
Erstmals hat der Radsport-Weltverband UCI die Weltmeisterschaften in ein afrikanisches Land vergeben. Am Sonntag beginnen die Wettkämpfe in Ruanda. In politischer Hinsicht gilt der Austragungsort als heikel.
Die Strecken im Hochland von Kigali sind besonders anspruchsvoll, das Profirennen der Männer am 28. September etwa kommt auf eine Länge von 267,5 Kilometer und bringt es auf sagenhafte 5.475 Höhenmeter, das ist ein Rekord in der 98-jährigen Geschichte von Radsport-Weltmeisterschaften. Ihre 92. Auflage hat der Radsport-Weltverband (UCI) Ende September 2023 erstmals nach Afrika vergeben, den Zuschlag erhielt Ruanda, der Binnenstaat in Ostafrika, das Land der 1.000 Hügel.
Politik des Gastgebers gibt Anlass zur Sorge
Einige der großen Stars der Szene werden dabei sein, Tadej Pogacar und Remco Evenepoel etwa bei den Männern und Tour-Siegerin Pauline Ferrand-Prévôt bei den Frauen. An diesem Sonntag beginnen die ruandischen Radsport-Spiele mit den Zeitfahren der Männer und Frauen. Sie enden eine Woche später mit dem sehr fordernden Männer-Rennen.
Doch der Sport ist nur die glänzend ausgeleuchtete Seite dieser Veranstaltung. Eine andere drängt gleichwohl zunehmend vom Schatten ins Licht. Es geht dabei um Ruanda als Ausrichter, ein Land, dessen politische Verhältnisse als problematisch gelten. Im Februar hatte das EU-Parlament in einem Entschließungsantrag die Forderung aufgestellt, Ruanda die WM zu entziehen, wenn das Land „seinen Kurs nicht ändert“.
Konkret geht es um den Vorwurf, dass Ruandas Armee im Bürgerkrieg, der im Nachbarstaat Demokratische Republik Kongo tobt, die Rebellengruppe M23 militärisch unterstützt. Die ruandische Regierung weist jegliche Kritik an der Unterstützung der M23-Rebellen zurück. Man verteidige lediglich seine Grenzen und Grenzgebiete sowie die Tutsi-Minderheit im Nachbarland. Wegen der kritischen Lage in dieser Region rät das Auswärtige Amt von nicht notwendigen Reisen dorthin ab.
Ruanda ist im Fußball aktiv und will die Formel 1
Kritiker werfen dem WM-Ausrichterland und dessen Präsidenten Paul Kagame vor, die Rad-WM diene als Sportswashing. Als ein Mittel, um das Image des Landes zu verbessern. Dafür spricht auch die ruandische Strategie, in der Welt des Sports eine besondere Rolle übernehmen zu wollen. Der FC Arsenal und Paris Saint-Germain werben auf ihren Trikotärmeln für die Tourismus-Initiative „Visit Rwanda“.
Auch der FC Bayern ist Teil dieser Charme-Offensive, doch der deutsche Rekordmeister fuhr sein Engagement nach heftiger Kritik aus dem Kreis seiner politisch aktiven Fans zurück. Auf den Werbebanden in der Münchner Arena taucht der Slogan nicht mehr auf, es besteht nur noch ein Fördervertrag für den Jugendfußball. Auf anderem Gebiet will Ruanda aber auch noch auf sich aufmerksam machen: Das kleine Land mit 14 Millionen Einwohnern würde gerne ein Formel-1-Rennen ausrichten.
Präsident Kagame regiert autoritär
Der Name des Staates Ruanda ist vor allem wegen eines furchtbaren Ereignisses in Erinnerung. Vor 31 Jahren tobte dort ein grausamer Völkermord. Radikale Milizen der Volksgruppe der Huti töteten damals in gerade einmal 100 Tagen bis zu 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit. Das war ein Fanal. Kagame wiederum regiert seit mittlerweile 25 Jahren in Ruanda, er hatte als Milizenführer mit für das Ende des Genozids gesorgt.
Seine Anhänger verkünden, er habe das Land mittlerweile wieder vereint und wirtschaftlich stabilisiert. Diverse Menschenrechtsorganisationen sehen die Lage allerdings deutlich kritischer. Ihnen zufolge wird die Opposition eingeschüchtert und die Pressefreiheit eingeschränkt.
Ende Juni etwa berichtete Human Rights Watch, dass Kagames langjährige Rivalin Victoire Ingabire verhaftet wurde, rechtzeitig vor der WM. Ihr wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung und die Planung von Aktivitäten zur Anstiftung der öffentlichen Unruhe vorgeworfen. „Ingabires Verhaftung ist nur das jüngste Beispiel für die Gefahren politischer Opposition in Ruanda“, sagte Lewis Mudge, der Direktor der Zentralafrika-Abteilung von Human Rights Watch.
UCI beindruckt politische Situtation nicht
Diese Gesamtsituation flankierte die Rad-WM vom Zeitpunkt ihrer Vergabe an. UCI-Präsident David Lappartient reagierte trotzig auf den Entschließungsantrag der EU, zumal die 17. Auflage der Ruanda-Rundfahrt reibungslos verlief. Es gebe „keinen Plan B“, sagte Lappartient, die WM werde in Ruanda stattfinden.
Rennszene von der 16. Etappe der Tour du Rwanda 2024.
Vor Ort ist die Euphorie vor der Ankunft der Radstars sehr groß. Das Land besitzt eine große Radsporttradition. Die Tour du Rwanda wird seit 2001 jährlich ausgetragen, das Zuschaueraufkommen bei dieser Rundfahrt ist außergewöhnlich groß. Die Infrastruktur wird als sehr gut beschrieben. Bundestrainer Jens Zemke etwa sagt: „Ich glaube, das wird einmalig, gerade mit den Menschenmassen und der Begeisterung.“
Weltverband sieht gute Zukunftsperspektiven
Die UCI verspricht sich von der WM in Ruanda in erster Linie eine besondere Förderung des afrikanischen Radsports. Sie unterhält seit 2002 an ihrem schweizerischen Stammsitz in Aigle ein Trainingszentrum, das den Titel „Centre Mondial du Cyclisme“ trägt. Dort gibt es eine Akademie, die junge Radsportler aufnimmt, die nicht aus den Radsport-Kernkontinenten Europa, Nordamerika oder Australien stammen und die ein olympisches Stipendium in den Disziplinen Bahn- und Straßenradsport, Mountainbike oder BMX erhalten haben.
Ein Absolvent dieser Akademie ist der Eritreer Biniam Girmay, der im Sommer 2024 drei Etappen der Tour de France und das Grüne Trikot gewann. Seine Erfolge holten Afrika erst so richtig auf die Landkarte des Radsports.
Aushängeschild Biniam Girmay
Girmay sagte nach einigem Zögern wegen der Schwere des Kurses seine Teilnahme an dem Profirennen am 28. September zu. Er appelliert aber unabhängig von den Bemühungen der UCI bei der Talentförderung an die World-Tour-Teams, ihre Scouts auch nach Afrika zu entsenden, „das ist essenziell für die Entwicklung des dortigen Radsports“. Und dort gebe es sehr viele Talente, die den Sprung ins UCI-Zentrum nach Aigle scheuen.
Für Girmay steht fest: „Die WM in Ruanda ist definitiv ein Meilenstein für den afrikanischen Radsport“. Das Event möchte er deshalb live erleben, im Peloton.