{"id":11329,"date":"2026-04-28T07:58:17","date_gmt":"2026-04-28T07:58:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11329\/"},"modified":"2026-04-28T07:58:17","modified_gmt":"2026-04-28T07:58:17","slug":"namibias-kolonialgeschichte-deutsche-missionare-kooperierten-mit-konzentrationslagern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/11329\/","title":{"rendered":"Namibias Kolonialgeschichte &#8211; Deutsche Missionare kooperierten mit Konzentrationslagern"},"content":{"rendered":"<p>1904 schlug der damalige Gouverneur Lothar von Trotha den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-S\u00fcdwestafrika brutal nieder &#8211; im heutigen Namibia. In einem Vernichtungskrieg wurden rund 50.000 Herero und 10.000 Nama get\u00f6tet. Nachdem von Trothas im Jahr 1905 abberufen worden war, entstanden Konzentrationslager.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir uns die Funktion dieser Lager angucken, ging es nicht prim\u00e4r um das Umbringen der Internierten&#8220;, erl\u00e4utert der Historiker Jonas Kreienbaum, der an der Universit\u00e4t Rostock lehrt. &#8222;Diese Lager sollten dazu dienen, den langwierigen Kolonialkrieg zu beenden, indem eine M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet wird, dass sich die Herero ergeben k\u00f6nnen und damit ein sich hinziehender Guerillakrieg verhindert wird.\u201c<\/p>\n<p>              Aufbau eines Lagersystems<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle beim Aufbau des Lagersystems habe die evangelische Rheinische Mission gespielt. Die Missionare h\u00e4tten mit der Kolonialmacht kooperiert, so Kreienbaum. <\/p>\n<p>\u201eDas tun sie vor allen Dingen, indem sie sich bereit erkl\u00e4ren, ins Feld zu gehen \u2013 wie es damals hie\u00df \u2013 und die Herero davon zu \u00fcberzeugen, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Sie errichten daf\u00fcr Ende 1905 eigene missionsbetriebene Sammellager, in denen sich \u00fcber 12.000 Herero stellen. Da k\u00f6nnen sie sich erst einen Moment erholen, werden dann aber weitergeschickt in die milit\u00e4rischen Konzentrationslager.&#8220;<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Zeitgen\u00f6ssisches Portr\u00e4t von Lothar von Trotha in dekorierter Uniform und mit Schnauzbart.\" alt=\"Zeitgen\u00f6ssisches Portr\u00e4t von Lothar von Trotha in dekorierter Uniform und mit Schnauzbart.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/lothar-von-trotha-100-autox1440.jpg\" \/><\/p>\n<p>Der k\u00f6niglich preu\u00dfische General Lothar von Trotha befahl, den Aufstand der Herero brutal niederzuwerfen.\u00a9 picture-alliance \/ dpa \/ EW<\/p>\n<p>Kreienbaum ist \u00fcberzeugt: &#8222;Ohne die Vermittlung der Mission w\u00e4ren sicherlich weniger Herero in die staatlichen Konzentrationslager gekommen und dann vermutlich auch weniger gestorben. Insofern haben wir eine sehr ambivalente Rolle, die die Rheinische Mission erf\u00fcllt.\u201c<\/p>\n<p>              Vertrauensvorschuss f\u00fcr Missionare<\/p>\n<p>Die Missionare waren schon l\u00e4nger im Land und hatten durch ihre Arbeit bei den Herero einen gewissen Vertrauensvorschuss. \u201eDas hat dazu gef\u00fchrt, dass sich eben doch sehr viele Herero und Nama ergeben haben und dann in diese Lager gegangen sind\u201c, sagt Katja Lembke, Direktorin des Nieders\u00e4chsischen Landesmuseums und engagierte Protestantin. Sie war k\u00fcrzlich in Namibia und hat als Arch\u00e4ologin nach den Spuren der ehemaligen Konzentrationslager gesucht. Lembke erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>\u201eDas klingt f\u00fcr uns heute vollkommen schr\u00e4g, dass Missionare sich da f\u00fcr Konzentrationslager stark gemacht haben, aber es ging ihnen darum, erstens das Land wieder zu befrieden und zweitens den Menschen wieder Kraft zu geben.