{"id":11231,"date":"2026-04-28T00:25:38","date_gmt":"2026-04-28T00:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11231\/"},"modified":"2026-04-28T00:25:38","modified_gmt":"2026-04-28T00:25:38","slug":"gewalt-in-mali-russland-hat-mehr-versprechen-gemacht-als-es-letztlich-einloesen-konnte-interviews","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11231\/","title":{"rendered":"Gewalt in Mali: \u201eRussland hat mehr Versprechen gemacht, als es letztlich einl\u00f6sen konnte\u201c \u2013 Interviews"},"content":{"rendered":"<p class=\"normal-start\">Die Fragen stellte <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/ipg\/autorinnen-und-autoren\/autor\/nikolaos-gavalakis\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Nikolaos Gavalakis<\/a>.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\">In Mali haben Dschihadisten und Rebellen gemeinsam die Armee angegriffen. Wie ist die Lage vor Ort?<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die Situation in Mali scheint sich langsam zu beruhigen, das Wochenende war jedoch von einer pr\u00e4zedenzlos effektiv koordinierten Angriffswelle auf malische Armee- und Verwaltungsstrukturen gepr\u00e4gt. Am Samstagmorgen griffen Dschihadisten und die FLA, ein B\u00fcndnis separatistischer Rebellen, teils gemeinsam wichtige St\u00e4dte in Mali an. Betroffen waren die Hauptstadt Bamako und der internationale Flughafen, Kati \u2013 eine Garnisonsstadt 15 Kilometer n\u00f6rdlich der Hauptstadt und Wohnort der meisten hochrangigen Milit\u00e4rs \u2013, sowie Gao, S\u00e9var\u00e9 und Kidal.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">\u00dcber das Wochenende hinweg kam es zu teils intensiven K\u00e4mpfen und Anschl\u00e4gen. Das hochrangigste best\u00e4tigte Opfer ist der Verteidigungsminister Sadio Camara, der zum engsten Machtzirkel der seit 2021 milit\u00e4risch gef\u00fchrten Regierung geh\u00f6rte. Er kam bei einem Selbstmordattentat auf sein Haus in Kati ums Leben. Auch der Geheimdienstchef und der Generalstabschef der Armee sollen verletzt worden sein. \u00dcber ihr Schicksal wurde von staatlicher Seite bislang nicht berichtet.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die malische Armee und ihre Verb\u00fcndeten, wie das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Africa_Corps_(Russia)\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">russische Africa Corps<\/a> und vermutlich auch die AES, ein Milit\u00e4rb\u00fcndnis von Mali, Niger und Burkina Faso, reagierten mit einer Boden- und Luftoffensive. Die Lage in Bamako ist mittlerweile ruhiger. Es wurde eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr verh\u00e4ngt, der internationale Flughafen hat seinen Betrieb jedoch wieder aufgenommen. Auch in Gao haben die malischen Streitkr\u00e4fte wieder die Oberhand gewonnen. In S\u00e9var\u00e9 und Kati dauern die Auseinandersetzungen vermutlich an. Kidal scheint von den Rebellen zur\u00fcckerobert worden zu sein.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\">Die Stadt Kidal im Norden Malis gilt seit Jahren als Schl\u00fcsselort. Warum ist sie so wichtig?<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Kidal ist f\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse zwar eine kleine Stadt, besitzt jedoch eine erhebliche politische Bedeutung. Sie steht sinnbildlich f\u00fcr die territoriale Integrit\u00e4t des Staates Mali und zugleich f\u00fcr den Anspruch der jeweiligen Regierung, ihre Autorit\u00e4t auch im abgelegenen Norden durchzusetzen. F\u00fcr die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Der-Tuareg-Staat-Azawad\/!500734\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">separatistische Azawad-Bewegung<\/a> hingegen verk\u00f6rpert Kidal das Streben nach Selbstbestimmung und ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Als historisches Machtzentrum und wichtiger Knotenpunkt f\u00fcr Handel geriet die Stadt sp\u00e4testens 2012 in den internationalen Fokus, als sie im Zuge der Separationsbem\u00fchungen von Rebellen und dschihadistischen Gruppen eingenommen wurde, die f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Staat Azawad k\u00e4mpften und heute unter anderem unter dem Namen