{"id":10972,"date":"2026-04-27T13:41:53","date_gmt":"2026-04-27T13:41:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10972\/"},"modified":"2026-04-27T13:41:53","modified_gmt":"2026-04-27T13:41:53","slug":"afrika-der-krieg-im-sudan-eskaliert-europa-hat-zu-lange-weggeschaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/10972\/","title":{"rendered":"Afrika: Der Krieg im Sudan eskaliert, Europa hat zu lange weggeschaut"},"content":{"rendered":"<p>Die Lage im Sudan sei \u201e<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2025-11\/sudan-buergerkrieg-aussenminister-deutschland-grossbritannien-jordanien-waffenruhe-forderung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">apokalyptisch<\/a>\u201c, so fasste es Au\u00dfenminister Johann Wadephul am Rande der Sicherheitskonferenz <a href=\"https:\/\/www.iiss.org\/events\/manama-dialogue\/manama-dialogue-2025\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Manama Dialogue<\/a> in Bahrain zusammen. Sein jordanischer Amtskollege Ayman Safadi zeigte sich ersch\u00fcttert \u00fcber eine \u201ehumanit\u00e4re Katastrophe unmenschlicher Ausma\u00dfe\u201c. Der Sudan, gestand Safadi selbstkritisch ein, habe nicht \u201edie n\u00f6tige Aufmerksamkeit\u201c bekommen. Einige Tage sp\u00e4ter folgten <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/newsroom\/2742986-2742986\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">16 Au\u00dfenpolitiker<\/a>, auch aus Deutschland, mit einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung: \u201eSolche Handlungen stellen, wenn gesicherte Hinweise darauf vorliegen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach dem V\u00f6lkerrecht dar.\u201c Neun weitere Staaten billigten die Erkl\u00e4rung. Adressiert wurden damit die Gr\u00e4ueltaten der Rapid Support Forces (RSF) und der mit ihnen verb\u00fcndeten Milizen im Zuge der Erst\u00fcrmung der Provinzhauptstadt El Fasher in der sudanesischen Provinz Nord-Darfur. Der UN-Sicherheitsrat <a href=\"https:\/\/press.un.org\/en\/2025\/sc16204.doc.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">verurteilte<\/a> am 30. Oktober den Angriff und dessen verheerende Folgen f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung, der Internationale Strafgerichtshof (IStGh) in Den Haag nahm am 3. November <a href=\"https:\/\/www.icc-cpi.int\/news\/statement-icc-office-prosecutor-situation-el-fasher-north-darfur\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Ermittlungen<\/a> auf.<\/p>\n<p>Das Eingest\u00e4ndnis, zu lange weggeschaut zu haben, kommt reichlich sp\u00e4t. Seit Monaten hatten Beobachter gewarnt, wenn El Fasher nach anderthalb Jahren Belagerung fallen sollte, sei mit schwersten Verbrechen zu rechnen. Ein potenzieller V\u00f6lkermord mit Ansage sozusagen. Insofern ist der Krieg im Sudan kein vergessener, sondern \u2013 wie es die Sudan-Expertin Marina Peter formuliert \u2013 ein ignorierter. Bereits zu Beginn des inzwischen seit zweieinhalb Jahren w\u00fctenden Krieges hatten die RSF ethnische S\u00e4uberungen in El Geneina ver\u00fcbt, der Hauptstadt der Provinz West-Darfur. Schon diese Aktionen trugen\u00a0Z\u00fcge eines V\u00f6lkermordes. Die Massaker, denen laut Sch\u00e4tzungen bis zu 15 000 Menschen zum Opfer fielen, richteten sich vor allem gegen die Massalit, eine nicht-arabische Bev\u00f6lkerungsgruppe. In El Fasher trifft es nun die Zaghawa, ebenfalls eine nicht-arabische Gruppe.<\/p>\n<p>Die RSF gingen 2013 aus den Dschandschawid\u00a0hervor, die bereits Anfang der 2000er Jahre f\u00fcr einen V\u00f6lkermord in Darfur verantwortlich waren. Aber es dauerte zwei Jahrzehnte, bis am 6. Oktober 2025 \u2013 just drei Wochen vor den j\u00fcngsten Massakern \u2013 mit Ali Abd-Al-Rahman der erste Verantwortliche der Dschandschawid vom IStGH f\u00fcr Kriegsverbrechen in Darfur <a href=\"https:\/\/www.icc-cpi.int\/sites\/default\/files\/CourtRecords\/0902ebd180cb3b4e.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">verurteilt wurde<\/a>. Sudans Langzeitdiktator Omar al Bashir, der die Dschandschawid systematisch f\u00fcr seine Zwecke eingesetzt hatte, wurde 2009 als erstes amtierendes Staatsoberhaupt vom IStGH angeklagt, <a href=\"https:\/\/www.icc-cpi.int\/news\/pre-trial-chamber-i-issues-second-warrant-arrest-against-omar-al-bashir-counts-genocide\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">ein Jahr sp\u00e4ter<\/a> auch wegen V\u00f6lkermordes.