{"id":10055,"date":"2026-04-25T21:52:23","date_gmt":"2026-04-25T21:52:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10055\/"},"modified":"2026-04-25T21:52:23","modified_gmt":"2026-04-25T21:52:23","slug":"sudan-morgen-werden-wir-tanzen-ein-tag-der-hoffnung-im-lager-des-grauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10055\/","title":{"rendered":"Sudan: \u201eMorgen werden wir tanzen\u201c \u2013 Ein Tag der Hoffnung im Lager des Grauens"},"content":{"rendered":"<p>Millionen Menschen im Sudan sind auf der Flucht; allein im Fl\u00fcchtlingslager Afad leben 45.000 Menschen. Doch auch hier gibt es Momente des Gl\u00fccks \u2013 so wie die Hochzeit von Ibrahim und Mariyam. WELT haben sie von ihren Tr\u00e4umen f\u00fcr die Zukunft erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Braut h\u00e4lt ihre H\u00e4nde ruhig im Scho\u00df, damit die Henna-Verzierungen nicht verwischen. Die Ornamente sind noch frisch, ein dunkles Rot. Das reich bestickte Kleid hat sie mit einer kronenartigen Kopfbedeckung kombiniert. Neben ihr sitzt der Br\u00e4utigam in einem traditionellen wei\u00dfen Gewand mit passendem Turban und dunkler Weste auf einem Plastikstuhl. Immer wieder schaut er zu ihr hin\u00fcber, als m\u00fcsse er sich vergewissern, dass sie wirklich da ist.<\/p>\n<p>Hinter ihnen bewegt der Wind die Zeltplanen. Aus einem Lautsprecher kommt laute Musik. Menschen tanzen. Es ist eine Hochzeit im Norden Sudans, in Afad, einem der unz\u00e4hligen Camps f\u00fcr Binnenvertriebene. Mehr als zw\u00f6lf Millionen Menschen sind inzwischen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69bf3bcbaf187d606b80e88d\/laut-who-mehr-als-60-tote-bei-angriff-auf-lehrkrankenhaus-im-sudan-13-kinder-unter-den-opfern.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69bf3bcbaf187d606b80e88d\/laut-who-mehr-als-60-tote-bei-angriff-auf-lehrkrankenhaus-im-sudan-13-kinder-unter-den-opfern.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wegen des Krieges<\/a> auf der Flucht, mehr als in jedem anderen Konflikt. Und vielleicht erz\u00e4hlt gerade nichts so viel \u00fcber dieses Land wie diese Feier inmitten der Tr\u00fcmmer.<\/p>\n<p>Ibrahim Bakhit Gardia ist 30 Jahre alt, medizinischer Labortechniker, gro\u00df, schlank, mit ruhiger Stimme. Mariyam Mahyaldin Ali ist 25, elegant, mit magnetischen Augen. Ein schmales rotes Band h\u00e4lt den goldenen Schmuck \u00fcber ihrer Stirn fest. \u201eIch habe mir meine Hochzeit immer anders vorgestellt\u201c, sagt sie und schaut kurz zu ihrem Mann hin\u00fcber. \u201eAber ich bin gl\u00fccklich, dass wir zusammen sind.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Geschichte beginnt vor zwei Jahren in einem anderen Vertriebenenlager. Das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article689ee1a8f3b33007198425eb\/buergerkrieg-hunger-cholera-vertreibung-die-beispiellose-humanitaere-katastrophe-im-sudan.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article689ee1a8f3b33007198425eb\/buergerkrieg-hunger-cholera-vertreibung-die-beispiellose-humanitaere-katastrophe-im-sudan.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zamzam-Camp in Nord-Darfur<\/a> war damals einer der gr\u00f6\u00dften Zufluchtsorte Sudans, eine riesige Ansammlung aus Zelten, Plastikplanen und improvisierten H\u00fctten, in der Hunderttausende Menschen lebten. Sein Zelt war in der N\u00e4he des Brunnens, Mariyam holte dort jeden Morgen Wasser. Und Ibrahim stellte sicher, dass er rechtzeitig herauskam.<\/p>\n<p>\u201eAls ich sie ansah, hatte ich sofort dieses Gef\u00fchl. Mein Herz schlug schneller\u201c, sagt er. Mariyam l\u00e4chelt, als sie ihm zuh\u00f6rt. \u201eEr half mir, Wasser zu tragen\u201c, sagt sie. \u201eIch mochte seine Augen. Und dass er sich um andere Menschen k\u00fcmmert.