{"id":10583,"date":"2026-04-26T23:23:25","date_gmt":"2026-04-26T23:23:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10583\/"},"modified":"2026-04-26T23:23:25","modified_gmt":"2026-04-26T23:23:25","slug":"millionen-betroffen-hungersnot-in-madagaskar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10583\/","title":{"rendered":"Millionen betroffen: Hungersnot in Madagaskar"},"content":{"rendered":"<p>&#13;<br \/>\n        Jean-Fran\u00e7ois Lepetit, Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer in Madagaskar, und Jean Pierre Tombozandry, Regionaler Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer Madagaskar in der Region Androy, sprechen \u00fcber die humanit\u00e4re Krise, die sich seit Monaten in dem Inselstaat zuspitzt. Im s\u00fcdlichen Teil Madagaskars herrscht eine D\u00fcrre, die vielerorts eine Hungersnot ausgel\u00f6st hat: Das Leben hunderttausender Menschen ist bedroht, allen voran das von Kindern. &#13;\n    <\/p>\n<p>Wie viele Menschen sind derzeit von der D\u00fcrre und der daraus resultierenden Hungersnot bedroht?<\/p>\n<p>Im S\u00fcden Madagaskars sind etwa 1,3 Millionen Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen. 730.000 davon sind Kinder. Im vergangenen Trimester haben bereits 14.000 Menschen unter akuter Hungersnot gelitten, dieses Trimester ist die Zahl der Betroffenen auf 28.000 gestiegen.<\/p>\n<p><img class=\"lozad img\" data-=\"\"  alt=\"\"\/>&#13;<br \/>\nJean-Fran\u00e7ois Lepetit, Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer in Madagaskar.&#13;<\/p>\n<p>Wie stehen die Chancen, dass sich die Situation bald verbessert?<\/p>\n<p>Wir erleben gerade die schwerste D\u00fcrre seit 40 Jahren \u2013 und das in Zeiten der Corona-Pandemie. Diese Region leidet immer wieder unter D\u00fcrren, aber dieses Jahr sind doppelt so viele Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen als normalerweise. Es ist davon auszugehen, dass die Regenzeit dieses Jahr wieder ausf\u00e4llt. Diese beginnt normalerweise im November \u2013 und im\u00a0Mai w\u00fcrde normalerweise die n\u00e4chste Ernte anstehen. Bis dahin sind es noch fast neun Monate \u2013 die Situation wird sich verschlechtern, wenn es nicht regnet. Die Lebensmittelpreise steigen stetig an, mittlerweile sind viele Menschen finanziell nicht mehr in der Lage, sich Essen zu kaufen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Sie die Lage vor Ort beschreiben?<\/p>\n<p>Die Kinder sehen so schlimm aus, es tut weh, allein dar\u00fcber zu sprechen. Sie sind so unfassbar d\u00fcnn. Viele von ihnen k\u00f6nnen aufgrund von Hunger und Schw\u00e4che nicht mehr in die Schule gehen. Die Menschen tragen seit Monaten die gleichen Kleider am Leib, es gibt ja auch kein Wasser zum Waschen. In den weiter abgeschiedenen Gegenden, wo wir keine Projekte haben, ist die Situation sogar noch schlimmer.<\/p>\n<p><img class=\"lozad img\" data-=\"\"  alt=\"\"\/>&#13;<br \/>\nJean Pierre Tombozandry, Regionaler Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer Madagaskar in der Region Androy.\u00a0&#13;<\/p>\n<p>Was machen die Menschen, um zu \u00fcberleben?<\/p>\n<p>Seit Monaten essen die Menschen hier nur noch Kaktusfr\u00fcchte und Tamarinden. Die meisten verkaufen all ihr Hab und Gut, um sich noch etwas zu essen kaufen zu k\u00f6nnen. Manche essen sogar die Kerne und Saaten, die sie eigentlich im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr anpflanzen wollten \u2013 das treibt den Teufelskreis letztendlich aber nur weiter an. Die Menschen werden immer verzweifelter: Manche haben schon versucht, sich umzubringen, sie wollen so nicht mehr weiterleben.<\/p>\n<p>Wie helfen die Kolleg:innen der SOS-Kinderd\u00f6rfer?