{"id":10084,"date":"2026-04-25T23:07:16","date_gmt":"2026-04-25T23:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10084\/"},"modified":"2026-04-25T23:07:16","modified_gmt":"2026-04-25T23:07:16","slug":"zeitzeuge-spricht-ueber-den-genozid-1994-in-ruanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10084\/","title":{"rendered":"Zeitzeuge spricht \u00fcber den Genozid 1994 in Ruanda"},"content":{"rendered":"<p>KNA: Herr Zimmermann, Sie sind im Auftrag der Vereinten Evangelischen Mission mit Ihrer Familie im Sommer 1991 nach Ruanda gegangen. Wie haben Sie die Lage damals wahrgenommen?<\/p>\n<p>J\u00f6rg Zimmermann (Pastor der Christuskirchengemeinde in Neuss und<br \/>Notfallseelsorger): Im Herbst 1990 war es zu ersten K\u00e4mpfen zwischen ruandischen Regierungstruppen und den Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front gekommen. Unser Eindruck war, dass sich die Situation nach diesem &#8222;Oktoberkrieg&#8220; zun\u00e4chst rasch wieder beruhigt hatte.\u00a0<\/p>\n<p>Die Franzosen haben Ruandas Armee damals stark unterst\u00fctzt und die Rebellen nach Uganda zur\u00fcckgetrieben.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben f\u00f6rmlich gesp\u00fcrt, dass Druck im Kessel herrschte.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Aber?<\/p>\n<p>Zimmermann: Ich bin 1982 das erste Mal in Ruanda gewesen. Das war damals ein verschlafenes kleines Land mitten in Afrika, hier mal ein Gendarm, da mal ein Kontrollposten. Das hatte sich 1991 massiv<br \/>ver\u00e4ndert.\u00a0<\/p>\n<p>Es gab Ausgangssperren, Panzer fuhren vor dem Pr\u00e4sidentenpalast auf, die Armee wuchs von 5.000 auf bis zu 45.000 Mann an. Waffen kamen zuhauf in das Land, was wiederum immense Auswirkungen auf die Kriminalit\u00e4t hatte. Wir haben f\u00f6rmlich gesp\u00fcrt, dass Druck im Kessel herrschte.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;In Ruanda waren das Schl\u00e4gertrupps, die die Leute terrorisierten.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Frankreich hatte ein Mehrparteiensystem in dem Land installiert. War das ein geschickter Schachzug?<\/p>\n<p>Zimmermann: Grunds\u00e4tzlich ist ein Mehrparteiensystem nat\u00fcrlich immer gut als Ausdruck demokratischer Verh\u00e4ltnisse. Aber das fachte Anfang der 1990er-Jahre in Ruanda Chaos und Terror nur weiter an. Die Parteien hatten ihre Jugendorganisationen. Da denken wir in Deutschland an so etwas wie die Junge Union oder die Jusos. In Ruanda waren das Schl\u00e4gertrupps, die die Leute terrorisierten.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;In dem Moment, als er das sagte, ging in unmittelbarer N\u00e4he eine Granate hoch.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Wann haben Sie gemerkt, dass die Stimmung zu kippen drohte?<\/p>\n<p>Zimmermann: Eigentlich schon recht fr\u00fch, Anfang 1992 muss das gewesen sein. Da bin ich zu einem Vortrag von Guy Theunis, einem Ordensmann gegangen, der f\u00fcr eine katholische Wochenzeitschrift schrieb und sehr gut in politischen Kreisen vernetzt war.\u00a0<\/p>\n<p>Der sagte sinngem\u00e4\u00df, die mit der Regierung verbundene Extremisten-Organisation Interahamwe &#8211; &#8222;Die<br \/>gemeinsam angreifen&#8220; &#8211; s\u00e4e Angst und Schrecken, w\u00e4hrend Staatschef Juvenal Habyarimana sich als Vater der Nation inszeniere. Es k\u00f6nne jeden Moment krachen. In dem Moment, als er das sagte, ging in<br \/>unmittelbarer N\u00e4he eine Granate hoch.<\/p>\n<p>KNA: Ein unheimlicher Zufall.<\/p>\n<p>Zimmermann: Kurze Zeit darauf, im M\u00e4rz 1992, gab es in Bugesera ein Massaker mit mehreren hundert Toten &#8211; ohne dass es irgendwelche Konsequenzen gegeben h\u00e4tte. Damals hatte ich wirklich die naive<br \/>Vorstellung, dass doch Ordnungskr\u00e4fte eingreifen m\u00fcssen und die Polizei was machen muss. Stattdessen geschah nichts.