{"id":10482,"date":"2026-04-26T18:52:15","date_gmt":"2026-04-26T18:52:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10482\/"},"modified":"2026-04-26T18:52:15","modified_gmt":"2026-04-26T18:52:15","slug":"gefluechtete-in-libyen-endloser-kreislauf-des-leidens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10482\/","title":{"rendered":"Gefl\u00fcchtete in Libyen: endloser Kreislauf des Leidens"},"content":{"rendered":"<p>Migrant*innen, die in Libyen als Sklaven verkauft wurden \u2013 diese Bilder des Fernsehsenders CNN\u00a0sorgten 2017 rund um die Welt f\u00fcr Entsetzen. Dem globalen Aufschrei folgte das Versprechen f\u00fchrender Politiker*innen in Europa, Afrika und Libyen, Ma\u00dfnahmen zum Schutz fliehender Menschen umzusetzen. Doch bis heute hat sich nicht viel ge\u00e4ndert. Tausende Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete, die interniert oder sich selbst \u00fcberlassen werden, stecken\u00a0in einem endlosen Kreislauf der Gewalt. Dennoch wurden im vergangenen Jahr nur rund 2.100 Fl\u00fcchtlinge vom UNHCR aus Libyen in Sicherheit gebracht, aber fast 9.000 Menschen bei einem Fluchtversuch auf dem Seeweg aufgegriffen und zwangsweise zur\u00fcckgef\u00fchrt. Die Geschichten von Ahmed und Hamza zeigen, welchen nicht enden wollenden Alptraum Gefl\u00fcchtete in Libyen durchleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten kommen Menschen aus dem benachbarten Niger und anderen L\u00e4ndern s\u00fcdlich der Sahara in das \u00f6lreiche Libyen um Arbeit zu suchen. Zudem ist das Land zum wichtigsten Tor f\u00fcr diejenigen geworden, die vor Repression, Konflikten und Armut in der Region Richtung Europa fliehen. Zusammengenommen leben sch\u00e4tzungsweise 700.000 bis eine Million Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete in dem nordafrikanischen Land. Mit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi und dem darauffolgenden B\u00fcrgerkrieg ist die Verwaltung zusammengebrochen. Der Schwarzmarkt floriert und basiert auf der Ausbeutung von Ressourcen und illegalem Handel mit \u00d6l, Waffen und Menschen.<\/p>\n<p>\u201eDie Gruppe, die mit mir das Alles \u00fcberlebt hat, wurde wieder dorthin geschickt, wo sie versucht hatten, uns zu verkaufen. Also wieder zur\u00fcck zum Anfang \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eIm Februar letzten Jahres hat die libysche K\u00fcstenwache das Boot, mit dem ich Libyen verlassen wollte, aufgegriffen. Nach der Festnahme wurde ich in das Souk-Al-Kahmis-Internierungslager in der Stadt Khoms gebracht. Teams des UNHCR kamen uns in Souk-al-Khamis besuchen und haben mich f\u00fcr einen Transfer nach Tripolis auf die Liste genommen. Ein paar Tage sp\u00e4ter kamen die Gef\u00e4ngnisleiter und sagten uns, wir sollten in zwei Minibusse steigen. Wir dachten, jetzt werden wir endlich in Sicherheit gebracht. Aber nach ein paar Stunden Busfahrt kamen wir immer weiter in die W\u00fcste. Da wurde mir klar, dass wir wohl nicht nach Tripolis fuhren, sondern an Schlepper verkauft werden sollten. Diese Vermutung best\u00e4tigte sich, als ich bewaffnete M\u00e4nner in Pick-Ups erblickte, die sich uns n\u00e4herten. Aus Angst versuchten wir alle zu fliehen. Mindestens zwei Menschen starben beim folgenden Schusswechsel. Mit einer kleinen Gruppe gelangten wir in der Morgend\u00e4mmerung in eine kleine Stadt, wo uns ein alter Mann etwas zu essen und zu trinken gegeben und die Beh\u00f6rden \u00fcber uns informiert hat. Wir wurden in das Internierungslager Sirte gebracht, wo wir f\u00fcnf Monate lang blieben und mehrmals von Teams von \u00c4rzte ohne Grenzen behandelt wurden. Dann wurden wir in ein anderes Gef\u00e4ngnis in Misrata gebracht. Das war das Schlimmste. Ich f\u00fchlte mich nicht gesund, und \u00c4rzte ohne Grenzen brachte mich ins Krankenhaus, um meine Tuberkulose zu behandeln. Ich habe erfahren, dass das Internierungslager Misrata nun geschlossen ist und dass die Gruppe, die mit mir das Alles \u00fcberlebt hat, wieder nach