{"id":10185,"date":"2026-04-26T04:19:16","date_gmt":"2026-04-26T04:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10185\/"},"modified":"2026-04-26T04:19:16","modified_gmt":"2026-04-26T04:19:16","slug":"reiter-auf-vier-raedern-zenith-me","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10185\/","title":{"rendered":"Reiter auf vier R\u00e4dern | zenith.me"},"content":{"rendered":"<p>Nach Angaben der Vereinten Nationen herrscht im Sudan derzeit die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Krise der Welt. Mehr als 30 Millionen Menschen sind auf Hilfslieferungen angewiesen, mehr als 600.000 sind akut vom Hungertod bedroht. Konservative Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass bislang mindestens 150.000 Menschen in dem Krieg get\u00f6tet wurden. Warum am 15. April 2023 die verheerenden K\u00e4mpfe zwischen den Truppen der Sudanesischen Streitkr\u00e4fte (SAF) und den Paramilit\u00e4rs der Rapid Support Forces (RSF) ausbrachen, l\u00e4sst sich im Nebel des Krieges nicht rekonstruieren. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die RSF unter Muhammad Hamdan Dagalo \u00bbHemedti\u00ab einen Staatsstreich geplant hatten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In den Monaten zuvor war der Machtkampf zwischen Hemesti und Armeechef Abdul-Fattah Al-Burhan eskaliert. Dabei ging es insbesondere um die Integration der RSF in die SAF Strukturen. Bis dahin waren beide Streitkr\u00e4fte verb\u00fcndet und hatten im Oktober 2021 gemeinsam gegen die zivile \u00dcbergangsregierung geputscht. Burhans Unterst\u00fctzer im Sudan rechtfertigen dies oft mit dem Argument, dass die RSF ausl\u00e4ndische Invasoren seien. Hemedtis Familie stammt aus dem benachbarten Tschad, viele seiner K\u00e4mpfer kommen ebenfalls von dort oder aus noch weiter entfernten L\u00e4ndern wie Niger und Mali.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) der Hauptunterst\u00fctzer der RSF und nutzen Tschad als logistische Drehscheibe. Tats\u00e4chlich betreibt VAE-Pr\u00e4sident Muhammad Bin Zayid (MBZ) auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents eine aggressive Expansionspolitik, etwa in Libyen durch ein B\u00fcndnis mit dem Haftar-Clan, der ebenfalls eine Schl\u00fcsselrolle bei der Unterst\u00fctzung der RSF spielt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Bereits in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er-Jahre setzte die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung von Sadik Al-Mahdi auf die Bewaffnung von \u00bbarabischen\u00ab Murahalin-Milizen in Darfur<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Diese Sicht verstellt jedoch den Blick darauf, dass die Miliz ein sudanesisches Ph\u00e4nomen ist. Bereits in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er-Jahre setzte die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung von Sadik Al-Mahdi auf die Bewaffnung von \u00bbarabischen\u00ab Murahalin-Milizen in Darfur, um die s\u00fcdsudanesischen Rebellen zu bek\u00e4mpfen, die sich ihrerseits von den SAF abgespalten hatten. Nach dem Putsch 1989 gegen Al-Mahdi gr\u00fcndete das islamistische Regime von De-facto-Machthaber Hassan Al-Turabi die paramilit\u00e4rischen \u00bbPopular Defence Forces\u00ab (PDF) f\u00fcr den \u00bbHeiligen Krieg\u00ab im S\u00fcden und in den Nuba-Bergen. Das Kalk\u00fcl: den Einfluss der SAF zur\u00fcckdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ende 2003 erreichte das S\u00f6ldnertum eine neue Dimension, als auch in der Westregion Darfur eine Rebellion ausbrach. Hintergrund waren Verteilungskonflikte zwischen Nomaden und Kleinbauern, die sich seit den D\u00fcrrekatastrophen der 1970er- und 1980er-Jahre \u2013 ausgel\u00f6st auch durch den globalen Klimawandel \u2013 stetig versch\u00e4rft hatten. Hinzu kam, dass die verschiedenen Regierungen in Khartum angesichts der hohen Schuldenlast des Landes verst\u00e4rkt auf den Export von Vieh aus Darfur in die reichen Golfstaaten gesetzt hatten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Um die damals losbrechende Revolte niederzuschlagen, rekrutierte Diktator Omar Al-Baschir Freisch\u00e4rler, die sich als Araber bezeichneten und einen genozidalen Feldzug gegen nicht arabische Gruppen entfachten. Bekannt und ber\u00fcchtigt wurden sie unter dem Namen Dschandschawid, der laut Darfur-Experten wie Alex de Waal und J\u00e9r\u00f4me Tubiana als \u00bbReiter mit G3-Gewehren\u00ab zu \u00fcbersetzen ist. Der Name bezieht sich auf die Tatsache, dass das sudanesische Milit\u00e4r w\u00e4hrend des Kalten Krieges viele Sturmgewehre von Heckler &amp; Koch aus der Bundesrepublik erhielt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Als Belohnung formalisierte Baschir 2013 den Status von Hemedtis Miliz, die fortan als RSF firmierte und ab 2016 als eine Art Pr\u00e4torianergarde direkt dem Pr\u00e4sidenten unterstellt war<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dschandschawid-Anf\u00fchrer