Genetische Untersuchungen deuten laut Sandel und Kollegen darauf hin, dass dauerhafte Aufspaltungen von Schimpansengruppen überaus selten sind. In einem „Science“-Kommentar berichtet James Brooks vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen von einer Spaltung einer Gemeinschaft von Bonobos (Pan paniscus) vor fast 50 Jahren in der Demokratischen Republik Kongo – allerdings ohne ausufernde Gewalt: Beide Bonobo-Gruppen koexistieren demnach bis heute.

Sandel und Kollegen heben Faktoren hervor, die zu der Gewalt beigetragen haben könnten – darunter die schiere Gruppengröße. „Mit fast 200 Individuen, darunter mehr als 30 ausgewachsene Männchen, überstieg die Gruppe der Ngogo-Schimpansen die Größe anderer Gruppen und überdehnte möglicherweise die Kapazität zur Aufrechterhaltung von Beziehungen.“

Das glaubt auch Wittig. „Bei zunehmender Anonymisierung zwischen den Mitgliedern sind andere Strukturen erforderlich, die es bei Schimpansen nicht gibt“, sagt der Direktor des Taï Chimpanzee Projects an der Elfenbeinküste.

Auch das Team um Sandel hebt die Bedeutung persönlicher Verbindungen zwischen den Lagern hervor: Kurz vor der Spaltung, 2014, waren sechs ausgewachsene Schimpansen gestorben. Möglicherweise hätten die Todesfälle die sozialen Bande zwischen Untergruppen geschwächt. Und Anfang 2017 starben 25 Schimpansen – davon 14 ausgewachsene Tiere – bei einer Epidemie. Eines der Männchen war in der westlichen Gruppe eines der letzten Tiere, das noch Kontakte zur anderen Gruppe unterhielt. Sein Tod könne die Eskalation beschleunigt haben, heißt es.

„Im Fall der Ngogo-Spaltung wurden Individuen, die zusammen gelebt, gefressen, sich gepflegt und patrouilliert hatten, zum Ziel tödlicher Angriffe wegen ihrer neuen Gruppenzugehörigkeit“, schreiben die Autoren. „Dies unterstreicht, dass Schimpansen einen Sinn für Gruppenidentität haben, der über Vertrautheit oder deren Fehlen hinausgeht.“

Die Beobachtung widerspreche gängigen Theorien zu Ursachen von Kriegen bei Menschen, die demnach von kulturellen Faktoren wie Sprache, Religion, ethnischer oder politischer Zugehörigkeit abhängen. Wenn man sich auf solche kulturellen Faktoren konzentriere, übersehe man grundlegende soziale Prozesse, die menschliches Verhalten prägten – und die es auch bei den nächsten Verwandten des Menschen gebe.