Mobilisierung der Bevölkerung
Ein wichtiger Faktor für die Machtkonsolidierung der Militärjunta war die erfolgreiche Mobilisierung der Bevölkerung. Sie gelang durch ein Zweckbündnis der neuen Machthaber mit Teilen der nigrischen Zivilgesellschaft. Diese waren durch das repressive Vorgehen der Vorgängerregierungen zu einem Forum der politischen Opposition geworden.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die Bewegung M62, die sich am 3. August 2022, 62 Jahre nach der Unabhängigkeit Nigers, als Bündnis von 15 zivilgesellschaftlichen Organisationen gegründet hat. Zu ihren Mitgliedern gehören auch prominente Anhänger der Oppositionspartei Lumana. Hauptanliegen von M62 war zum Zeitpunkt der Gründung der Protest gegen die Verlegung französischer Truppen von Mali nach Niger. Bis auf eine Ausnahme wurden alle geplanten Demonstrationen der Bewegung unter dem damaligen Präsident Mohamed Bazoum verboten. Im April 2023 verurteilte der Oberste Gerichtshof M62-Anführer Abdoulaye Seydou zu einer neunmonatigen Haftstrafe, nachdem er der nigrischen Armee schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen hatte. Nur wenige Wochen nach dem Putsch wurde Seydou wieder aus der Haft entlassen, nachdem M62 Demonstrationen und nächtliche „patriotische Wachen“ zur Unterstützung der Putschisten organisiert hatte. Die andauernde Sicherheitskrise, eine zunehmende Präsenz ausländischer Truppen und mehrere Korruptionsskandale hatten auch innerhalb der Bevölkerung den Rückhalt der abgesetzten Regierung geschwächt. Mit dem Militärputsch verbanden nun viele die Hoffnung auf politischen Wandel und folgten daher Aufrufen aus der Zivilgesellschaft, den Putsch zu unterstützen.
Für die Mobilisierung der Bevölkerung bedienten sich sowohl die neuen Machthaber als auch ihre zivilgesellschaftlichen Verbündeten einer neo-souveränistischen Rhetorik, die mit dem Scheitern internationaler Stabilisierungsbemühungen in der Region an Popularität gewonnen hatte. Entgegen anti-kolonialer oder panafrikanischer Bestrebungen distanziert sich die neo-souveränistische Rhetorik von universalistischen Vorstellungen wie Demokratie oder Menschenrechten, die als „trojanische Pferde“ des Westens abgelehnt werden. Sie propagiert stattdessen die Existenz einer nationalen Gemeinschaft, die sich aus der Abgrenzung gegenüber gemeinsamen Feinden konstituiert. Kernbestandteil ist dabei die Unterscheidung in Patrioten und Vaterlandsverräter, die nicht nur die emotionale Bindung der Massen an das politische Projekt der Junta sicherstellt, sondern zugleich jegliche Form des Hinterfragens oder der Kritik unterbindet.
Mit der Gründung eines „Solidaritätsfonds zur Rettung des Vaterlandes“ und der namentlichen Nennung aller Spender*innen forderte die Junta beispielsweise alle Patriot*innen dazu auf, zusammenzustehen. Gemeinsam müssten alle Nigrer*innen zur „wahren“ Souveränität des Landes beitragen und die Auswirkungen der Sanktionen abmildern, die von der Regionalorganisation ECOWAS und Nigers westlichen Partnern als Reaktion auf den Putsch verhängt worden waren.
Gleichzeitig nutzten die neuen Machthaber und ihre Unterstützer*innen den neo-souveränistischen Diskurs aber auch mit Erfolg, um die zahlreichen willkürlichen Verhaftungen oder die massive Beschneidung der Presse- und Meinungsfreiheit zu rechtfertigen.