\u201c Ibrahim analysierte Blutproben f\u00fcr eine Hilfsorganisation. Und Mariyam fing bald an, ihm dabei zu assistieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihre Beziehung begann, ver\u00e4nderte sich die Welt um sie herum immer schneller. Der Krieg, der im April 2023 zwischen Sudans Armee und der paramilit\u00e4rischen RSF-Miliz ausbrach, weitete sich immer weiter aus. Besonders in Darfur eskalierte die Gewalt, die RSF eroberte dort im Westen des Sudans nahezu alle Orte. <\/p>\n<p>Lediglich die Gro\u00dfstadt El-Fasher verteidigte die Armee beharrlich, trotz einer 18 Monate langen Belagerung durch die Miliz. Damit wurden auch die Lebensmittel des nahegelegenen Zamzam-Camp knapp. D\u00f6rfer wurden niedergebrannt, Felder zerst\u00f6rt, Vieh gestohlen. Es herrschte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article687503de1f01543ad4cc3fac\/sudan-sonst-sterben-wir-durch-bomben-oder-an-hunger.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article687503de1f01543ad4cc3fac\/sudan-sonst-sterben-wir-durch-bomben-oder-an-hunger.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hungersnot<\/a>.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2024 geriet Zamzam zunehmend unter Beschuss. Zehntausende versuchten, das Lager zu verlassen. Ibrahim half zuerst Mariyams Eltern bei der Flucht, eine Tortur. Es waren Tage, an denen neun Freunde get\u00f6tet wurden. Und der Vater hatte ein gebrochenes Bein, 20 Kilometer dauerte der Weg durch die Front nach El-Fasher. Bis heute wei\u00df Ibrahim nicht, wie sie das geschafft haben.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Tage der Ungewissheit<\/p>\n<p>Er kehrte zur\u00fcck, um auch Mariyam nach El-Fasher zu bringen. Doch sie liefen in einen Angriff, verloren sich im Chaos. F\u00fcnf Tage lang wusste keiner von beiden, ob der andere noch lebte. \u201eIch hatte gro\u00dfe Angst\u201c, sagt Mariyam. \u201eIch dachte, er ist tot.\u201c Ibrahim suchte \u00fcberall nach ihr, fragte Nachbarn, Freunde, Kollegen. <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erhielt er eine Nachricht auf seinem Telefon. Sie war noch am Leben. \u201eAls ich sie wiederfand, war das der gl\u00fccklichste Moment\u201c, sagt er. Kurz darauf bat er den Vater um die Hand der Tochter. Der sagte nur: \u201eWie k\u00f6nnte ich ablehnen, du hast mein Leben gerettet.\u201c<\/p>\n<p>Damals hatten sie noch Hoffnung, dass die Armee El-Fasher halten w\u00fcrde. Und, insgeheim, dass dieser <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article690247da6745059776a28597\/sudan-menschliches-schlachthaus-die-stille-duldung-der-graeuel-von-al-faschir.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article690247da6745059776a28597\/sudan-menschliches-schlachthaus-die-stille-duldung-der-graeuel-von-al-faschir.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">brutale Machtkampf <\/a>doch enden k\u00f6nnte, vielleicht sogar vor ihrer Hochzeit. Doch nach wenigen Wochen wurde der Kugelhagel auch \u00fcber der Stadt \u00fcberw\u00e4ltigend. Und mit ihm der Hunger.<\/p>\n<p>Eine Frau erz\u00e4hlt am Rande der Hochzeit, wie sie wochenlang nur Tierfutter a\u00df. Ein Mann berichtet, wie sie Salzreste aus den \u00d6fen zerst\u00f6rter B\u00e4ckereien kratzten. Ein Arzt zeigt Fotos von vergrabenen Containern, improvisierten Bunkern, in denen er operierte. Und eine \u00e4ltere Frau im Zelt direkt neben der Hochzeitsgesellschaft h\u00e4lt zwei Kleinkinder an der Hand, die sie w\u00e4hrend der Flucht in den Armen ihrer toten Mutter fand \u2013 das eine war an der Brust der von Raketensplittern getroffenen Frau.