<\/p>\n<p>In den sechs am h\u00e4rtesten betroffenen Regionen von Androy und Atsimo-Andrefana konnten wir Grundnahrungsmittel wie Reis, Getreide und Bohnen \u00fcber zwei Wochen lang an 1.600 Familien verteilen. Au\u00dferdem bieten wir Spezialnahrung f\u00fcr mehr als 2.000 Kinder, vor allem f\u00fcr unter F\u00fcnfj\u00e4hrige, und f\u00fcr schwangere Frauen. Auch mit genereller Gesundheitsversorgung und psychosozialer Unterst\u00fctzung k\u00f6nnen wir den Familien helfen. Nach der Soforthilfe sind wir dazu \u00fcbergegangen, dieselben Familien 60 Tage lang f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Arbeit zu bezahlen: zum Beispiel f\u00fcr den Bau von Brunnen oder Stra\u00dfenreparaturen.<\/p>\n<p>Normalerweise fokussiert sich unsere Arbeit auf die Unterst\u00fctzung von Gemeinschaften: Denn die Menschen hier leben nicht allein, sie leben als Gemeinschaft. Unser Ansatz ist ganzheitlich. Vor dieser Hungerskrise bestand unsere Arbeit vor allem darin, den Familien Gesundheitsversorgung und Bildung zu bieten. Wir versuchen, nicht zu intensiv zu unterst\u00fctzen: Die Menschen sollen nicht abh\u00e4ngig sein vom Mitleid anderer. Wir wollen, dass sie sich ihren Lohn verdienen und stolz auf sich sind. Deswegen bezahlen wir sie f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Arbeit, anstatt sie nur mit G\u00fctern zu versorgen. So k\u00f6nnen sie ihr Essen selbst kaufen. Unser generelles Ziel ist es, dass diese Familien eines Tages finanziell unabh\u00e4ngig sind. Daran ist aber in der schrecklichen Situation gerade nicht zu denken. Momentan ist es unsere Aufgabe, die Not zu lindern. Leben zu retten ist gerade am wichtigsten!<\/p>\n<p>Wir wollen nachhaltige Entwicklung f\u00f6rdern. Das hei\u00dft, wir gehen nicht einfach in eine Gegend, verteilen kostenlos Essen und gehen nach einiger Zeit wieder. Wir sind hier nicht nur ein humanit\u00e4rer Akteur, sondern wir sind Teil der Gemeinden. 2011 haben wir unsere Arbeit in Madagaskar begonnen, ebenfalls wegen einer D\u00fcrre \u2013 und wir sind noch immer hier, wir lassen die Menschen nicht im Stich. Unsere Mitarbeiter:innen sind Menschen, die von innerhalb der Gemeinden f\u00fcr die Gemeinden arbeiten. Sie k\u00f6nnen nicht einfach weggehen und diese Leute vergessen \u2013 denn sie selbst sind diese Leute.<\/p>\n<p>Betrifft euch diese Krise auch pers\u00f6nlich?<\/p>\n<p>Lepetit: Manchmal \u00fcberw\u00e4ltigt mich die Situation. Das Problem ist so immens und niemand scheint hinzuschauen. Es gibt ja nicht einmal Frischwasser \u2013 also trinken die Menschen verunreinigtes Wasser. Ich frage mich immer wieder: Wie kann man sie in einer so unmenschlichen Situation nur im Stich lassen?<\/p>\n<p>Tombozandry: Wenn ich morgens aus der Haust\u00fcre gehe, sehe ich Menschen herumsitzen. Sie warten darauf, dass ihnen irgendjemand Essen gibt. Manchmal w\u00fcrde ich am liebsten weinen bei dem Anblick. Es macht mich so traurig, sie so zu sehen. Manche Menschen verlassen die Gegend, alle in dreckiger Kleidung, ein paar Taschen und ihre Kinder auf dem Arm. Es ist eine Sache, diese schrecklichen Bilder im Fernsehen zu sehen. Aber es ist eine komplett andere Sache, das alles in der Realit\u00e4t zu erleben. Das l\u00e4sst sich mit Worten nicht beschreiben.<\/p>\n<p>Wie beeinflusst die COVID-19-Pandemie eure Arbeit?<\/p>\n<p>Es ist wirklich schwierig: Wenn wir Masken und Hygieneartikel verteilen oder \u00fcber Social Distancing aufkl\u00e4ren, sehen sie uns an, als w\u00e4ren wir verr\u00fcckt. Menschen, denen seit Tagen der Magen knurrt, ist diese Pandemie egal. F\u00fcr uns ist es hart, ihnen zu erkl\u00e4ren, dass auch COVID-19 sie t\u00f6ten kann, w\u00e4hrend sie eigentlich nur dar\u00fcber nachdenken, wie ihre Familien diese Hungersnot \u00fcberleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Madagaskar leidet schon heute an den Konsequenzen des Klimawandels. D\u00fcrren wie diese werden in Zukunft wahrscheinlicher werden. Was ist am n\u00f6tigsten, um dieses Problem anzugehen?