Unsichtbar werden
Als der Krieg zu Ende ging, die ausländischen Streitkräfte aber blieben, schienen die Ereignisse anfänglich das mit der ausländischen Militärpräsenz verbundene Spannungspotenzial zu unterstreichen. In der Nähe der neuen Frontlinie in Sirte terrorisierte Wagner die Bevölkerung, indem die Söldner ein Wohngebiet beschossen, die Bewohner vertrieben, ihre Häuser besetzten und die Umgebung verminten. Wer sich dem Gebiet näherte, riskierte den Tod. In einem südlichen Vorort von Misrata richteten sich syrische Kämpfer in den Häusern vertriebener Bewohner ein, was Spannungen mit den Nachbarn schürte. Als es im August 2020 in Tripolis angesichts der Wirtschaftskrise und maroder öffentlicher Dienstleistungen zu Protesten kam, prangerten die Demonstranten an, dass die syrischen Kämpfer in kostbaren US-Dollar bezahlt wurden, während Libyer kaum ihre Dinar-Gehälter im öffentlichen Dienst erhielten.
Als die westlibyschen Gegner Haftars wieder in Rivalitäten verfielen, versuchten manche, ihren Konkurrenten zu schaden, indem sie sie fälschlicherweise beschuldigten, syrische Kämpfer in lokalen Konflikten einzusetzen. Unterdessen schürten Pro-Haftar-Propagandisten Wut und Angst, indem sie erfundene Geschichten über die Entführung libyscher Frauen durch syrische Söldner verbreiteten.
Dass die ausländische Präsenz eine Gegenreaktion provozieren würde, schien umso wahrscheinlicher, da Kontakte zwischen den Söldnern und der einheimischen Bevölkerung nicht ungewöhnlich und weitgehend unreguliert waren. In Sirte und Jufra tauchten Russen häufig in Geschäften und Restaurants auf und trugen zuweilen offen Waffen. Sudanesische Kämpfer, die Haftar nicht mehr bezahlen konnte, wurden für die Bevölkerung zu einem noch größeren Ärgernis, als sie anfingen, an Checkpoints Zölle zu erheben und ihre Vorstöße in den Treibstoffschmuggel zu Engpässen für libysche Verbraucher führten. In Tripolis verließen die Syrer auch regelmäßig zu Fuß ihre Stützpunkte, um Lebensmittel einzukaufen. Im August 2021 protestierten sie offen vor einer Basis gegen verspätete Gehaltszahlungen.
Seitdem aber ist die türkische, syrische und russische Präsenz nach und nach weitgehend unsichtbar geworden. In Sirte zogen sich die Wagner-Kämpfer aus den von ihnen besetzten Gebieten im Laufe des Jahres 2021 in einen gesonderten Bereich auf dem Luftwaffenstützpunkt Qardhabiya zurück. Ihre Besuche in lokalen Geschäften in Sirte und Jufra, oft zusammen mit ihren syrischen Übersetzern, sind deutlich seltener geworden. Zeigen sie sich doch in der Öffentlichkeit, tragen sie nun ausnahmslos Zivilkleidung und signalisieren damit, dass sie an ihrem freien Tag unterwegs sind.
In den südlichen Stützpunkten Brak und Tamanhant, wo die Russen ebenfalls präsent sind, sind sie außerhalb der Stützpunkte noch seltener anzutreffen, wie Anwohner berichten. Gesprächspartner aus dem äußersten Süden berichten, dass sie gelegentlich von russischen Besuchen an abgelegenen Orten wie Goldminen oder Militärbasen hören – aber selten, dass sie sie mit eigenen Augen gesehen haben.
Ähnliches gilt für die von der Türkei stationierten syrischen Kämpfer. In Suq al-Khamis, südlich von Tripolis, hatten sich Anwohner früher darüber beschwert, dass die syrischen Kämpfer oft zu Fuß von einem dortigen Stützpunkt kamen. Seit mindestens einem Jahr beschränken sie sich jedoch auf eine wöchentliche Autofahrt zu lokalen Geschäften. Dies deutet darauf hin, dass ein Regime eingeführt wurde, um die Interaktion mit der lokalen Bevölkerung zu regulieren – was die Langeweile für die Syrer zu einem großen Problem macht.
Die formelle türkische Militärpräsenz selbst ist noch weniger sichtbar und beschränkt sich auf einige wenige Militärstützpunkte zwischen Misrata und der tunesischen Grenze. Außerhalb dieser Stützpunkte ist türkisches Militärpersonal nur äußerst selten anzutreffen.