<\/p>\n<p>In den 2000er Jahren erfuhr der V\u00f6lkermord in Darfur erhebliche mediale Aufmerksamkeit, nicht zuletzt aufgrund des Engagements vieler Prominenter, darunter George Clooney und Mia Farrow. Sie reisten seinerzeit \u00f6ffentlichkeitswirksam selbst nach Darfur und sorgten f\u00fcr eine Welle weltweiter Aufmerksamkeit, die heute vergessen und unm\u00f6glich zu wiederholen scheint.<\/p>\n<p>Das Schicksal des Sudan war es, dass der aktuelle Krieg in einer Zeit ausbrach, in der der russische Angriffskrieg in der Ukraine bereits ein Jahr tobte, und wenige Monate bevor mit dem Krieg in Gaza breite Teile der internationalen \u00d6ffentlichkeit vollst\u00e4ndig gebunden waren.<\/p>\n<p>Das Schicksal des Sudan war es, dass der aktuelle Krieg am 15. April 2023 ausgerechnet in einer Zeit ausbrach, in der der russische Angriffskrieg in der Ukraine bereits ein Jahr tobte, und wenige Monate bevor mit dem Massaker der Hamas und dem nachfolgenden Krieg in Gaza Medien und Politik, aber auch breite Teile der internationalen \u00d6ffentlichkeit vollst\u00e4ndig gebunden waren. Obwohl die Medien durchaus berichteten \u2013 soweit das unter den Umst\u00e4nden und bei fast v\u00f6llig fehlenden Zug\u00e4ngen f\u00fcr Berichterstatter \u00fcberhaupt m\u00f6glich war \u2013, blieben ein \u00f6ffentlicher Aufschrei und damit letztlich politische Reaktionen weitgehend aus.<\/p>\n<p>Inzwischen ist Bewegung in die verfahrene Situation gekommen \u2013 ma\u00dfgeblich und ausgerechnet durch Donald Trump. Der selbsternannte Friedensstifter und verhinderte Nobelpreistr\u00e4ger hat sich nun auch die Beendigung des Sudan-Krieges auf seine Fahnen geschrieben, im Quartett (\u201eQuad\u201c) mit \u00c4gypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die drei arabischen Staaten sind die wichtigsten Unterst\u00fctzer der am Konflikt beteiligten Parteien im Sudan. W\u00e4hrend \u00c4gypten und Saudi-Arabien (mit anderen Staaten wie der T\u00fcrkei, Katar sowie eingeschr\u00e4nkt Russland und selbst dem Iran) die De-facto-Regierung des Generals Abdel Fattah al-Burhan und die ihm unterstehenden Sudanese Armed Forces (SAF) unterst\u00fctzen, stehen die Vereinigten Arabischen Emirate an der Seite der RSF.<\/p>\n<p>In einer <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/releases\/2025\/09\/joint-statement-on-restoring-peace-and-security-in-sudan\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Erkl\u00e4rung<\/a> einigten sich die Quad-Mitglieder am 12. September in Washington auf f\u00fcnf zentrale Bedingungen: die Wahrung der territorialen Integrit\u00e4t des Sudan, das Primat der Diplomatie \u00fcber eine milit\u00e4rische L\u00f6sung, den ungehinderten Zugang f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe und den Schutz von Zivilisten, den Stopp von Waffenlieferungen und \u2013 wohl am bedeutendsten \u2013 einen inklusiven und transparenten politischen \u00dcbergangsprozess, der auf einen dreimonatigen Waffenstillstand folgen und zu einer zivil geleiteten Regierung f\u00fchren soll. Ob allerdings ausgerechnet die drei arabischen Unterst\u00fctzer, die in ihren eigenen L\u00e4ndern selbst wenig Inklusivit\u00e4t zulassen, in der Lage sind, die Kriegsparteien wie gefordert aus diesem \u00dcbergangsprozess herauszuhalten, ist fraglich. Stattdessen steht zu bef\u00fcrchten, dass sich das Engagement der Trump-Administration auf das Erreichen eines Waffenstillstands beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die inneren Abl\u00e4ufe im Sudan l\u00e4uft Diplomatie jedoch Gefahr, die Zyklen zu wiederholen, die sie eigentlich beenden will. Die aktuelle Katastrophe im Sudan kann nicht losgel\u00f6st von der Geschichte des Landes verstanden werden. Seit der Unabh\u00e4ngigkeit im Jahr 1956 ist das Land in einem Teufelskreis gefangen, in dem kurze und fragile demokratische Phasen immer wieder durch Milit\u00e4rputsche unterbrochen wurden, die die Macht an dieselben Eliten zur\u00fcckgaben, die wiederholt daran gescheitert waren, einen auf gefestigten Institutionen basierenden Staat aufzubauen. Von Anfang an war der Staat Sudan strukturell unausgewogen \u2013 mit einem dominanten politischen Zentrum, marginalisierten Randgebieten und einer Armee, die sich als H\u00fcterin der Nation versteht, statt sich der zivilen Autorit\u00e4t unterzuordnen.