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Trotzdem waren wir erstmal optimistisch.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: 1994 eskalierte die Gewalt. Schnell kam ausl\u00e4ndisches Milit\u00e4r ins Land.<\/p>\n<p>Zimmermann: Die Franzosen stockten ihre Truppen auf, danach kamen die UN-Blauhelme. Das waren anders als die Franzosen keine Elitesoldaten, was man ihnen irgendwie auch angesehen hat. Zwar wussten wir, dass sie lediglich ein sogenanntes Peacekeeping-Mandat hatten, ihre Waffen nur zur Selbstverteidigung gebrauchen durften.\u00a0<\/p>\n<p>Trotzdem waren wir erstmal optimistisch. Aber bald schon haben wir uns gefragt: Wozu seid ihr gut, wenn ihr nur daneben stehen k\u00f6nnt und euch nachher die Haare kratzt und nicht eingreift bei dem, was da passiert ist?<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Die UN haben die Leute sehenden Auges ihren M\u00f6rdern \u00fcberlassen.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Ein ber\u00fcchtigtes Beispiel bot der Abzug der Blauhelme aus der Ecole Technique Officielle ETO, einer Schule der Salesianer, in der Hauptstadt Kigali, am 11. April 1994.<\/p>\n<p>Zimmermann: Auf das Schulgel\u00e4nde flohen in den ersten Tagen der K\u00e4mpfe rund 3.000 Menschen, weil dort belgische Blauhelme stationiert waren. Denen wurde dann aber der Befehl zum Abzug gegeben, w\u00e4hrend sich die Milizen der Interahamwe rund um das Gel\u00e4nde bereit machten, die Fl\u00fcchtlinge abzuschlachten. Man muss sich das vorstellen: Die UN haben die Leute sehenden Auges ihren M\u00f6rdern \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>KNA: Sie selbst haben immer wieder in Briefen an Freunde und F\u00f6rderer der VEM in Deutschland von der Lage in Ruanda berichtet.\u00a0<\/p>\n<p>Zimmermann: Ich mache mir heute noch den Vorwurf, dass ich nie auf die Idee gekommen bin, meine Rundbriefe mal ungefragt ans Ausw\u00e4rtige Amt zu schicken.<\/p>\n<p>KNA: Warum? Es gab auch einen deutschen Botschafter im Land.<\/p>\n<p>Zimmermann: Dieter H\u00f6lscher war nach meiner Wahrnehmung eine absolut schwache Figur und mit der Situation komplett \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Von meinen engsten drei Mitarbeitern hat einer \u00fcberlebt.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Sie selbst waren in Kigali in einem Gemeindezentrum aktiv, haben von Sozialarbeit \u00fcber Seelsorge und administrative T\u00e4tigkeiten ein breites Spektrum abgedeckt. Wie ist es 1994 Ihren Mitarbeitern<br \/>ergangen?<\/p>\n<p>Zimmermann: Von meinen engsten drei Mitarbeitern hat einer \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe meinen Glauben an Gott nie wirklich verloren.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Verliert man in solchen Situationen den Glauben an Gott?<\/p>\n<p>Zimmermann: Ich habe meinen Glauben an Gott nie wirklich verloren. Allerdings kann ich nicht viel anfangen mit so einer zivil-religi\u00f6sen Vorstellung &#8222;Der liebe Gott, der \u00fcber uns wacht&#8220; oder sowas. Was mir viel n\u00e4her ger\u00fcckt ist und das auch schon in der ganzen Katastrophe selbst, ist die Kreuzestheologie, die Gegenwart Gottes im gekreuzigten Christus.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Ruanda bleibt mein Lebensthema.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Sie haben Gewalt erlebt, unfassbare Gr\u00e4uel hautnah mitbekommen. Was hat das mit Ihnen und Ihrer Familie gemacht?<\/p>\n<p>Zimmermann: Das hat meine Familie und mich lange besch\u00e4ftigt. Noch Jahre sp\u00e4ter bin ich, immer wenn irgendetwas geknallt hat wie ein umgekippter Stapel Bretter auf einer Baustelle, zusammengezuckt.