderweitigem Studium ihre berufliche Zukunft in ihrem Startup. Motiv sei dabei nicht nur der eigene Profit, sagt Berthold. „Wir wollen auf Madagaskar langfristig etwas verändern.“ Im August können sie sich von den Verhältnissen vor Ort selbst ein Bild machen. Dann reisen Berthold und Gutsche erstmals auf die Insel und besichtigen Raliseras Farm.