FLA auftreten. Im Jahr 2013 wurde Kidal durch franz\u00f6sische und malische Truppen zur\u00fcckerobert, doch bereits 2014 fiel die Stadt nach erneuten Auseinandersetzungen \u2013 unter anderem im Zusammenhang mit einem Besuch des damaligen Premierministers Moussa Mara \u2013 wieder an separatistische Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">In der Folge wurde Kidal sowohl unter der zivilen Regierung von Ibrahim Boubacar Ke\u00efta als auch unter der sp\u00e4teren Milit\u00e4rregierung symbolisch stark aufgeladen. Die R\u00fcckeroberung der Stadt im Herbst 2023 galt als demonstrativer Erfolg der nach dem Putsch von 2021 etablierten F\u00fchrung, die eine milit\u00e4rische Stabilisierung des Landes anstrebt. Die erneute Einnahme Kidals durch koordinierte Angriffe dschihadistischer und separatistischer Gruppen stellt daher einen erheblichen R\u00fcckschlag dar und wirft Zweifel an der Wirksamkeit dieser Strategie auf.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Eine internationale Friedensmission kann nur so lange in einem Land anwesend sein, wie das Gastland dies auch m\u00f6chte.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Weder milit\u00e4rische Kapazit\u00e4ten noch die nachrichtendienstliche Aufkl\u00e4rung scheinen auszureichen, um JNIM, ein Al-Qaida-nahes dschihadistisches B\u00fcndnis in der Sahelregion, und die FLA einzud\u00e4mmen. Hinzu kommt, dass Kidal haupts\u00e4chlich von Kr\u00e4ften des Africa Corps eingenommen und gehalten wurde. Diese verhandelten am Wochenende ihren Abzug aus dem ehemaligen MINUSMA-Camp in Richtung S\u00fcden. Ihre Waffen verblieben dabei offenbar bei der FLA. Was mit den \u00fcbrigen malischen Truppen vor Ort geschehen ist, ist bislang nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\">Bis Ende 2023 war die UN-Mission MINUSMA in Mali im Einsatz, an der auch die Bundeswehr beteiligt war. Auf Wunsch der malischen Milit\u00e4rregierung wurde der Einsatz der internationalen Schutztruppe beendet. War dieser Schritt aus heutiger Sicht ein Fehler?<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Eine internationale Friedensmission kann nur so lange in einem Land anwesend sein, wie das Gastland dies auch m\u00f6chte. Dem Wunsch der malischen Regierung nach einem Abzug musste die MINUSMA entsprechen. Wer im eigenen Land aktiv ist, hat jeder souver\u00e4ne Staat letztlich selbst zu entscheiden. Hinzu kommt, dass MINUSMA eine der teuersten UN-Missionen der Geschichte war, komplex strukturiert und nicht nur auf milit\u00e4rische Themen beschr\u00e4nkt. Viele sagen aus heutiger Sicht, dass sie mit Erwartungen und Aufgaben \u00fcberfrachtet war. Dem w\u00fcrde ich zustimmen. Nichtsdestotrotz war sie ein Versuch der internationalen Gemeinschaft, auf die komplexe Lage in Mali in den 2010er Jahren zu reagieren. Letztlich wurde sie ihrem Anspruch aber nicht gerecht, und ein Ende der Mission war wahrscheinlich sinnvoll. \u00dcber die Art und Weise dieses Endes \u2013 relativ pl\u00f6tzlich und mit nur wenigen Ans\u00e4tzen f\u00fcr eine geordnete \u00dcbergabe von Infrastruktur, Material und Personal an die malische Regierung \u2013 l\u00e4sst sich allerdings streiten.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die malische Regierung war 2023 gewillt, einen neuen Ansatz zu w\u00e4hlen und ihre Partnerschaften auszuweiten. Das ist ihr gutes Recht. Dazu suchte sie Unterst\u00fctzung bei der russischen Wagner-Gruppe beziehungsweise dem Africa Corps Russlands, aber auch bei der T\u00fcrkei und China, um ihre neue, stark milit\u00e4risch gepr\u00e4gte Strategie zur Eind\u00e4mmung dschihadistischer Gruppen und separatistischer Kr\u00e4fte umzusetzen. Dieser Ansatz schien zun\u00e4chst erfolgreich, da Kidal zur\u00fcckerobert werden konnte. Sp\u00e4testens nach diesem Wochenende ist jedoch deutlich geworden, dass diese Strategie nicht ausreicht. Rein milit\u00e4rische Ans\u00e4tze k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr die zunehmende Mobilisierung durch die Dschihadisten, etwa die gravierend schlechte Versorgung mit \u00f6ffentlichen G\u00fctern wie Wasser, Bildung, Arbeitspl\u00e4tzen und Gesundheitsversorgung, nicht adressieren. Auch Menschenrechtsverletzungen durch Partner und die malischen Streitkr\u00e4fte tragen zu einer weiteren Entfremdung vom Zentralstaat bei.