{"id":11149,"date":"2026-04-27T18:49:01","date_gmt":"2026-04-27T18:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11149\/"},"modified":"2026-04-27T18:49:01","modified_gmt":"2026-04-27T18:49:01","slug":"tschad-stimmt-ueber-verfassungsreform-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11149\/","title":{"rendered":"Tschad stimmt \u00fcber Verfassungsreform ab"},"content":{"rendered":"<p>Etwa acht Millionen eingetragene W\u00e4hler werden am Sonntag im <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/tschad\/t-17544312\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tschad<\/a>\u00a0an die Urnen gehen, um in einem Referendum dar\u00fcber abzustimmen, ob das Land sich eine neue Verfassung geben soll. Ein Ja-Votum wird von einem breiten B\u00fcndnis von Parteien unterst\u00fctzt, darunter die vom Milit\u00e4r gef\u00fchrte \u00dcbergangsregierung von General Mahamat Deby, die ehemals regierende Patriotische Wohlfahrtsbewegung (MPS) sowie die wichtigste Oppositionspartei, die Nationale Union f\u00fcr Demokratie und Erneuerung (UNDR) von Premierminister Saleh Kebzabo.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des zwanzigt\u00e4gigen Wahlkampfs hielten die Bef\u00fcrworter nicht nur eine Auftaktveranstaltung mit zahlreichen Teilnehmern in der Hauptstadt N&#8217;Djamena ab. In dem gro\u00dffl\u00e4chigen Land in der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/sahelzone\/t-66161192\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sahelzone<\/a> wurden zahlreiche weitere gro\u00dfe Versammlungen abgehalten.<\/p>\n<p>&#8222;Die Bef\u00fcrworter verf\u00fcgen \u00fcber s\u00e4mtliche Mittel&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Mehrere Oppositionsparteien haben dazu aufgerufen, das Referendum zu boykottieren. Auch verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen sind\u00a0gegen die neue Verfassung. Doch den Reformgegnern fehlt es nicht nur an Geld, sie sind auch den Einsch\u00fcchterungsversuchen von Sicherheitskr\u00e4ften ausgesetzt, die Kundgebungen aufl\u00f6sen und Flugbl\u00e4tter beschlagnahmen.<\/p>\n<p>Bei der Vorbereitung der Abstimmung wird zudem ein Mangel an Transparenz bei der Registrierung und Pr\u00fcfung der Wahlberechtigten beklagt. Viele Beobachter sind daher der Meinung, dass die Bef\u00fcrworter das Referendum gewinnen werden. &#8222;Der Ausgang dieses Referendums steht bereits fest&#8220;, sagt Cameron Hudson\u00a0von der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS)\u00a0unumwunden.\u00a0<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"67703011\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/67703011_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Soldaten in sandfarbenen Tarnanz\u00fcgen bei einer Milit\u00e4rparade am Unabh\u00e4ngigkeitstag\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Der Regierung wird vorgeworfen, dass Polizisten und Sicherheitskr\u00e4ften die Gegner der neuen Verfassung einsch\u00fcchtern w\u00fcrdenBild: Denis Sassou Gueipeur\/AFP<\/p>\n<p>Remadji Hoinathy, ein leitender Mitarbeiter am pan-afrikanischen Thinktank Institut f\u00fcr Sicherheitsstudien (ISS), erkl\u00e4rt die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Prognose:\u00a0&#8222;Das Ja-Lager hat Zugriff auf alle \u00f6ffentlichen Ressourcen und verf\u00fcgt \u00fcber die politische Macht, die Menschen zu mobilisieren.&#8220;\u00a0Au\u00dferdem kontrolliere dieses Lager die Medien. &#8222;Die Bef\u00fcrworter verf\u00fcgen \u00fcber s\u00e4mtliche Mittel,\u00a0auch illegale, die Abstimmung zu gewinnen&#8220;, sagt\u00a0Hoinathy.\u00a0Als frei und fair sei das Referendum daher\u00a0nicht zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Zentralismus gegen F\u00f6deralismus<\/p>\n<p>Die Gegner des Referendums kritisieren, dass die neue Verfassung geschrieben wurde, ohne vorher die Frage zu beantworten, ob das Land k\u00fcnftig f\u00f6deral oder zentralistisch regiert werden soll. Der nun zur Abstimmung vorgelegte Entwurf schreibt\u00a0erneut eine\u00a0zentralistische Organisation fest. So war das Land seit der Unabh\u00e4ngigkeit von Frankreich im Jahr 1960 regiert worden.