<\/p>\n<p>Das &#8222;El Ni\u00f1o&#8220;-Ph\u00e4nomen best\u00e4rkt diese D\u00fcrre, das kommt etwa alle vier Jahre vor. Aber dieses Mal ist es schlimmer, wir hatten seit vier Jahren kaum Regen. Das ist die Folge des globalen Klimawandels. Es ist wichtig, zu sagen, dass diese Menschen im S\u00fcden Madagaskars nur bedingt zur Klimakrise beigetragen haben \u2013 aber sie sind diejenigen, die schon jetzt leiden. Sie zahlen f\u00fcr ihren eigenen problematischen Umgang mit der Natur, aber vor allem zahlen sie f\u00fcr das schlechte Verhalten der Menschen in den Industriel\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wir denken, dass es wirklich wichtig ist, den Menschen hier Umweltbildung zu vermitteln. Die Abholzung ist ein riesiges Problem: Die Menschen holzen die W\u00e4lder ab, um Feuerholz zu haben und um H\u00e4user zu bauen. Viele von ihnen sind Analphabeten, sie wissen nichts vom Klimawandel. Das wollen wir unter anderem durch ein sehr spannendes Projekt f\u00fcr soziale, \u00f6kologische und \u00f6konomische Entwicklung \u00e4ndern: Dank der Partnerschaft mit einer peruanischen Universit\u00e4t studieren gerade einige junge Menschen aus unseren SOS-Kinderdorf-Programmen im Master Molekularbiologie in Peru. Das Klima dort ist \u00e4hnlich trocken wie bei uns. Anschlie\u00dfend werden sie wiederkommen, um in Madagaskar Anbaumethoden und Landwirtschaftssysteme zu verbessern.<\/p>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt haben die Menschen, die gerade unter dieser Hungersnot und der D\u00fcrre leiden, nur wenig zur Klimakrise beigetragen, sondern vor allem die Industriel\u00e4nder\u2026<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen endlich verstehen, dass wir Menschen alle voneinander abh\u00e4ngen. Der Lebensstil von Menschen in Industriel\u00e4ndern hat Auswirkungen auf die Menschen in anderen Weltregionen, zum Beispiel in S\u00fcdmadagaskar. Sie m\u00fcssen ihre Lebensweise ver\u00e4ndern \u2013 denn das, was wir hier gerade erleben, k\u00f6nnte in einem Jahrhundert auch zum Beispiel in Europa passieren. Deswegen ist unser Appell an die Industriel\u00e4nder: Zeigt Verantwortung! Unterst\u00fctzt die Menschen, die jetzt schon um ihr Leben k\u00e4mpfen! Wir m\u00fcssen Menschen, Tiere und die Erde respektieren!<\/p>\n<p>Bei den SOS-Kinderd\u00f6rfern ist es unsere Aufgabe, den verwundbarsten Kindern ein gutes und nachhaltiges Leben zu erm\u00f6glichen. Wie soll das gehen, wenn das Leben selbst gerade stirbt? Wir m\u00fcssen unsere Lebensweise ver\u00e4ndern \u2013 in S\u00fcdmadagaskar genauso wie \u00fcberall sonst. Wir m\u00fcssen zusammenhalten. Denn Solidarit\u00e4t bedeutet, solide und starke Verbindungen zu haben. Und diese brauchen wir nun mehr denn je.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Sie m\u00f6chten noch mehr\u00a0aktuelle\u00a0News\u00a0aus\u00a0aller\u00a0Welt\u00a0erfahren? <a href=\"https:\/\/twitter.com\/soskinderdorf\" name=\"Folgen Sie den SOS-Kinderd\u00f6rfern auf Twitter\" target=\"_blank\" title=\"Folgen Sie den SOS-Kinderd\u00f6rfern auf Twitter\" rel=\"nofollow noopener\">Dann\u00a0folgen Sie uns auf Twitter!<\/a><\/p>\n<p>    <script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#13; Jean-Fran\u00e7ois Lepetit, Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer in Madagaskar, und Jean Pierre Tombozandry, Regionaler Leiter der SOS-Kinderd\u00f6rfer Madagaskar in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10584,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[245],"tags":[380,379],"class_list":{"0":"post-10583","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-madagaskar","8":"tag-madagascar","9":"tag-madagaskar"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116473587473888722","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10583"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10583\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}