Souk-Al- Khamis geschickt wurde. Dorthin, wo sie versucht hatten, uns zu verkaufen. Also wieder zur\u00fcck zum Anfang \u2026\u201cAhmed (21, aus Mogadischu\/Somalia)<\/p>\n<p>Massive Menschenrechtsverletzungen in Internierungslagern<\/p>\n<p>Gleichzeitig kriminalisiert das libysche Recht die irregul\u00e4re Ein- und Ausreise und den Aufenthalt auf seinem Territorium mit Gef\u00e4ngnisstrafen und Abschiebungen &#8211; unabh\u00e4ngig von m\u00f6glichen individuellen Schutzbed\u00fcrfnissen. Libyen verf\u00fcgt \u00fcber kein Asylsystem und hat die Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention nicht ratifiziert. Im Land werden die Zur\u00fcckgebrachten in verschiedenen Internierungslagern festgehalten. In den offiziellen Einrichtungen unter Aufsicht des libyschen Innenministeriums werden zurzeit zwischen 3.000 und 5.000 Menschen festgehalten. Die meisten von ihnen sind beim UNHCR als Fl\u00fcchtlinge registriert. Wie viele Menschen \u00fcber das Land verstreut von Menschenh\u00e4ndler*innen in inoffiziellen Internierungslagern gefangen gehalten werden ist unbekannt. Die Bedingungen in diesen Lagern sind entsetzlich. Teilweise werden Menschen in v\u00f6lliger Dunkelheit eingesperrt, k\u00f6nnen sich mehrere Monate lang nicht richtig bewegen oder essen. In vielen Lagern werden die Internierten missbraucht und gefoltert, um Geld von ihnen zu erpressen. Erschreckende Zust\u00e4nde, die sowohl von \u00c4rzte ohne Grenzen als auch durch Beobachter*innen der Vereinten Nationen (UN) dokumentiert und \u00f6ffentlich gemacht wurden. <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/presse\/libyen-stopp-illegaler-rueckfuehrungen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wenn Menschen fliehen wollen und die gef\u00e4hrliche \u00dcberfahrt \u00fcber das Mittelmeer wagen, werden sie vielfach von der EU-unterst\u00fctzten libyschen K\u00fcstenwache zur\u00fcckgezwungen.<\/a><\/p>\n<p>Unsere Teams behandeln einige von jenen, die es geschafft haben, sich zu befreien. Sie sehen die vernarbten und gebrochenen K\u00f6rper der \u00dcberlebenden und h\u00f6ren schreckliche Geschichten von brennendem Plastik, das auf die Haut gegossen wurde und t\u00e4glichen Schl\u00e4gen und Folter, w\u00e4hrend Angeh\u00f6rige der Opfer am Telefon zuh\u00f6ren, um sie zu Geldzahlungen zu \u00fcberreden. Geschichten, wie die von Hamza:<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcnf Monate lang misshandelten und folterten mich meine Entf\u00fchrer. Sie filmten diese Szenen regelm\u00e4\u00dfig \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe Somalia in dem Glauben verlassen, dass ich nach Europa gehen k\u00f6nnte, um Arbeit zu finden und meiner Familie etwas Geld zu schicken, damit sie ein besseres Leben f\u00fchren kann. In Libyen \u00e4nderte sich alles. Ich wurde gefangen genommen. F\u00fcnf Monate lang misshandelten und folterten mich meine Entf\u00fchrer. Sie filmten diese Szenen regelm\u00e4\u00dfig, um sie meiner Mutter zu schicken. Sie wollten, dass sie Geld schickt. Ich wei\u00df nicht, wie meine Mutter es geschafft hat. Wahrscheinlich durch die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit mehrerer Clans und D\u00f6rfer konnte sie 15.000 Dollar aufbringen. Gl\u00fccklicherweise haben mich meine Entf\u00fchrer dann endlich freigelassen. Heute leide ich an schwerer Mangelern\u00e4hrung und Blutarmut, ich wiege nur 30 Kilo. Mitarbeiter*innen von \u00c4rzte ohne Grenzen behandelten mich in Bani Walid und schlie\u00dflich in dieser Klinik in Tripolis.&#8220; Hamza (16)<\/p>\n<p>Zwangsr\u00fcckf\u00fchrungen \u00fcbersteigen Evakuierung um Vielfaches<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der Afrikanischen Union (AU) und der UN hat die EU eine Taskforce eingesetzt. Diese soll zum einen die freiwillige R\u00fcckkehr von Migrant*innen und Migranten vorantreiben. Zum anderen soll die Taskforce humanit\u00e4re Evakuierungen von Gefl\u00fcchteten durch das UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk (UNHCR) erm\u00f6glichen. Doch dieser Mechanismus kommt z.B. wegen des gravierenden Mangels an Aufnahmekapazit\u00e4ten in sicheren L\u00e4ndern nur schleppend voran. Seit 2017 hat das UNHCR fast 3.000 Gefl\u00fcchtete aus Libyen in ein Transitzentrum in Niamey (Niger) evakuiert.