<\/p>\n<p>Auch die Verlobten fliehen wieder. Gerade noch rechtzeitig vor der Eroberung der Stadt im vergangenen Oktober, w\u00e4hrend der die RSF derart ersch\u00fctternde Massaker ver\u00fcbte, dass dieser nunmehr knapp drei Jahre andauernde Krieg einen seltenen Moment internationaler Aufmerksamkeit erhielt. <\/p>\n<p>Auch die Armee, vom Westen mit Misstrauen wegen islamistischer Einfl\u00fcsse be\u00e4ugt, nimmt bei ihren Offensiven immer wieder massenhaft zivile Opfer in Kauf. Doch die Brutalit\u00e4t der RSF, etwa die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6902383dfa1876cd162744d8\/sudan-angriff-auf-krankenhaus-in-besetzter-stadt-el-fasher-laut-who-mindestens-460-tote.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6902383dfa1876cd162744d8\/sudan-angriff-auf-krankenhaus-in-besetzter-stadt-el-fasher-laut-who-mindestens-460-tote.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hinrichtung Hunderter in Krankenh\u00e4usern<\/a>, sticht hervor.<\/p>\n<p>Ibrahim hat Gl\u00fcck. Er hat noch Ersparnisse, was in diesem Krieg Leben retten kann. 750 Dollar verlangt ein Fahrer der RSF f\u00fcr den Transport von Ibrahims Familie und einigen seiner Freunde in das Afad-Camp, wo er nun seit einem halben Jahr lebt. \u201eAls wir hier ankamen, war kaum noch Geld da\u201c, sagt er, \u201eaber ich bin stolz, dass ich so vielen Menschen helfen konnte.\u201c<\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen sehen in den Attacken auf El-Fasher <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article699719e9f9269d94305a4bd4\/sudan-drei-tage-des-absoluten-grauens-un-ermittler-sehen-merkmale-eines-voelkermords.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article699719e9f9269d94305a4bd4\/sudan-drei-tage-des-absoluten-grauens-un-ermittler-sehen-merkmale-eines-voelkermords.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Merkmale eines Genozids<\/a>: ethnisch markierte Gewalt, Massent\u00f6tungen, sexualisierte Gewalt, Vertreibungen, Belagerung als Waffe. Betroffen sind vor allem nichtarabische Gemeinschaften wie Zaghawa und Fur. Rund 45.000 Menschen sind allein ins Afad-Camp und in die nahegelegene Stadt Ad-Dabbah geflohen.<\/p>\n<p>Immerhin hier ist die Versorgung gesichert, anders als in der Kordofan-Region in der Mitte des Landes. Dort verl\u00e4uft eine neue Front dieses Krieges, der auf eine dauerhafte Spaltung des Landes im Stile Libyens hinausl\u00e4uft \u2013 westlich kontrolliert die RSF, \u00f6stlich die Armee. <\/p>\n<p>In Kordofan, wo um St\u00e4dte, \u00d6lfelder und Stra\u00dfen gek\u00e4mpft wird, hungern viele Menschen. Das liegt weniger an der katastrophalen Unterfinanzierung der humanit\u00e4ren Hilfe \u2013 sie ist nur zu 25 Prozent gedeckt \u2013 als daran, dass beide Seiten kaum Hilfsg\u00fcter in vom Feind kontrollierte Gebiete passieren lassen.<\/p>\n<p>Die Armee erh\u00e4lt Unterst\u00fctzung von L\u00e4ndern wie \u00c4gypten, Saudi-Arabien, der T\u00fcrkei und \u2013 bis zum US-Angriff \u2013 auch Drohnen aus dem Iran. Die RSF h\u00e4ngt derweil <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256071702\/Sudan-Der-Krieg-fuer-den-sich-niemand-zustaendig-fuehlt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256071702\/Sudan-Der-Krieg-fuer-den-sich-niemand-zustaendig-fuehlt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">am Tropf der Vereinigten Arabischen Emirate<\/a>, die verl\u00e4sslich Waffen liefern. Sudan liegt an einer strategischen Schnittstelle zwischen Sahel, Horn von Afrika und dem Roten Meer \u2013 einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt.<\/p>\n<p>Ein Tag des Gl\u00fccks<\/p>\n<p>Im Camp Afad wirkt solch geopolitisches Ringen heute weit entfernt. Und auch der Krieg, dessen Front nur 150 Kilometer entfernt ist. Eine Hochzeit in Darfur dauert normalerweise mehrere Tage. Familien, Nachbarn und ganze Viertel sind beteiligt. Frauen singen, Verwandte reisen an, Geschenke werden ausgetauscht.