{"id":10746,"date":"2026-04-27T06:21:31","date_gmt":"2026-04-27T06:21:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10746\/"},"modified":"2026-04-27T06:21:31","modified_gmt":"2026-04-27T06:21:31","slug":"kakao-in-ghana-das-raetsel-um-den-zuchterfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10746\/","title":{"rendered":"Kakao in Ghana: das R\u00e4tsel um den Zuchterfolg"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kakao-trockenplatz-titel.webp\" width=\"1600\" height=\"1200\" alt=\"Lokale Arbeiter mit Schweizerkreuzen auf dem Poloshirt und ein in \u00abkolonialem Weiss\u00bb gekleideter Aufseher auf einem Kakao-Trockenplatz\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Lokale Arbeiter und der in \u00abkolonialem Weiss\u00bb gekleidete Aufseher auf einem Kakao-Trockenplatz der Basler Missionshandelsgesellschaft in Accra im heutigen Ghana (1904\/1905).            <\/p>\n<p>            Mission 21, Bestand der Basler Mission        <\/p>\n<p>        Ghana geh\u00f6rt zu den gr\u00f6ssten Kakaoproduzenten der Welt. Bis zur Unabh\u00e4ngigkeit des Staates an der Goldk\u00fcste verdiente die Basler Mission am Kakaohandel mit. Sie war es, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine landwirtschaftliche Versuchsstation unterhielt und mit mehr oder weniger Erfolg versuchte, die Kakaopflanze zu kultivieren.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        22. Februar 2026 &#8211; 06:00\n<\/p>\n<p>SWI swissinfo.ch publiziert regelm\u00e4ssig Artikel aus dem\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Blog des NationalmuseumsExterner Link<\/a>, die historischen Themen gewidmet sind. Die Artikel sind immer in deutscher und meistens auch in franz\u00f6sischer und englischer Sprache verfasst.<\/p>\n<p>Seit den 1830er-Jahren versuchen europ\u00e4ische Gesch\u00e4ftsleute entlang der K\u00fcste des heutigen Ghanas, damals die britische Kolonie <a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2024\/10\/friedrich-august-ramseyer-schweizer-missionar-und-kolonialer-agent\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Goldk\u00fcsteExterner Link<\/a>, so genannte cash crops, wie Kaffee, Baumwolle, Erdn\u00fcsse oder Kakao anzubauen.<\/p>\n<p>Die Heimat des Kakao ist eigentlich Mittel- und S\u00fcdamerika, nicht Afrika. Am Versuch, das Malvengew\u00e4chs in Afrika zu kultivieren, beteiligt sich auch die in der Schweiz beheimatete <a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2019\/09\/auf-frommer-mission-in-indien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Basler MissionExterner Link<\/a>.<\/p>\n<p>Aus einem Bericht von Missionar Josef Mohr von 1906 geht hervor, dass die Mission ab 1857 eine landwirtschaftliche Versuchsstation in Akropong unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Missionar Johannes Haas experimentiert dort mit einheimischen und aus Surinam importierten Kulturpflanzen. Doch die Zucht will ihm nicht gelingen, ebenso wenig seinen Nachfolgern. Es ist ein Auf und Ab \u2013 immer wieder w\u00fcten Insekten und W\u00fcrmer.<\/p>\n<p>Auch die Verst\u00e4rkung aus der Heimat bleibt erfolglos: Johan Jakob Lang aus Witikon und sp\u00e4ter Johann Gottlieb Auer, ein Missionar und sp\u00e4terer Bischof der Amerikanischen Methodisten, schaffen es nicht, den Insekten und W\u00fcrmern Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<p>Immerhin gelingt es Auer kurz vor seiner R\u00fcckkehr 1868 vier \u00abacres von Caffee und Kakao Plantagen\u00bb zu halten. Seine Nachfolger aber m\u00fcssen alle aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden in die Heimat zur\u00fcckkehren \u2013 die Tropenkrankheiten setzen ihnen zu.<\/p>\n<p>1870 brechen die Missionare schliesslich das Experiment ab. Sie k\u00f6nnen keine Europ\u00e4er mehr f\u00fcr die Agriculture Station in Akropong rekrutieren und \u00fcbergeben ihre Station den \u00abAfrikanern\u00bb, wie sie schreiben. Wer damit gemeint ist, bleibt unklar.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kakaopflanze.webp\" width=\"1200\" height=\"1506\" alt=\"Botanische Zeichnung, die eine Kakaoschote und Kakaobohnen zeigt.\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Frucht und Samen des Kakaobaums. Aus den getrockneten Kernen l\u00e4sst sich Kakaomasse herstellen, der Grundstoff der Schokolade.            <\/p>\n<p>            Wikim\u00e9dia        <\/p>\n<p>Doch die Geschichte der ghanaischen Kakaozucht endet hier nicht, denn jetzt kommt Tetteh Quarshie (1842-1892) ins Spiel. Er wird in Osu als Sohn eines Bauern namens Mlekuboi geboren.<\/p>\n<p>Laut den Aufzeichnungen der Basler Mission wird er von Missionar Heinrich Bohner aus der \u00abVerpf\u00e4ndung\u00bb befreit und zum Schmied ausgebildet.<\/p>\n<p>Er wandert auf die Insel Fernando Po (heute die Insel Bioko im Golf von Guinea, damals eine spanische Kolonie) aus und arbeitet dort bis 1869.<\/p>\n<p>Bei seiner R\u00fcckkehr f\u00fchrt er im Gep\u00e4ck einige Kakaosamen, die er unbemerkt ins Land bringt. In Mampong setzt er sie ein, und einige Setzlinge gedeihen.<\/p>\n<p>Er verkauft sie seinen Nachbarn, und so gelangen sie in die H\u00fcgel von Akwapim. Der Einstieg in die Zucht ist gelungen. Seither wird Tetteh Quarshie in Ghana als Volksheld verehrt.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hlung nach hat er den Kakao ins Land gebracht und den Grundstein gelegt f\u00fcr das wichtigste Exportgut Ghanas. Sein Denkmal steht in Accra, es gibt das \u00abTetteh Quarshie Memorial Hospital\u00bb in Mampong-Akuapem und das \u00abTetteh Quarshie Cocoa Farm &amp; Exhibition Centre\u00bb.<\/p>\n<p>Doch wem wirklich der Erfolg der Zucht von Kakaob\u00e4umen gelingt, ist es der Basler Mission oder ihm, bleibt umstritten. Sicher ist, dass Quarshie, anders als die Missionare, beim Setzen der Samen schon weiss, dass die Kakaob\u00e4ume Schatten ben\u00f6tigen \u2013 bei den Missionaren standen sie an der prallen Sonne.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/tetteh-quarshie.webp\" width=\"1200\" height=\"1432\" alt=\"B\u00fcste eines Kakao-Pioniers in Ghana\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Denkmal f\u00fcr den Kakao-Pionier Tetteh Quarshie in Mampong, Ghana.            <\/p>\n<p>            Philipp Kessler        <\/p>\n<p>Doch Quarshie hat keinen Gewinn aus seinen Zuchterfolgen, so was wie Urheberrechte an Z\u00fcchtungen ist noch unbekannt. Auch seinen Verwandten bleibt nichts. Vergebens bitten sie 1926 den Britischen Gouverneur Gordon Guggisberg um Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Nach zwei Jahren werden der Familie schliesslich 250 Pfund gew\u00e4hrt \u2013 eine l\u00e4cherliche Summe angesichts des enormen Gewinnes, den die britischen Handelsgesellschaften, aber auch die Basler Missionshandelsgesellschaft (BHG) erzielten.<\/p>\n<p>Diese war 1859 von den Verantwortlichen der Basler Mission gegr\u00fcndet worden und war nach dem Ersten Weltkrieg an der Goldk\u00fcste unter dem Namen Union Trading Company (UTC) t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Zwar wird f\u00fcr Ghana der Kakaoanbau immer wichtiger, aber noch sind es vorrangig die Briten, die daran verdienen. Bereits 1911 wird die britische Kolonie zum gr\u00f6ssten Kakaoproduzenten der Welt.<\/p>\n<p>Dennoch profitieren anscheinend auch viele Gesch\u00e4ftsleute, Chiefs und Kleinfarmer in Ghana selbst und gelangen zu Wohlstand.<\/p>\n<p>Der Basler Missionar Josef Mohr warnt 1906 aber: \u00abDer Kakao ist ein Segen, aber sehr oft lautet unser Urteil anders, (\u2026) wenn wir im Volk stehend und mit ihm lebend sehen, welch unheilvolle Folgen dieser Goldsegen auf unser leichtsinniges, leichtlebiges Volk aus\u00fcbt, dann seufzen wir oft darunter.\u00bb<\/p>\n<p>Er beklagt weiter die Abholzung des Urwaldes, die Gier der \u00abAdvokaten an der K\u00fcste\u00bb, die Streitereien, die Prozesssucht sowie die \u00abVerpf\u00e4ndung von Menschen, vor allem von Jugendlichen zur Gewinnung des Kakaos\u00bb.<\/p>\n<p>Mit \u00abVerpf\u00e4ndung\u00bb ist eine Art von Versklavung gemeint. Arme Eltern geben ihre Kinder gegen Geld f\u00fcr die Arbeit auf dem Feld her \u2013 eine Praxis \u00fcbrigens, die auch in der Schweiz noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel im Tessin verbreitet war (\u00abspazzacamini\u00bb).<\/p>\n<p>Doch der Missionar beklagt nicht nur diese Menschenrechtsverletzungen, sondern auch den Mangel an Personal, zum Beispiel Dienstboten oder Lastentr\u00e4ger, \u00abalso M\u00e4nner oder Weiber, die f\u00fcr die Missionare die Lebensmittel von Akra nach Akwapem tragen, bekommt man in Akropong \u00fcberhaupt nicht mehr\u00bb \u2013 und dies alles wegen der Verlockung durch das \u00abbraune Gold\u00bb.