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt keine milit\u00e4rische L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem. Keine Seite wird einen vollst\u00e4ndigen Sieg erringen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Infolgedessen erlebte der Sudan nie eine nachhaltige demokratische Regierungsf\u00fchrung. Jeder Versuch eines zivilen \u00dcbergangs wurde schnell gewaltt\u00e4tig zunichtegemacht. Dies f\u00fchrte zu einer fast ununterbrochenen Kette von B\u00fcrgerkriegen, die die Ressourcen des Landes ersch\u00f6pften und sein soziales Gef\u00fcge zerst\u00f6rten. Der erste Krieg brach weniger als ein Jahrzehnt nach der Unabh\u00e4ngigkeit aus und dauerte ein halbes Jahrhundert, bis er 2011 zur Abspaltung des S\u00fcdsudans f\u00fchrte. Die nachfolgenden Konflikte waren Symptome derselben ungel\u00f6sten Krise \u2013 der fehlenden Gerechtigkeit bei der Verteilung von Macht und Reichtum und des Versagens, ein inklusives Konzept der Staatsb\u00fcrgerschaft zu formulieren. Im Laufe der Zeit zerfielen die zentralen Institutionen des Staates. Der Sudan trat in eine \u201e\u00c4ra der multiplen Armeen\u201c ein, in der fast jeder politische Akteur \u00fcber eigene Streitkr\u00e4fte verf\u00fcgt. Das Monopol legitimierter Gewalt \u2013 die Grundlage jedes Staates \u2013 h\u00f6rte schlichtweg auf zu existieren. Heute sind Waffen zu einem Instrument der politischen Macht anstelle der nationalen Verteidigung geworden. Sudans ehemaliger Premierminister Abdalla Hamdok warnte in einem <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/sudan-hamdok-war-interview-prime-minister-military-b06511897115d4b539799128b8d0cf00?utm_source=\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Interview<\/a> im Juni 2025: \u201eEs gibt keine milit\u00e4rische L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem. Keine Seite wird einen vollst\u00e4ndigen Sieg erringen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr viele zivilgesellschaftliche Kr\u00e4fte \u2013 auch nach zweieinhalb Jahren Krieg immer noch das R\u00fcckgrat der sudanesischen Gesellschaft \u2013 ist der gegenw\u00e4rtige Konflikt nur die logische Fortsetzung des Staatsstreichs vom 25. Oktober 2021. Damals hatten Armee und RSF gemeinsam die nach der Revolution von 2019 entstandene verfassungsm\u00e4\u00dfige \u00dcbergangsregierung und damit die zarte Bl\u00fcte einer sudanesischen Demokratiebewegung zerschlagen.<\/p>\n<p>Die umfassende L\u00f6sung, die der Sudan jetzt braucht, kann nicht aus einem vor\u00fcbergehenden Waffenstillstand zwischen zwei Warlords hervorgehen. Es muss ein nationales Projekt des Wiederaufbaus sein \u2013 die Schaffung einer geeinten Armee unter vollst\u00e4ndig ziviler Kontrolle, die Einrichtung einer echten \u00dcbergangsjustiz, und die Erneuerung eines inklusiven demokratischen Prozesses. Dies ist sowohl eine innenpolitische Notwendigkeit als auch eine Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr die internationale Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Hier w\u00e4re eine st\u00e4rkere deutsche und europ\u00e4ische Intervention dringend notwendig, um den Quad-Prozess, an dem realpolitisch zurzeit kein Weg vorbeif\u00fchrt, qualitativ zu unterf\u00fcttern. In einem ersten Schritt hat der Rat der EU am 20. Oktober, wenige Tage vor dem Fall El Fashers, die Forderungen des Quartetts <a href=\"https:\/\/data.consilium.europa.eu\/doc\/document\/ST-14231-2025-INIT\/en\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">unterst\u00fctzt<\/a>. Bei reinen Deklarationen darf es indes nicht bleiben, eine substantielle EU-Politik w\u00fcrde eine eigene diplomatische Initiative bedingen. Und sie m\u00fcsste durch deutliche Akzente gekennzeichnet sein: mehr Nachdruck bei der Durchsetzung des Waffenembargos und Bereitstellung von deutlich mehr humanit\u00e4rer Hilfe f\u00fcr das geschundene Land und seine Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Lage im Sudan sei \u201eapokalyptisch\u201c, so fasste es Au\u00dfenminister Johann Wadephul am Rande der Sicherheitskonferenz Manama Dialogue&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10973,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[235],"tags":[486,167,168,206,1742,267,677],"class_list":{"0":"post-10972","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-sudan","8":"tag-darfur","9":"tag-frieden","10":"tag-krieg","11":"tag-menschenrechte","12":"tag-milizen","13":"tag-sudan","14":"tag-voelkermord"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116476965148616153","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10972","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10972"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10972\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}