In diesem Monat landen am Düsseldorfer Flughafen die ersten tunesischen Berufskraftfahrer, die Simon Kellermann aus Monheim nach Deutschland begleitet hat. Ein Jahr lang hätten sich die Männer und ihre zukünftigen Arbeitgeber nur auf dem Bildschirm gesehen. Es habe Interviews per Video und regelmäßige Gespräche gegeben, sagt Simon Kellermann. Unterlagen und Dokumente seien geprüft worden. Die Männer hätten auf einen Visumtermin gewartet. Doch jetzt reisen die ersten Berufskraftfahrer und Mechatroniker aus Tunesien, die der 22-Jährige von der Auswahl bis zur Ankunft begleitet hat, ein. Zwei Familienbetriebe im Münsterland warten auf sie.
Kellermann ist in Monheim aufgewachsen und hat am Otto-Hahn-Gymnasium Abitur gemacht. Beim Düsseldorfer Bildungsunternehmen Educaro verantwortet er den Aufbau eines Bereichs, den es dort vorher nicht gab: die Gewinnung von Berufskraftfahrern, Mechatronikern und Elektrikern aus dem Ausland. Es sei das erste abgeschlossene Projekt dieser Art in seinem Unternehmen, das bislang vor allem Pflegekräfte begleitet habe, berichtet er.
„Wir haben diese Berufe über Jahrzehnte entwertet und wundern uns jetzt, dass niemand mehr will“, sagt er. „In Tunesien hat der Fahrerberuf ein Ansehen, das er hier längst verloren hat. Die Leute, die zu uns kommen, wollen genau das machen. Das ist der Kindheitstraum, der in Erfüllung geht.“
Dass er ausgerechnet bei Lastwagen gelandet ist, habe mit seiner Familie zu tun. Sein Vater sei Berufskraftfahrer gewesen, sein Patenonkel fahre bis heute Lkw, seine Mutter arbeitet seit 35 Jahren in einem Logistikunternehmen. Er selbst und sein Bruder seien Transporter gefahren. Was in der Familie Alltag ist, sei heute ein Versorgungsproblem: Wenn ein Paket nicht ankomme oder ein Handwerksbetrieb auf Material warte, hänge das oft daran, dass jemand fehle, der fährt, sagt Kellermann.
Der Weg für die Zusammenführung von Bewerbern und Firmen sei jedoch länger, als die meisten Betriebe erwarteten. In Tunis lernten die Kandidaten an einer unternehmenseigenen Schule Deutsch bis Niveau B1 oder B2, machten im eigenen Prüfungszentrum die Deutschprüfung, durchliefen eine Probezeit mit Leistungskontrollen und sprechen monatlich mit dem künftigen Arbeitgeber, bevor sie sich auf den Betrieb und Standort festlegten, an dem sie sich eine neue Heimat aufbauen wollten.
Direkt nach der Ankunft dürften sie zunächst keinen Lastwagen fahren. Ein tunesischer Führerschein werde in Deutschland weder anerkannt noch umgeschrieben. Die Fahrer mussten hier die komplette theoretische und praktische Prüfung ablegen, dazu die beschleunigte Grundqualifikation mit IHK-Prüfung. An deutschen Fahrschulen, von deutschen Prüfern, auf Deutsch. In dieser Zeit arbeiteten sie im Lager oder als Beifahrer, berichtet der 22-Jährige.
Bei Educaro trage der Arbeitgeber den Großteil der Kosten; Führerschein und Grundqualifikation seien über die Bundesagentur für Arbeit oft weitgehend förderfähig. Wenn die Gruppe lande, stünden Kellermann und Kolleginnen aus der Integrationsbegleitung am Flughafen und begleiten die Ankommenden in den ersten Tagen zu Ämtern, zur Bank und in die Wohnung.
Was ihn dabei am meisten beschäftige, sei nicht die Bürokratie. „Manche unserer Leute erleben hier eine Ablehnung, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat. Jemand, der sich ein Jahr lang vorbereitet hat, um in einem deutschen Betrieb zu arbeiten, wird im Supermarkt behandelt, als wäre er ein Problem. Darüber redet in der Fachkräftedebatte kaum jemand, dabei entscheidet es mit darüber, ob jemand bleibt. Deutschland steht nun mal im Wettbewerb mit angelsächsischen Ländern wie England und den USA“, so Kellermann.
Ob alles glattgeht, weiß Kellermann nicht. Zuversichtlich ist er trotzdem: Betrieb und Fahrer kennen sich aus einem Jahr monatlicher Gespräche. „Die haben gemeinsam Rückschläge erlebt, ausbleibende Visatermine, monatelange Unsicherheit. Das schweißt mehr zusammen, als man denkt. Ich glaube, es dauert nicht lange, bis niemand mehr sagt, das seien die Kollegen aus Tunesien. Dann sind es einfach die Kollegen.“