\u201c<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Historisches Schwarzwei\u00dffoto eines Bahnhofs, an dem Gefangene von Soldaten bewacht in offenen Eisenbahnwaggons sitzen.\" alt=\"Historisches Schwarzwei\u00dffoto eines Bahnhofs, an dem Gefangene von Soldaten bewacht in offenen Eisenbahnwaggons sitzen.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/herero-aufstand-1904-gefangenentransport-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Aufstandes werden gefangene Herero mit der Eisenbahn in ein Lager an der K\u00fcste transportiert.\u00a9 ullstein bild via Getty Images \/ ullstein bild Dtl.<\/p>\n<p>Der Missionar Philipp Diehl schrieb 1906 in einem Brief an die Missionszentrale in Deutschland: &#8222;Die Regierung ist \u00fcberhaupt bem\u00fcht, die Leute am Leben zu erhalten, was einen Fortschritt gegen fr\u00fcher bezeichnet, wo man alle aus der Welt schaffen wollte.&#8220; Lembke erg\u00e4nzt: <\/p>\n<p>\u201eInteressant ist, dass diese Konzentrationslager sich h\u00e4ufig an Orten befanden, wo man Arbeitskr\u00e4fte brauchte. Das hei\u00dft, es ist klar, was dahinterstand: Zwangsarbeit n\u00e4mlich, um den Schienenbau, die Eisenbahn, voranzutreiben.\u201c<\/p>\n<p>              Tod durch Hunger, Krankheit und Misshandlung<\/p>\n<p>Allerdings gingen Absicht und Wirklichkeit hier weit auseinander. Denn nachdem die Internierten von den Missionslagern in die staatlichen Konzentrationslager \u00fcbergeben wurden, starben von rund 17.000 Gefangenen 8000 \u2013 an Hunger, an Krankheiten und an den Folgen von Misshandlungen.<\/p>\n<p>Einige Missionare wie zum Beispiel August Kuhlmann verweigerten die Mitarbeit an der Errichtung der Sammellager, wie Kreienbaum erl\u00e4utert:<\/p>\n<p>\u201eWeil er realisierte, dass alle in diese Konzentrationslager kommen, und er sagte: Das ist ein vorprogrammierter Mord, wenn wir die Herero in diese Lager weiterreichen. Deswegen hat er gesagt, er verweigert die Zusammenarbeit und zieht sich zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Ein steinernes Kreuz steht auf einem Steinhaufen auf dem Gel\u00e4nde einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer deutsche Konzentrationslager in Swakopmund.\" alt=\"Ein steinernes Kreuz steht auf einem Steinhaufen auf dem Gel\u00e4nde einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer deutsche Konzentrationslager in Swakopmund.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/namibia-swakopmund-herero-konzentrationslager-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Zeugnisse der deutschen Kolonialzeit in Swakopmund, Namibia: Die Konzentrationslager in Deutsch-S\u00fcdwestafrika wurden nach dem Vorbild der Buren-Lager in S\u00fcdafrika errichtet. Gefangene setzte man zur Zwangsarbeit im Stra\u00dfen-, Wege- und Bahnbau ein.\u00a9 Getty Images \/ Christian Ender<\/p>\n<p>Kuhlmann war aber die Ausnahme, sagt Hans-Martin Milk, der selbst auf einer Missionsstation aufwuchs und noch heute in Namibia lebt. In einem Videogespr\u00e4ch erl\u00e4utert er: <\/p>\n<p>\u201eWas die Missionare trotz des aktiven Protestes von Kuhlmann nicht verhindern konnten, trat ein: Die koloniale Armee hielt sich n\u00e4mlich nicht mehr an die Absprachen, die sie vorher mit der Mission getroffen hatte, holte aus den Sammellagern die schutzlosen Herero &#8211; zum Teil auch mit Gewaltanwendung &#8211; und transportierte die Gefangenen in zentral gelegene milit\u00e4rische Konzentrationslager.