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/umschlagplatz-fur-kakao-im-heutigen-ghana.webp\" width=\"1600\" height=\"1216\" alt=\"Menschen und Jeeps auf einem Umschlagplatz f\u00fcr Kakao\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Umschlagplatz f\u00fcr Kakao im heutigen Ghana.            <\/p>\n<p>            Mission 21, Bestand der Basler Mission        <\/p>\n<p>F\u00fcr die UTC ist der Handel mit Kakao \u00e4usserst lukrativ \u2013 bis 1937. Ab dann dr\u00fcckt das Kartell (der so genannte Pool) der europ\u00e4ischen Handelsgesellschaften, dem auch die UTC angeh\u00f6rt. Dadurch werden die Quoten und die Gewinne geringer.<\/p>\n<p>F\u00fcr die ghanaischen Bauern ist das Kartell sch\u00e4dlich, es dr\u00fcckt die Preise und die aufstrebenden afrikanischen Kaufleute werden daran gehindert, Kakao in Eigenregie nach Europa zu verschiffen.<\/p>\n<p>Ab 1947 sind die goldenen Jahre definitiv vorbei: Das Gold Coast Cocoa Marketing Board verbietet ihnen weitere Gesch\u00e4fte an der Goldk\u00fcste zu t\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Langsam zieht sich die UTC aus dem Kakao-Gesch\u00e4ft zur\u00fcck \u2013 10 Jahre vor der Unabh\u00e4ngigkeit Ghanas \u2013 und wendet sich anderen, f\u00fcr sie lukrativeren Handelsfeldern zu.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/schulwandbild-zum-thema-kakaoanbau-dig-36332-lm-105242.webp\" width=\"1600\" height=\"1205\" alt=\"Schulwandbild zum Thema Kakaoanbau, zwischen 1900 und 1950\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Schulwandbild zum Thema Kakaoanbau, zwischen 1900 und 1950.            <\/p>\n<p>            Mus\u00e9e national suisse        <\/p>\n<p>Am 12. November 1957 beugt sich Notar Dr. Laurenz Zellweger in seiner Basler Kanzlei \u00fcber eine Ansammlung von historischen Dokumenten aus dem Basler Missionsarchiv und beglaubigt diese: Er best\u00e4tigt, dass der Basler Mission in den Jahren von 1868 bis 1874 die Zucht von Kakao-Pflanzen gelungen sei.<\/p>\n<p>Warum sich die Basler Handelsgesellschaft die Zuchtversuche beglaubigen l\u00e4sst, bleibt unklar. Ein Schreiben von Max Preiswerk, dem damaligen Pr\u00e4sidenten der UTC, geht der Beglaubigung voran, gibt aber ebenso wenig Aufschluss \u00fcber die Motivation.<\/p>\n<p>Will etwa die UTC den Zuchterfolg (der Basler Mission notabene) f\u00fcr sich beanspruchen, um Boden gutzumachen, um Staatsauftr\u00e4ge (zum Beispiel im Bereich Automobilexporte) zu erhalten?<\/p>\n<p>Die Quellen geben keine Antwort auf diese Frage. Sicher ist, dass die UTC der Schweizer Schokoladeindustrie nach den beiden Weltkriegen das \u00dcberleben gesichert hat \u2013 dank der Rohstofflieferungen, denn sie war bis auf wenige Jahre die einzige Schweizer Firma, die an der Goldk\u00fcste zur Kolonialzeit Kakao einkaufte.<\/p>\n<p>Und ebenso gesichert ist, dass das heutige Ghana im 20. Jahrhundert der weltgr\u00f6sste Kakaoproduzent wird.<\/p>\n<p>                Die Autorin            <\/p>\n<p>Pascale Meyer ist Historikerin und ehemalige Kuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2024\/11\/kakao-in-ghana-das-raetsel-um-den-zuchterfolg\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Der Originalartikel im Blog des Schweizerischen NationalmuseumsExterner Link<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lokale Arbeiter und der in \u00abkolonialem Weiss\u00bb gekleidete Aufseher auf einem Kakao-Trockenplatz der Basler Missionshandelsgesellschaft in Accra im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10747,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[197,5266,5265,151,888,5267],"class_list":{"0":"post-10746","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ghana","8":"tag-article","9":"tag-beat-history","10":"tag-commodity-markets","11":"tag-ghana","12":"tag-production-type-external","13":"tag-speciality-store"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116475231105816808","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10746"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10746\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}