{"id":10554,"date":"2026-04-26T22:05:35","date_gmt":"2026-04-26T22:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10554\/"},"modified":"2026-04-26T22:05:35","modified_gmt":"2026-04-26T22:05:35","slug":"libyen-wie-gaddafis-sohn-einem-raetselhaften-attentat-zum-opfer-fiel-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10554\/","title":{"rendered":"Libyen: Wie Gaddafis Sohn einem r\u00e4tselhaften Attentat zum Opfer fiel \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Der 53-j\u00e4hrige Saif al-Islam hatte sich gute Chancen bei einer Pr\u00e4sidentenwahl ausgerechnet. Dann wurde er am hellichten Tag ermordert. Was bedeutet das f\u00fcr die Zukunft des Landes?<\/p>\n<p>        Saif al-Islam, bekannt auch als Gaddafi junior. Sein Name bedeutet \u201eSchwert des Islam\u201c<\/p>\n<p>Foto: Ben Stansall\/Getty Images<\/p>\n<p>Es geschieht am 3. Februar in der 135 Kilometer s\u00fcdlich von Tripolis liegenden Oasenstadt Sintan. Am helllichten Tage wird dort Saif al-Islam al-Gaddafi in seinem Anwesen erschossen, der Sohn des 2011 gelynchten Staatschefs Muammar al-Gaddafi. Von dem vierk\u00f6pfigen Kommando, das den Mord professionell ausf\u00fchrte, fehlt jede Spur. Wenig wahrscheinlich, dass die Tat je aufgekl\u00e4rt wird. Es gibt zu viele, die aus dem Verschwinden von Saif al-Islam Nutzen ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sein Name bedeutete \u201eSchwert des Islam\u201c. Als designierter Nachfolger seines Vaters war er f\u00fcr den Westen das vers\u00f6hnliche, modernere Gesicht <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/geflutet-ein-staat-wie-libyen-ist-bei-einer-solchen-katastrophe-ueberfordert\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Libyens<\/a>. Er hatte in Wien ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften erworben, und in London promoviert. Saif al-Islam verhandelte die Entsch\u00e4digung der Opferfamilien des Lockerbie-Anschlags auf ein US-Verkehrsflugzeug Ende 1988. In Libyen selbst setzte er eine vorsichtige Liberalisierung der Medien durch und gr\u00fcndete einen Sozialfonds f\u00fcr die islamische Welt, ein Gegengewicht <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/sabine-kebir\/sahelzone-islamistische-gruppen-agieren-transnational-und-geschaeftstuechtig\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">zu islamistischen <\/a>Wohlt\u00e4tigkeitsorganisationen.<\/p>\n<p>Er warnte vor ausl\u00e4ndischer Einmischung und sozialem Niedergang <\/p>\n<p>Als vor 15 Jahren nach dem Fall von Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in \u00c4gypten in Libyen der B\u00fcrgerkrieg begann, warnte er vor ausl\u00e4ndischer Einmischung, einem hohen Blutzoll und sozialem Niedergang. Er rief die Libyer auf, sich dem zu widersetzen. In der tr\u00fcgerischen Hoffnung, ein islamistisches Libyen k\u00f6nne nicht im Interesse der USA sein, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/sabine-kebir\/libyen-ein-geteiltes-land-hat-in-einer-notlage-erst-recht-schlechte-karten\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">beschwor er die US-Regierung, die vor allem von Frankreich unterst\u00fctzte Rebellion gegen seinen Vater zu stoppen.<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Verbrechen an Aufst\u00e4ndischen verantwortlich gemacht, wurde Saif al-Islam danach vom Internationalen Strafgerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht ausgeliefert. Die Rebellengruppe aus Sintan, die ihn gefangen nahm, verweigerte eine \u00dcbergabe an die neuen Machthaber in Tripolis. Beim 2013 folgenden Prozess gegen \u00dcberlebende der alten Machtelite wurde er digital zugeschaltet und entging so der Vollstreckung eines Todesurteils.