\u00a0<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem extrem begrenzten Evakuierungssystem werden Zwangsr\u00fcckf\u00fchrung nach Libyen mit voller Kapazit\u00e4t betrieben. 2019 wurden nur rund 2.100 Fl\u00fcchtlinge vom UNHCR aus Libyen in Sicherheit gebracht, aber fast 9.000 Menschen bei einem Fluchtversuch auf dem Seeweg aufgegriffen und zwangsweise zur\u00fcckgef\u00fchrt. <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/presse\/libyen-internierungslager-nicht-sicher\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Selbst die gravierende Verschlechterung der Lage in Libyen nach der j\u00fcngsten Eskalation des bewaffneten Konflikts im April 2019 hat die europ\u00e4ische Politik nicht ver\u00e4ndert.\u00a0<\/a><\/p>\n<p>Gefangen zwischen Abwarten, Schiffsungl\u00fccken und Internierung<\/p>\n<p>Bei den Menschen in den Internierungslagern an der K\u00fcste Libyens herrscht daher vor allem Hoffnungslosigkeit. So berichtet unsere Psychologin Kristin Pelzer: \u201eEin Gefl\u00fcchteter, der schon lange in dieser Haftanstalt war und mich kannte, dachte, es w\u00fcrde mich wom\u00f6glich kr\u00e4nken, als er sagte: \u201aKristin, versteh das nicht falsch. Du bist hier nutzlos. Aber f\u00fcr uns ist es sehr gut, dass du hier bist.\u2018 Ich denke, das beschreibt f\u00fcr mich sehr gut den Rahmen dessen, was wir in solchen Kontexten leisten k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen die Situation nicht \u00e4ndern, aber dennoch hilft unsere Anwesenheit den Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Libyen ist kein sicheres Land<\/p>\n<p>Es gibt derzeit in Libyen keine Orte, die ein Minimum an Sicherheit f\u00fcr schutzbed\u00fcrftige Migrant*innen und Fl\u00fcchtlinge\u00a0garantieren k\u00f6nnen. Prinzipien wie der Schutz von Asylsuchenden oder die Unterst\u00fctzung von Menschen im Namen der Menschlichkeit sind aus dem Diskurs der Staaten und zwischenstaatlichen Organisationen \u00fcber Libyen v\u00f6llig verschwunden. An ihre Stelle ist die Migrationskontrolle getreten. Es ist dringend notwendig, dass humanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr Schutzsuchende in Libyen umfassender und transparenter geschieht. Die willk\u00fcrliche Internierung muss sofort beendet werden. Es m\u00fcssen dringend Unterk\u00fcnfte eingerichtet werden, in denen Sicherheit und Hilfe garantiert werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Ausreise organisiert werden kann. Das kann nur funktionieren, wenn Europa die R\u00fcckf\u00fchrung derer, die auf dem Seeweg fliehen, einstellt und wenn sichere L\u00e4nder mehr Pl\u00e4tze f\u00fcr die Aufnahme von \u00dcberlebenden des Alptraums von Libyen bereitstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Migrant*innen, die in Libyen als Sklaven verkauft wurden \u2013 diese Bilder des Fernsehsenders CNN\u00a0sorgten 2017 rund um die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10483,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28],"tags":[286,285],"class_list":{"0":"post-10482","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-libyen","8":"tag-libya","9":"tag-libyen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116472522132427102","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10482","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10482"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10482\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10483"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10482"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10482"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10482"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}