Gemälde des Guerillos Amilcar Cabral (1924–1973) mit Sumbia-Mütze in der Hauptstadt Bissau

Gemälde des Guerillos Amilcar Cabral (1924–1973) mit Sumbia-Mütze in der Hauptstadt Bissau

Foto: afp/JOHN WESSELS

Steigt man in Bissau in ein Toka-Toka, einen der gelb-blauen Minibusse, die die Hauptverkehrsader der Hauptstadt hinunterfahren, wird man beim Blick aus dem Fenster bei den vorbeiziehenden Menschen eine Sache zweifellos immer wieder sehen: eine gestrickte Wollmütze mit Streifen und Zickzackmuster und krönender Bommel.

Bei ganzjähriger Durchschnittstemperatur von rund 30 Grad fragen sich Besucher*innen von außerhalb möglicherweise, wieso. Die Antwort ist wie so oft vielschichtig. Doch wenn gegen Ende der Fahrt der Bus hinter dem Parlamentsgebäude rechts abbiegt, bietet sich ein erster Hinweis: Überlebensgroß ist hier auf eine Häuserwand, vor einem abstrakten Hintergrund, das Gesicht eines Mannes gemalt. Auf seinem Kopf ebenjene Mütze.

Große Männer tragen Mütze

Der Mann heißt Amílcar Cabral und ist ein bedeutender panafrikanischer Intellektueller sowie Agrarwissenschaftler des 20. Jahrhunderts und die zentrale Figur im Kampf um die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus vom portugiesischen Kolonialismus.

Die Mütze wird »Sumbia« oder »Sumbia Cabrals« genannt. »Sumbias werden in Guinea-Bissau traditionell vor allem von Männern ab einem gewissen Alter oder nach einer erfolgten rituellen Initiierung in die Gesellschaft getragen«, erklärt Anthropologe und Historiker João Paulo Pinto Có. Dafür gebe es verschiedene Arten von Mützen oder Kopfbedeckungen je nach Kontext, ethnischer Zugehörigkeit und Region. Auch die schwarz-weiße Sumbia, die allgemein mit Cabral assoziiert wird, kommt hier zum Einsatz.

Alle können sich auf die Figur Cabral einigen.

 

Auch wenn Cabral sicher nicht der erste Träger einer solchen Mütze in Guinea-Bissau gewesen sei, habe sie durch ihn zweifelsohne deutlich an Bedeutung und Verbreitung gewonnen, so Có. »Auf diese Weise wurde diese Sumbia zu einem Symbol des Widerstandes, des Panafrikanismus, der Negritude und zu einem nationalen Symbol.« Wie aber kam Cabral zu der Mütze?

Hierzu kursieren mehrere Versionen. »Man erzählt sich, dass Cabral sie während des Besuches in einem Dorf im Inland erhielt. Er war unterwegs, um die diverse Bevölkerung innerhalb dieser kolonialen Grenzen von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen das portugiesische Kolonialsystem zu rebellieren«, erklärt Có. Nach der Schulzeit auf den Kapverden und dem Studium in Portugal war der in Guinea-Bissau geborene Sohn kapverdischer Eltern in seinem Geburtsland mit der Erstellung einer nationalen landwirtschaftlichen Studie beauftragt worden. Die damit verbundenen umfangreichen Reisen durch das Land ließen ihn ein tieferes Verständnis über die regionalen Gegebenheiten und die Lebensrealitäten der Menschen gewinnen, was schließlich auch in die Organisierung des Widerstands mit einfließen sollte.

Có erzählt weiter: »Ein Herr in der Runde, der Cabral zuhörte, erkannte in diesem das Bewusstsein und die Größe eines weisen, respektablen Mannes. Also nahm er in einer Geste des Respekts seine Mütze ab und setzte sie Cabral auf.«

Es gebe aber auch eine andere Version, nach der Cabral die Mütze bei einer Reise nach Europa als Geschenk erhalten habe. Wie auch immer sie letztendlich in seine Hände fiel: Cabral ohne Sumbia, das ist wahrscheinlich in etwa so wie Che Guevara ohne Hut mit Stern oder Thomas Sankara ohne seine rote Militärkappe. Im Supermarkt würde man glatt an ihnen vorbeilaufen.

Die Vipernmütze der Arbeiterklasse

Eine Sumbia im Stile Cabrals, die man heute in Bissau kaufen kann, kommt mit großer Wahrscheinlichkeit aus Tschechien. Die Firma Tonak dort ist nach eigenen Angaben Hauptexporteur des Produktes für den afrikanischen Markt.

Die Mütze existiert in einer Vielzahl von Paralleluniversen. In Tschechien selbst heißt sie »Zmijovka«. Hier ist sie vor allem als Kopfbedeckung von Arbeitern in ländlichen Gebieten bekannt, besonders assoziiert mit Fleischern, erzählt Pavla Tomaštíková, Marketingspezialistin von Tonak. Somit entwickelte sich die Zmijovka neben einem praktischen Schutz vor der Kälte auch zu einem Identifikationssymbol der Arbeiterklasse. Der Name leitet sich von dem Wort Zmije ab, tschechisch für Viper, was sich in diesem Fall auf das Zickzack-Muster bezieht, das sich um die Krempe schlängelt.

Auch in der Slowakei ist die Mütze bekannt. Unter dem Namen »Budajka« – nach Ján Budaj, dem slowakischen Dissidenten und Umweltaktivisten – erlebte das Kleidungsstück hier in den 80er und 90er Jahren quasi seinen ganz eigenen Cabral-Effekt.