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die malische Regierung muss nun entscheiden, wie sie sich an die neue Situation anpasst, um erstens nicht selbst den Entwicklungen zum Opfer zu fallen und zweitens der Bev\u00f6lkerung wieder Lebens- und Entwicklungsperspektiven zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\">Welche Rolle spielt Russland aktuell im Konflikt \u2013 und wie hat sich sein Einfluss in Mali ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Russland ist nicht erst seit dem Abzug der MINUSMA Partner Malis. Die historischen Beziehungen reichen bis in die Zeit des Kalten Krieges zur\u00fcck und fu\u00dfen auf Sprachaustausch, Studienaufenthalten und staatlicher Kooperation. Auch in j\u00fcngerer Zeit haben wichtige Pers\u00f6nlichkeiten Malis, unter anderem der verstorbene Verteidigungsminister, ihre weiterf\u00fchrende Ausbildung \u2013 sowohl milit\u00e4risch als auch zivil \u2013 in Russland erhalten. Als die internationale Gemeinschaft die hohen Erwartungen der malischen Regierungen nicht erf\u00fcllen konnte, wandte man sich erneut einem alten Partner zu: Russland. Aus europ\u00e4ischer Sicht geschah dies zu einem geopolitisch sehr kritischen Zeitpunkt, als Russland gerade die Ukraine angegriffen hatte, und wurde daher als klare Abkehr von westlichen Werten interpretiert. Dieser Aspekt sollte nicht v\u00f6llig ausgeblendet, aber auch nicht \u00fcberbewertet werden. Mali \u00f6ffnete sich n\u00e4mlich nicht nur gegen\u00fcber Russland, sondern auch gegen\u00fcber anderen Partnern wie der T\u00fcrkei, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Staaten waren bereit, die f\u00fcr die milit\u00e4rische Strategie Malis notwendigen Mittel zu liefern \u2013 etwas, wozu Europa aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden nie vollst\u00e4ndig bereit war.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Mali \u00f6ffnete sich n\u00e4mlich nicht nur gegen\u00fcber Russland, sondern auch gegen\u00fcber anderen Partnern.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Was den aktuellen Einfluss Russlands in Mali betrifft, zeigt sich aus heutiger Sicht: Russland hat mehr Versprechen gemacht, als es letztlich einl\u00f6sen konnte. Ob Wagner-Gruppe oder sp\u00e4ter das Africa Corps, die milit\u00e4rischen Erfolge Russlands sind eher gemischt. Dem Africa Corps wird vorgeworfen, <a href=\"https:\/\/thesentry.org\/reports\/mercenary-meltdown-wagner-failure-mali\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Menschenrechtsverletzungen<\/a> begangen zu haben und nicht ausreichend mit den malischen Streitkr\u00e4ften zu kooperieren. Zudem scheint der finanzielle Preis der Zusammenarbeit sehr hoch zu sein, sodass offenbleibt, ob die Kooperation Mali tats\u00e4chlich so viel hilft. Auch milit\u00e4risches Material hat Mali in Russland beschafft. Eine Vereinbarung zum Bau eines Atomkraftwerks zur Verbesserung der ohnehin gravierend schlechten Stromversorgung ist bis heute jedoch nicht umgesetzt worden. F\u00fcr beide Seiten wird nach den Ereignissen des vergangenen Wochenendes zu pr\u00fcfen sein, ob sich die Partnerschaft sinnvoll und gewinnbringend fortsetzen l\u00e4sst. Viele langfristige Erfolge sind bislang nicht erkennbar.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\">Gibt es aus Ihrer Sicht aktuell noch Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Deutschland oder die EU?<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die EU und Deutschland sind aus meiner Sicht stark eingeschr\u00e4nkt. Dabei m\u00fcssen sowohl der eigene Werte- und Interessenkompass ber\u00fccksichtigt werden als auch die Kooperationsbereitschaft der milit\u00e4risch gef\u00fchrten Regierung in Mali. Angebote von europ\u00e4ischer Seite sollten weiterhin gemacht werden. Ob diese angenommen oder gemeinsam diskutiert werden, muss letztlich die malische Seite entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Fragen stellte Nikolaos Gavalakis. In Mali haben Dschihadisten und Rebellen gemeinsam die Armee angegriffen. 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