Musa Hilal \u00fcberwarf sich allerdings schon nach wenigen Jahren mit Baschir und wurde politisch kaltgestellt. Daf\u00fcr stieg Hemedti in den fr\u00fchen 2010er-Jahren zum neuen starken Mann auf. Von seinen Gegnern als Analphabet und Kamelh\u00e4ndler verspottet, erwies er sich als f\u00e4higer Feldherr und gewiefter Gesch\u00e4ftsmann. Zun\u00e4chst schlug er die Darfur-Rebellen mit ihren eigenen Waffen. Statt auf Pferde oder Kamele setzten seine Verb\u00e4nde, die von manchen Beobachtern als Neo-Dschandschawid bezeichnet wurden, auf robuste Toyota-Pick-ups mit schweren Maschinengewehren. Anders als die schwerf\u00e4llige Armee konnten Hemedtis K\u00e4mpfer schnell zuschlagen und einen Gro\u00dfteil der Aufst\u00e4ndischen ausschalten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Als Belohnung formalisierte Baschir 2013 den Status von Hemedtis Miliz, die fortan als RSF firmierte und ab 2016 als eine Art Pr\u00e4torianergarde direkt dem Pr\u00e4sidenten unterstellt war. Zugleich avancierten die Paramilit\u00e4rs im Rahmen des Khartum-Prozesses, mit dem die EU die Fl\u00fcchtlingsbewegungen in der Region eind\u00e4mmen wollte, faktisch zu den T\u00fcrstehern Europas.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Doch Baschir wurde die Geister, die er rief, nicht mehr los: Im Jahr 2019 wurde er durch Hemedti gest\u00fcrzt. Der war mittlerweile zum reichsten und m\u00e4chtigsten Mann des Landes aufgestiegen, indem er seine S\u00f6ldner der von Saudi-Arabien gef\u00fchrten Milit\u00e4rkoalition im Jemenkrieg als Bodentruppen zur Verf\u00fcgung stellte. Mit den Petrodollars brachte er zugleich die Goldminen in Darfur unter seine Kontrolle. Das Edelmetall verkaufte er nach Dubai, das eine regionale Monopolstellung in diesem Bereich hat, und baute ein verschachteltes Gesch\u00e4ftsimperium auf.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00bbF\u00fcr die Elite der Emirate, die in gl\u00e4nzenden Hochh\u00e4usern und Luxusvillen lebt, repr\u00e4sentieren die RSF ein idealisiertes Bild ihrer eigenen Vergangenheit\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Warum die VAE trotz drohenden Reputationsverlustes in einer Art Nibelungentreue zu Hemedti stehen, ist die entscheidende Frage mit Blick auf den weiteren Kriegsverlauf. Die ideologische Gegnerschaft zu den Islamisten taugt kaum als Motiv, denn diese hielt die Emiratis keineswegs von engen Beziehungen zu Baschir und den sudanesischen Muslimbr\u00fcdern ab. Zweifelsohne verfolgen MBZ und sein Bruder Mansur Bin Zayed Al Nahyan, der vor allem als Eigent\u00fcmer des Fu\u00dfballvereins Manchester City bekannt ist, mit der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Hemedti und seine RSF auch geostrategische Interessen \u2013 etwa mit Blick auf Zug\u00e4nge zu H\u00e4fen am Roten Meer, Absatzm\u00e4rkte und die eigene Agrarversorgung. Offenbar sch\u00e4tzen die Emiratis Hemedtis Sinn f\u00fcr das Transaktionale, ganz im Trump\u02bcschen Sinn von \u00bbThe Art of the Deal\u00ab.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Doch angesichts der katastrophalen Ergebnisse dieser Politik greifen solche rationalen Erkl\u00e4rungsmuster offensichtlich zu kurz. Auch wenn der Versuch, die pers\u00f6nlichen Motive der Beteiligten zu verstehen, stets heikel ist, kommt man bei der Analyse der emiratischen Kriegstreiberei kaum um einen solchen Ansatz herum. Naheliegend ist etwa die Vermutung, dass es sich um die Hybris eines Parven\u00fcs handelt. Besonders bitter ist dabei die Ironie der Geschichte, dass gut ausgebildete Sudanesen seit den 1970er-Jahren einen entscheidenden Anteil am Aufbau der VAE hatten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auch dass toxische M\u00e4nnlichkeit eine Rolle spielt, scheint nicht abwegig. Ein sudanesischer Intellektueller \u00e4u\u00dferte den Verdacht, es k\u00f6nne sich um einen Minderwertigkeitskomplex handeln, da der Sudan im Gegensatz zu den VAE auf eine jahrtausendealte Geschichte der Hochkulturen zur\u00fcckblickt. Ein anderer wiederum formulierte j\u00fcngst folgende These, die \u00e4hnlich plausibel erscheint: \u00bbDie Kultur der RSF dreht sich um Krieg, Kamelhirtentraditionen und eine Rassenideologie, die in der Geschichte der Sklaverei in der Region verwurzelt ist. F\u00fcr die Elite der Emirate, die in gl\u00e4nzenden Hochh\u00e4usern und Luxusvillen lebt, weit entfernt von ihrem W\u00fcstenerbe, repr\u00e4sentieren die RSF ein idealisiertes Bild ihrer eigenen Vergangenheit.\u00ab<\/p>\n<p>Roman Deckert arbeitet und forscht seit 1997 zum Sudan. Er ist Senior Researcher bei der Berliner NGO Media in Cooperation and Transition (MiCT) und lebt in Genf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach Angaben der Vereinten Nationen herrscht im Sudan derzeit die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Krise der Welt. 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