Wie genau und wann die Handelsbeziehung zwischen Tonak und dem westafrikanischen Markt zustande kam, kann Tomaštíková nicht beantworten. Jährlich würden jedoch 200 000 Exemplare nach Westafrika exportiert, lässt sie wissen.
Anlandepunkt in Westafrika ist in der Regel Dakar. Auch im Senegal wird die Mütze getragen. Hier wurde sie neben dem panafrikanischen Symbolismus durch Cabral vor allem durch religiöse muridische Führer populär gemacht. Für Pavla Tomaštíková zeigt all das, »dass auch traditionelle Produkte einen Platz in einer globalen Welt finden und Menschen über verschiedene Regionen hinweg verbinden können«.

Geplatzte Ideale

Eine Landstraße nach Boé im Osten des Landes. Vorbei an den Wäldern, in denen sich in den 60er Jahren der Guerillakrieg für die Unabhängigkeit abspielte, fährt ein älterer Mann auf seinem Fahrrad. Er trägt eine rote Sumbia. »Ich trage die Mütze vor allem als Muslim, der seinen Kopf zu bedecken weiß«, erklärt Bubacar Camará seine Intention. Gefragt nach Cabral, sagt er, noch immer radelnd: »Mit der Partei bin ich heute nicht einverstanden, aber Cabral hat das Land befreit, kein Zweifel.«

Zwei Motorradstunden weiter gelangt man an einen Fluss, den man, samt Motorrad, in einem Kanu-Shuttle überqueren kann. Nun ist man schon im Umland von Boé. Hier wurde 1973, nach über zehn Jahren Krieg, die Unabhängigkeit ausgerufen. Es sollte noch einige Monate und die Nelkenrevolution in Portugal brauchen, bis diese 1974 von portugiesischer Seite anerkannt wurde.

Nach dem Dorf Tchetché werden es weniger Häuser. Aber eines, das hier steht, ist das von Mamassaliu Bari. Auch er hat eine Sumbia im Haus. »Natürlich«, sagt der Familienvater. Vor allem bei der Arbeit auf dem Feld erweise sie sich als nützlich. Er selbst sei während des Unabhängigkeitskrieges noch ein Kind gewesen, erzählt er. Die Familie habe nach Gabú fliehen müssen. Die Zeit sei damals nicht leicht gewesen. Aber er ist stolz auf die Rolle, die seine Heimatregion in der nationalen Geschichte gespielt hat, sagt Bari. »Bis heute kommen die Politiker zu Besuch, wenn sie etwas Wichtiges zu verkünden haben.«

Amílcar Cabral erlebte die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus nicht mehr. 1973 wurde er von einigen seiner Mitstreiter getötet. Heute, rund sechs Jahrzehnte nach der Ermahnung Cabrals an seine Weggefährten, »Erzählt keine Lügen. (…) Beansprucht keine leichten Siege«, ist die politische Vision eines freien und fairen Staates nach verbreiteter Bewertung gescheitert. Korruption und Klientelismus sind allgegenwärtig, die politischen Verhältnisse instabil. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg wurden politische Institutionen geschwächt oder lahmgelegt, es gab mehrere versuchte und gar geglückte Staatsstreiche. Seit dem letzten Putsch im November 2025 ist eine Militärregierung an der Macht.

Die Desillusionierung sei groß, sagt auch Có. »Im Bereich der Politik und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit passiert heute vieles, wogegen Cabral gekämpft hat.« Der Kampf sei zudem nicht vorbei, meint er. Noch immer sei das Land etwa wirtschaftlich abhängig. Noch immer müssten sich Afrikaner*innen in einer rassistischen Welt behaupten.

In jüngerer Vergangenheit hat die Sumbia Cabrals durch den Oppositionsführer und PAIGC-Vorsitzenden Domingos Simões Pereira eine gewisse Renaissance auf der politischen Bühne erlebt. »Die Sumbia symbolisiert natürlich eine gewisse Vision für die Gestaltung des Staates«, erläutert dazu Có. »Wenn sie von politischen Persönlichkeiten eingesetzt wird, kann sie aber auch zu einem Mittel der Einflussnahme auf die Wähler werden.«

Jedoch sei die Gleichung auch nicht automatisch Sumbia gleich PAIGC, sagt Có. Die Person Amílcar Cabral überrage seine Funktion als Gründer und Leader der Partei. Die »Partido Africano para a Independência da Guiné e Cabo Verde« ist aus der antikolonialen Befreiungsbewegung hervorgegangen. »Alle späteren Gründer neuer politischer Parteien sind zudem selbst in der ein oder anderen Form aus der ehemaligen Einheitspartei PAIGC hervorgegangen«, sagt der Historiker. »Sie mögen vielleicht die PAIGC kritisieren, aber sie alle können sich auf die Figur Cabral einigen.«

Identität und Mode

Designer Alfa Canté sitzt in seinem Laden im Zentrum von Bissau, zwei Blocks vom Parlament entfernt. Sein Outfit in strahlendem Weiß hebt sich deutlich ab von dem Meer an Farben, das sich über die Regale und Kleiderstangen erstreckt. Für Canté ist die Sumbia Cabrals ein echter Klassiker. »Ein Befreiungssymbol«, nennt er sie. Er trage sie selbst häufig. »Und besonders, wenn ich nach Europa reise«, fügt er halb im Scherz hinzu. Sonst sei die Kälte dort ja kaum auszuhalten.

Kann man bei der Sumbia von Mode sprechen? »Natürlich ist es ein Kleidungsstück«, so der Modemacher. »Aber es ist auch viel mehr als das.« Dann überlegt er einen Moment. »Vielleicht«, sagt er, »kann ich das ja mit meiner nächsten Kollektion kombinieren.« Models mit Sumbia auf dem Laufsteg. Die Idee scheint ihm zugefallen.