<\/p>\n<p>Gaddafi junior galt als schwieriger Konkurrent <\/p>\n<p>Die Sintan-St\u00e4mme sahen in Saif al-Islam offenbar ein Faustpfand f\u00fcr eine Alternative zum fortschreitenden Zerfall Libyens in den kleinen, von der T\u00fcrkei gest\u00fctzten tripolitanischen Teil, wo sich immer wieder islamistische Milizen bek\u00e4mpfen, und in die gr\u00f6\u00dfere Cyrenaika sowie in erhebliche Gebiete des S\u00fcdens. Diese Entit\u00e4t wird von dem dezidiert antiislamistischen Marschall Khalifa Haftar gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Als die UNO 2018 und 2021 versuchte, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/sabine-kebir\/libyen-ein-geteiltes-land-hat-in-einer-notlage-erst-recht-schlechte-karten\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">diesen Riss durch eine Pr\u00e4sidentenwahl <\/a>zu schlie\u00dfen, war auch Saif al-Islam als Bewerber registriert. Da er laut Umfragen m\u00f6glicherweise 45 Prozent der Stimmen gewonnen h\u00e4tte, kam das Votum zweimal nicht zustande. Stattdessen wurde suggeriert, dass Gaddafi junior nicht nur f\u00fcr Tripolis als schwieriger Konkurrent galt, sondern vor allem f\u00fcr Haftars Parteig\u00e4nger. Dagegen spricht, dass bereits 2018 ein Gericht in der Cyrenaika die Todesstrafe annullierte und ihn f\u00fcr \u201ew\u00e4hlbar\u201c erkl\u00e4rte. 2025 folgte dem auch der Oberste Gerichtshof.<\/p>\n<p>Wahlen wohl ohne einen Gaddafi<\/p>\n<p>Nicht auszuschlie\u00dfen, dass f\u00fcr den Mord auch nicht-libysche Auftraggeber infrage kommen. Saif al-Islam hatte \u00fcber seinen Anwalt der franz\u00f6sischen Justiz Beweise \u00fcbermittelt, wonach Ex-Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy 2007 von seinem Vater erhebliche Summen zur Unterst\u00fctzung seines Wahlkampfs erhielt. Das f\u00fchrte bekanntlich zur Verurteilung Sarkozys. Gaddafi junior soll auch sensible Dossiers \u00fcber andere westliche Politiker besessen haben. Von seiner Popularit\u00e4t wollte die Regierung in Tripolis, auf deren Terrain das Mordkommando agierte, wohl profitieren, indem sie zulie\u00df, dass Tausende zum Begr\u00e4bnis str\u00f6mten.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall d\u00fcrfte der Weg zu Wahlen nun geebnet sein, allerdings ohne einen Gaddafi auf den Kandidatenlisten. Besonders in den <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/sabine-kebir\/eine-stimme-von-vor-ort-moussa-tchangaris-buch-ueber-den-sahel\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Sahelstaaten<\/a> galt Gaddafi senior als wichtiger antiimperialistischer F\u00fchrer. Dort hoffte man wom\u00f6glich, dass ein von seinem Sohn gef\u00fchrtes Libyen wieder ein hilfreicher Partner sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\n    . Er hatte in Wien ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften erworben, und in London promoviert. Saif al-Islam verhandelte die Entsch\u00e4digung der Opferfamilien des Lockerbie-Anschlags auf ein US-Verkehrsflugzeug Ende 1988. In Libyen selbst setzte er eine vorsichtige Liberalisierung der Medien durch und gr\u00fcndete einen Sozialfonds f\u00fcr die islamische Welt, ein Gegengewicht zu islamistischen Wohlt\u00e4tigkeitsorganisationen.Er