<\/p>\n<p>Die Opposition w\u00fcrden das\u00a0<a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/tschad-der-hunger-in-den-hirsefeldern\/a-66420082\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">bettelarme Land<\/a>\u00a0gerne in einen f\u00f6deralistischen Staat verwandeln, weil es den zentralistischen Regierungen nie gelungen sei, die Entwicklung voranzutreiben. Der Tschad ist laut dem <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/hdr.undp.org\/data-center\/human-development-index?gad_source=1&amp;gclid=Cj0KCQiAj_CrBhD-ARIsAIiMxT962pKKRCbasIGCZQ9wm70VuOam5CGHL3E6rEFfIvuDcc5NcLXIUbQaAhA5EALw_wcB#\/indicies\/HDI\" title=\"Externer Link \u2014 Human Development Index der UN\">Human Development Index der UN\u00a0<\/a>nach dem S\u00fcdsudan das am wenigsten entwickelte Land\u00a0der Erde. Die Bef\u00fcrworter eines zentralistischen Staates argumentieren dagegen, ein f\u00f6deralistischer Staat w\u00fcrde das Land weiter fragmentieren, denn die verschiedenen Regionen sind von starken religi\u00f6sen, ethnischen und stammesbedingten Spaltungen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Referendum soll Weg f\u00fcr zivile Regierung bereiten<\/p>\n<p>Nach dem Tod des <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/tschads-pr\u00e4sident-im-amt-best\u00e4tigt\/a-57259023\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Langzeitpr\u00e4sidenten Idriss Deby<\/a>\u00a0\u00fcbernahm eine von seinem \u00a0<a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/\u00fcbergangsregierung-im-tschad-ernannt\/a-57406278\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sohn Mahamat Deby angef\u00fchrte Junta die Macht<\/a>. Nun ist die R\u00fcckkehr zu einer zivilen Regierung geplant.<\/p>\n<p>Eine der drei S\u00e4ulen dieses\u00a0\u00dcbergangs war ein inklusiver nationaler Dialog, in dem solche Themen wie eine Verfassungsreform und andere politische Fragen, die das Land spalten, behandelt werden sollten. Dieser nationale Dialog fand von April bis Oktober 2022 statt und schloss mit der Empfehlung, die Frage nach der Staatsform &#8211;\u00a0f\u00f6deralistisch oder zentralistisch &#8211;\u00a0in einem\u00a0Referendum zu kl\u00e4ren. Dies wird mit der Abstimmung am Sonntag ignoriert.<\/p>\n<p>Die Idee des F\u00f6deralismus ist popul\u00e4r<\/p>\n<p>In einer Anfang des Jahres vom Tschadischen Journalisten- und Reporter-Netzwerk (Chadian Journalists and Reporters Network) ver\u00f6ffentlichten Umfrage sprachen sich 71 Prozent der Befragten f\u00fcr\u00a0ein f\u00f6deralistisches System aus. In den dem nationalen Dialog vorgeschalteten regionalen Dialogen wollten sich zehn\u00a0der 23 Provinzen f\u00fcr den F\u00f6deralismus entscheiden, so Politikexperte Hoinathy.<\/p>\n<p><a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/tschad\/t-17544312\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tschad<\/a> ist fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig das f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Land Afrikas. Etwa 200 ethnische Gruppen sind hier zuhause. In der Halbw\u00fcstenregion im Norden leben vor allem nomadische und halbnomadische Muslime, w\u00e4hrend der halbtropische S\u00fcden des Landes, in dem im gro\u00dfen Umfang Landwirtschaft betrieben wird, \u00fcberwiegend von Christen und Animisten bev\u00f6lkert wird.