<br \/>Ruanda bleibt mein Lebensthema. Genau so wie der Kampf gegen Gewalt und Krieg.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Viele Menschen sind der Propaganda und Desinformation gefolgt.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>KNA: Gab es auch T\u00e4ter in Ihrer Gemeinde?\u00a0<\/p>\n<p>Zimmermann: Das ist ein ganz bitterer Punkt. Es hat solche Menschen gegeben. Viele Menschen sind der Propaganda und Desinformation gefolgt. In Ruanda ist der Glaube an Autorit\u00e4ten sehr stark. Als von dort der Befehl kam, gegen eine bestimmte Gruppe vorzugehen, wurde das nicht hinterfragt.\u00a0<\/p>\n<p>Zum anderen gab es massive Medienkampagnen zur Desinformation vor allem im Radio, und vor allem durch den Sender Radio-Television Libre des Mille Collines RTLM. Da ist bewusst ein Gef\u00fchl der Bedrohung gesch\u00fcrt worden, indem man an die Situation von 1959\/60 erinnert hat.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Das wurde einfach so in den Raum gestellt und radikalisierte insbesondere \u00e4rmere Schichten.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Was steckte dahinter?\u00a0<\/p>\n<p>Zimmermann: Damals gab es eine Revolte der Hutu gegen die Herrschaft der Tutsi, in deren Verlauf Tausende Menschen get\u00f6tet wurden. Nun, so hie\u00df es, stelle sich das Problem wieder. Die Hutu m\u00fcssten erneut gegen die Tutsi vorgehen. Das wurde einfach so in den Raum gestellt und radikalisierte insbesondere \u00e4rmere Schichten.<\/p>\n<p>KNA: Spielen diese Gegens\u00e4tze heute noch eine Rolle?\u00a0<\/p>\n<p>Zimmermann: Offiziell sind die Kategorien Hutu und Tutsi verp\u00f6nt. Aber mit Blick auf die Geschehnisse vor 30 Jahren wird dann doch vom &#8222;Genozid an den Tutsi&#8220; gesprochen. Da sind die alten Begriffe weiter<br \/>pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>KNA: Die Geschichte lehrt, dass Hassreden nicht nur in Ruanda zu furchtbaren Konsequenzen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zimmermann: Wollen wir mal nicht so tun, als w\u00e4ren wir au\u00dfen vor. Denken Sie nur an die Nazizeit zur\u00fcck, wie schnell auch bei uns Menschen zu Kollaborateuren oder T\u00e4tern wurden.<\/p>\n<p>        J\u00f6rg Zimmermann<\/p>\n<p>&#8222;Wie andernorts auch gibt es nicht &#8222;die&#8220; T\u00e4terbiographie.&#8220;<\/p>\n<p>KNA: Was machte in Ruanda Menschen zu T\u00e4tern?<\/p>\n<p>Zimmermann: Wie andernorts auch gibt es nicht &#8222;die&#8220; T\u00e4terbiographie. Zu unseren Nachbarn geh\u00f6rte ein Paar, sie Tutsi, er Hutu. Als die M\u00f6rderbanden zu den Beiden kamen, dr\u00fcckten sie dem Mann eine Machete in die Hand, zeigten auf einen Tutsi mit den Worten: Jetzt bist du dran.<\/p>\n<p>Dem Mann war klar: Bringt er diesen Menschen nicht um, wird seine Frau get\u00f6tet. Er hat den Mord begangen, und die Frau hat tats\u00e4chlich \u00fcberlebt. Bei sp\u00e4teren Gerichtsverhandlungen hat niemand diesen Mann beschuldigt, weil alle wussten, unter welchen Umst\u00e4nden er diese furchtbare Tat ausgef\u00fchrt hat. Aber stellen Sie sich das mal vor.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrten Joachim Heinz und Markus Harmann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"KNA: Herr Zimmermann, Sie sind im Auftrag der Vereinten Evangelischen Mission mit Ihrer Familie im Sommer 1991 nach&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10085,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[403,404],"class_list":{"0":"post-10084","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ruanda","8":"tag-ruanda","9":"tag-rwanda"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116467862312834950","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10084\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}