warnte vor ausl\u00e4ndischer Einmischung und sozialem Niedergang Als vor 15 Jahren nach dem Fall von Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in \u00c4gypten in Libyen der B\u00fcrgerkrieg begann, warnte er vor ausl\u00e4ndischer Einmischung, einem hohen Blutzoll und sozialem Niedergang. Er rief die Libyer auf, sich dem zu widersetzen. In der tr\u00fcgerischen Hoffnung, ein islamistisches Libyen k\u00f6nne nicht im Interesse der USA sein, beschwor er die US-Regierung, die vor allem von Frankreich unterst\u00fctzte Rebellion gegen seinen Vater zu stoppen.F\u00fcr Verbrechen an Aufst\u00e4ndischen verantwortlich gemacht, wurde Saif al-Islam danach vom Internationalen Strafgerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht ausgeliefert. Die Rebellengruppe aus Sintan, die ihn gefangen nahm, verweigerte eine \u00dcbergabe an die neuen Machthaber in Tripolis. Beim 2013 folgenden Prozess gegen \u00dcberlebende der alten Machtelite wurde er digital zugeschaltet und entging so der Vollstreckung eines Todesurteils.Gaddafi junior galt als schwieriger Konkurrent Die Sintan-St\u00e4mme sahen in Saif al-Islam offenbar ein Faustpfand f\u00fcr eine Alternative zum fortschreitenden Zerfall Libyens in den kleinen, von der T\u00fcrkei gest\u00fctzten tripolitanischen Teil, wo sich immer wieder islamistische Milizen bek\u00e4mpfen, und in die gr\u00f6\u00dfere Cyrenaika sowie in erhebliche Gebiete des S\u00fcdens. Diese Entit\u00e4t wird von dem dezidiert antiislamistischen Marschall Khalifa Haftar gef\u00fchrt.Als die UNO 2018 und 2021 versuchte, diesen Riss durch eine Pr\u00e4sidentenwahl zu schlie\u00dfen, war auch Saif al-Islam als Bewerber registriert. Da er laut Umfragen m\u00f6glicherweise 45 Prozent der Stimmen gewonnen h\u00e4tte, kam das Votum zweimal nicht zustande. Stattdessen wurde suggeriert, dass Gaddafi junior nicht nur f\u00fcr Tripolis als schwieriger Konkurrent galt, sondern vor allem f\u00fcr Haftars Parteig\u00e4nger. Dagegen spricht, dass bereits 2018 ein Gericht in der Cyrenaika die Todesstrafe annullierte und ihn f\u00fcr \u201ew\u00e4hlbar\u201c erkl\u00e4rte. 2025 folgte dem auch der Oberste Gerichtshof.Wahlen wohl ohne einen GaddafiNicht auszuschlie\u00dfen, dass f\u00fcr den Mord auch nicht-libysche Auftraggeber infrage kommen. Saif al-Islam hatte \u00fcber seinen Anwalt der franz\u00f6sischen Justiz Beweise \u00fcbermittelt, wonach Ex-Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy 2007 von seinem Vater erhebliche Summen zur Unterst\u00fctzung seines Wahlkampfs erhielt. Das f\u00fchrte bekanntlich zur Verurteilung Sarkozys. Gaddafi junior soll auch sensible Dossiers \u00fcber andere westliche Politiker besessen haben. Von seiner Popularit\u00e4t wollte die Regierung in Tripolis, auf deren Terrain das Mordkommando agierte, wohl profitieren, indem sie zulie\u00df, dass Tausende zum Begr\u00e4bnis str\u00f6mten.Auf jeden Fall d\u00fcrfte der Weg zu Wahlen nun geebnet sein, allerdings ohne einen Gaddafi auf den Kandidatenlisten. Besonders in den Sahelstaaten galt Gaddafi senior als wichtiger antiimperialistischer F\u00fchrer. Dort hoffte man wom\u00f6glich, dass ein von seinem Sohn gef\u00fchrtes Libyen wieder ein hilfreicher Partner sein k\u00f6nnte.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der 53-j\u00e4hrige Saif al-Islam hatte sich gute Chancen bei einer Pr\u00e4sidentenwahl ausgerechnet. 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