William Samoei Ruto war mal ein Hoffnungsträger. Ein Präsident, in den vor allem die jungen und die kleinen Leute in Kenia, die Außenseiter und Underdogs, große Erwartungen setzten. Als einer von ihnen hatte sich Ruto vor seiner Wahl im September 2022 präsentiert: als Kandidat aus einfachen Verhältnissen, der weiß, was es heißt, um seinen Platz im Leben kämpfen zu müssen.

Heute wirkt es, als wäre diese Wahl nicht drei, sondern 30 Jahre her. Die Aufbruchstimmung von damals hat sich in Enttäuschung und Wut verwandelt. Kenias Jugend begehrt auf gegen den Präsidenten. Aus dem Hoffnungsträger ist ein Feindbild geworden. Und Ruto? Kennt nur eine Antwort auf die Proteste gegen ihn: Härte. Am Mittwoch wies er die Polizei an, plündernden Demonstranten in die Beine zu schießen: „Genug ist genug“, sagt er.

Ruto, Vater von sieben Kindern und strenggläubiger Christ, kam 1966 in einem Dorf im Westen Kenias auf die Welt, als Sohn eines Bauern. Er arbeitete als Lehrer und Chorleiter, ehe er in die Politik ging. 2013 wurde er Vizepräsident, neun Jahre später stieg er zum Staatsoberhaupt auf. Die Entfremdung von den Menschen, die ihn gewählt hatten, begann schon ein Jahr später. Die hohen Lebenshaltungskosten und die hohe Arbeitslosigkeit führten im Sommer 2023 zu den ersten heftigen Protesten gegen Rutos Regierung, mit Ausschreitungen, Verletzten und Toten. Und schon damals begleitet vom Vorwurf, die Polizei sei unverhältnismäßig brutal gegen die Demonstranten vorgegangen.

Diesmal entzündeten sich die Proteste am Tod eines Bloggers in Polizeigewahrsam

Ein Jahr später wiederholte sich das Ganze, eine Nummer größer. Während der Proteste gegen geplante Steuererhöhungen – die Ruto den Spitznamen Zakayo eintrugen, nach dem ungeliebten Zöllner Zachäus aus der Bibel – stürmte eine Gruppe Vermummter sogar das Parlament in der Hauptstadt Nairobi. Und wieder: Tränengas, Schüsse, Tote, Verletzte – und verstörende Berichte, denen zufolge die Anführer der Proteste von Sicherheitskräften entführt, gefoltert oder sogar getötet wurden.

Die diesjährigen Proteste entzündeten sich am Tod eines Bloggers, der wegen Kritik an Kenias Vizepolizeichef festgenommen und Anfang Juni in Polizeigewahrsam gestorben war. Am Montag gingen erneut Tausende auf die Straße, am Jahrestag der Saba-Saba-Proteste, die 1990 das Ende der damals herrschenden Einparteiendiktatur eingeläutet hatten. Rutos Regierung befindet sich aus ihrer Sicht auf dem Rückweg Richtung Autokratie. Die Bilanz des Tages laut der nationalen Menschenrechtskommission: 31 Tote, 107 Verletzte, 532 Verhaftungen.

Ruto gab dem Druck der Straße vergangenes Jahr nach, indem er sein Steuergesetz weitgehend kassierte und sein Kabinett austauschte. Doch Mitgefühl angesichts der vielen Toten oder gar Unmut über die Sicherheitskräfte lässt er so gut wie gar nicht erkennen. Stattdessen setzt er auf Konfrontation. Jene, die während der Proteste Polizisten oder Geschäfte angriffen, seien „Terroristen“, schrieb er auf der Plattform X, ihre Verbrechen eine „Kriegserklärung“. Der richtige Umgang mit diesen Leuten: in die Beine schießen, ins Krankenhaus bringen, vor Gericht stellen.

Sein früherer Vizepräsident nennt ihn einen Fall für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

In Kenia ist die Empörung über Ruto groß. Die Zeitung The Standard verglich ihn mit einem „Vater, der verschwindet, wenn man ihn am meisten braucht“. Sein einstiger Vizepräsident Rigathi Gachagua bezeichnete ihn als Fall für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Der hat tatsächlich schon einmal gegen Ruto ermittelt, wegen der blutigen Unruhen nach der Präsidentenwahl 2007. Die Anklage wurde damals aus Mangel an Beweisen fallen gelassen.

Im Ausland fällt die Kritik dagegen verhalten aus. Das Auswärtige Amt etwa zeigte sich „besorgt“ und rief alle Seiten dazu auf, auf Gewalt zu verzichten. Gut möglich, dass diese Zurückhaltung damit zusammenhängt, dass Ruto sich für Europa und die USA seit seinem Amtsantritt als verlässlicher Partner erwiesen hat – auf einem Kontinent, wo der Westen (oder das, was davon übrig ist) seine Freunde zuletzt ähnlich schnell verloren hat wie William Ruto in Kenia seine Wähler.