<\/p>\n<p>&#8222;Die Mehrzahl der Regionen Tschads fordern eine st\u00e4rkere F\u00f6deralisierung, die den verschiedenen Gruppierungen, die in diesen Gebieten dominant sind, gr\u00f6\u00dfere lokale Zust\u00e4ndigkeiten und Autonomie zugesteht. So wie es zum Beispiel in Nigeria der Fall ist&#8220;, erl\u00e4utert US-Experte Hudson. Bei ihrem Nachbarn im\u00a0S\u00fcdwesten k\u00f6nnten die Regionen sehen, dass das f\u00f6deralistische System recht gut funktioniere. Dieses System wollten sie nun \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"67702941\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/67702941_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Mahamat Deby winkt bei einer Milit\u00e4rparade zum Unabh\u00e4ngigkeitstag von der Ladefl\u00e4che eines Pick-ups \" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Mahamat Idriss Deby (im wei\u00dfen Gewand) wurde bis zu Wahlen im Oktober 2024 als \u00dcbergangspr\u00e4sident eingesetztBild: Denis Sassou Gueipeur\/AFP<\/p>\n<p>Einige Bef\u00fcrworter eines zentralistischen Staates werfen den F\u00f6deralisten vor, sie w\u00fcnschten die Aufl\u00f6sung des Tschad als Land. Doch die Tschad-Expertin Helga Dickow, Politikwissenschaftlerin an der Universit\u00e4t Freiburg, widerspricht:\u00a0&#8222;Sie wollen nur eine faire Teilhabe in der Politik und einen gerechten Anteil an den Ressourcen. Sie wollen nicht, dass all das von einer kleinen ethnischen Gruppe dominiert wird.&#8220; Bisher seien es die Zaghawa, eine ethnische Minderheit im Nordosten des Landes, die Politik und Streitkr\u00e4fte dominieren, seitdem Idriss Deby, ein Mitglied des Zaghawa-Clans, bei einem Staatsstreich 1999 die Macht ergriff. Deby regierte bis er 2021 aufgrund von Verletzungen starb, die er bei\u00a0<a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/tschads-langzeitherrscher-d\u00e9by-bei-k\u00e4mpfen-mit-rebellen-get\u00f6tet\/a-57264002\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">K\u00e4mpfen gegen Rebellen<\/a> erlitten hatte.<\/p>\n<p>Konsolidierung der Macht<\/p>\n<p>\u00dcbergangspr\u00e4sident Mahamat Deby will Beobachtern zufolge das Referendum\u00a0\u00fcber F\u00f6deralismus und Zentralismus vermeiden, um seine Macht zu konsolidieren:\u00a0&#8222;Wenn Sie Diktator sind, ist ein f\u00f6deralistisches System Ihren Interessen nicht sonderlich zutr\u00e4glich&#8220;, erl\u00e4utert Cameron Hudson. Die \u00dcbergangsregierung str\u00e4ube sich deshalb gegen eine Dezentralisierung und dr\u00e4nge\u00a0auf einen Einheitsstaat.<\/p>\n<p>Tschad-Expertin Dickow, die sich in diesem Jahr zwei Monate zu Recherchezwecken im Land aufhielt, teilt diese Meinung:\u00a0Die \u00dcbergangsregierung versuche\u00a0eindeutig, die Macht in der Hand zu halten, indem sie das zentralistische System beibeh\u00e4lt, sagt sie. Ein zentralistisches System komme zudem den Sicherheitskr\u00e4ften zu Gute.<\/p>\n<p>Als Idriss Deby starb, gab die Milit\u00e4rregierung das Versprechen, den \u00dcbergang zu einer Demokratie einzuleiten durch einen nationalen Dialog, eine Verfassungsreform und die Durchf\u00fchrung von Wahlen bis Oktober 2022. Die Ergebnisse des nationalen Dialogs haben viele entt\u00e4uscht, das Referendum ist umstritten und <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/viele-tote-bei-protesten-gegen-milit\u00e4rjunta-im-tschad\/a-63507753\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die Wahlen wurden um zwei Jahre, auf Oktober 2024, verschoben<\/a>.<\/p>\n<p>&#8222;Leider entsteht der Eindruck, dass dieser \u00dcbergang kein \u00dcbergang zu etwas Neuem ist&#8220;, bedauert Hoinathy. &#8222;Was wir sehen, ist eine Verfestigung des Systems Deby, vielleicht sogar in einer schlimmeren Form.&#8220;<\/p>\n<p>Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Etwa acht Millionen eingetragene W\u00e4hler werden am Sonntag im Tschad\u00a0an die Urnen gehen, um in einem Referendum dar\u00fcber&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11150,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[242],"tags":[365,364],"class_list":{"0":"post-11149","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-tschad","8":"tag-chad","9":"tag-tschad"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116478172306585013","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11149"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11149\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11150"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}