<\/p>\n<p>In einem Krieg sieht eine Hochzeit anders aus, k\u00fcrzer, improvisierter. Doch Ibrahim hat auch im Afad-Camp Arbeit als Laborant gefunden und damit etwas Geld, um eine w\u00fcrdevolle Feier zu finanzieren. Dutzende Verwandte und Freunde unterst\u00fctzen, so gut sie k\u00f6nnen, wer es sich leisten kann mit ein paar Sudanesischen Pfund, andere mit kleinen Diensten.<\/p>\n<p>Am Vorabend h\u00e4ngt ein junger Mann am Rand des Lagers Luftballons auf, eine \u00e4ltere Frau verteilt Bonbons auf Tellern. In den Zelten wird gekocht. Jahrelang waren sie auf der Flucht, w\u00e4hrend der ihnen der Krieg viele ihrer Liebsten entriss. Jetzt, in stiller Vorfreude auf einen Tag des Gl\u00fccks, nehmen sie sich Zeit. <\/p>\n<p>Hier begegnet uns Ibrahim, nachdem uns Bewohner stundenlang schockierende Geschichten aus El-Fasher erz\u00e4hlt haben. Er l\u00e4dt uns spontan zu seiner Hochzeit ein. \u201eEs w\u00e4re uns eine gro\u00dfe Freude\u201c, sagt er. Die religi\u00f6se Trauung, die Nikah, fand schon vor einer Woche statt. \u201eMorgen werden wir tanzen.\u201c<\/p>\n<p>Als die Sonne aufgegangen ist, reicht ein Freund dem nun doch sichtlich nerv\u00f6sen Br\u00e4utigam Tee. Mehr M\u00e4nner kommen hinzu, binden ihm den Turban, \u00fcberreichen ihm einen verzierten Zeremonienstab. Es wird zusammen gegessen, in einem der Zelte: Asida, Hirsebrei, Ziegenfleisch, Fladenbrot, w\u00fcrzige Saucen. Dann tragen sie ihn drau\u00dfen jubelnd auf den Schultern. <\/p>\n<p>Eine Gruppe Frauen n\u00e4hert sich, singend k\u00fcndigen sie die Braut an. Die ist noch im Nachbarort in einem Sch\u00f6nheitssalon. Ibrahim hat ein altes Auto organisiert und holt sie ab. Strahlend sitzt sie vor einem Spiegel, beide l\u00e4cheln, als sie sich sehen. Auch seine Mutter ist angekommen, gerade noch rechtzeitig. Ibrahim hatte ihre Flucht nach \u00c4gypten organisiert, doch sie lie\u00df sich nicht davon abhalten, anzureisen. Drei Tage dauerte die Busfahrt.<\/p>\n<p>Im Afad-Camp wird das Auto mit gro\u00dfem Jubel empfangen. Rund 200 G\u00e4ste stehen unter einer zwischen St\u00f6cken gespannten Zeltplane, die der Hitze etwas die Wucht nimmt. Auch der Br\u00e4utigam wird geschm\u00fcckt, mit einem kleinen B\u00fcndel aus Gr\u00e4sern am Handgelenk \u2013 es soll vor Neid und Ungl\u00fcck sch\u00fctzen. <\/p>\n<p>Dann beginnt der Jirtig, das zentrale Ritual sudanesischer Hochzeiten. Frauen umringen das Paar, singen, klatschen und trommeln, w\u00e4hrend sie Braut und Br\u00e4utigam mit roten Stoffen und goldenen Ketten schm\u00fccken. Zwischendurch wird ihnen Milch gereicht, aus der beide trinken \u2013 ein schlichtes, aber bedeutungsvolles Zeichen f\u00fcr Reinheit, Verbundenheit und den gemeinsamen Beginn. Und dann wird getanzt. Stundenlang.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als die G\u00e4ste essen und der Abend \u00fcber dem Camp dunkler wird, erz\u00e4hlt Ibrahim noch einmal von dem Brunnen in Zamzam, wo alles begann. Von der Frau, die ihn daran erinnerte, dass das Leben mehr sein k\u00f6nnte als blo\u00dfes Entkommen. In zehn Jahren, sagt er, wolle er ein eigenes Haus haben, ein Auto, vielleicht ein eigenes Labor, nach M\u00f6glichkeit in El-Fasher, der Heimat.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Kinder k\u00f6nne er sich vorstellen, mindestens. \u201eInshallah.\u201c Wenn Gott es will. Und falls bis dahin denn Frieden ist, was keineswegs gesichert ist. Auch das geh\u00f6rt zu diesem Krieg: Millionen Menschen versuchen, ihr Leben und die Hoffnung auf die Zukunft festzuhalten. W\u00e4hrend um sie herum ein Staat zerf\u00e4llt.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christian Putsch<\/a> ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Millionen Menschen im Sudan sind auf der Flucht; allein im Fl\u00fcchtlingslager Afad leben 45.000 Menschen. 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