\u201c<\/p>\n<p>              Mehr als die H\u00e4lfte der Gefangenen starb<\/p>\n<p>Milk hat sich intensiv mit der Geschichte der Evangelisten und Missionare in Namibia besch\u00e4ftigt und sagt: \u201eWieder einmal wurde die tragische Rolle der Mission im kolonialen Kontext deutlich: Trotz ihrer karitativen Motivation waren sie ein Rad in dem System der Unterdr\u00fcckung und Vernichtung, anstatt das System zu bek\u00e4mpfen und die Vernichtung zu verhindern.\u201c <\/p>\n<p>Das schlimmste Konzentrationslager befand sich auf der Haifischinsel in der L\u00fcderitzbucht. Dort befanden sich vor allem Gefangene der Bev\u00f6lkerungsgruppe der Nama. Von den knapp 2000 Internierten starben 1906 innerhalb weniger Monate 1200 \u2013 unter den Augen von zwei evangelischen Missionaren.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Historische Aufnahme von L\u00fcderitz mit Geb\u00e4uden in K\u00fcstenn\u00e4he und der langgestreckten Haifischinsel im Hintergrund.\" alt=\"Historische Aufnahme von L\u00fcderitz mit Geb\u00e4uden in K\u00fcstenn\u00e4he und der langgestreckten Haifischinsel im Hintergrund.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/namibia-luederitzbucht-haifischinsel-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Die Haifischinsel in der L\u00fcderitzbucht beherbergte das ber\u00fcchtigtste Konzentrationslager in Deutsch-S\u00fcdwestafrika.\u00a9 picture-alliance \/ akg-images \/ akg-images<\/p>\n<p>\u201eDiese beiden Missionare, die Ende 1905 dahin kommen, die arbeiten mit den Kriegsgefangenen und verteilen &#8218;Burenmehl&#8216;, versuchen irgendwie, das Los zu verbessern&#8220;, erkl\u00e4rt Kreienbaum, &#8222;aber wenn wir uns diese Extremsterblichkeit angucken, mit geringem Erfolg.\u201c<\/p>\n<p>Die Arch\u00e4ologin Lembke war w\u00e4hrend ihres Forschungsprojektes auch auf der Haifischinsel. Dabei konnte mit neuen Methoden die r\u00e4umliche Ausdehnung des Konzentrationslagers erforscht werden.<\/p>\n<p>              Das ehemalige KZ ist heute ein Campingplatz<\/p>\n<p>\u00dcberrascht war sie, dass es auf der Insel zwar einen Ehrenhof mit Gedenkplatten f\u00fcr die deutschen Soldaten gibt, die dort an Krankheiten verstorben sind. Und auch ein Ehrenmal f\u00fcr den Nama-F\u00fchrer Cornelius Fredericks. Aber: \u201eEs gibt kein Monument f\u00fcr die Herero und keinen Hinweis, dass das mal ein Konzentrationslager war.\u201c<\/p>\n<p>Besucherinnen und Besucher der Haifischinsel ahnen nicht, dass hier Anfang des 20. Jahrhunderts in einem der ersten deutschen Konzentrationslager mehr als 1000 Nama und Herero ums Leben kamen, sagt Lembke: \u201eDieser Ort, wo das Konzentrationslager war, ist heute ein Campingplatz. So kommen Menschen dahin mit ihrem Campingbus und sind dann geschockt zu h\u00f6ren, dass das mal ein Konzentrationslager war.\u201c<\/p>\n<p>Ein dunkles Kapitel, das nicht nur vor Ort, sondern auch in Deutschland weitgehend unbekannt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"1904 schlug der damalige Gouverneur Lothar von Trotha den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-S\u00fcdwestafrika brutal nieder&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11330,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[69,4852,1378,414,1355],"class_list":{"0":"post-11329","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-namibia","8":"tag-christentum","9":"tag-kolonialgeschichte","10":"tag-missionare","11":"tag-namibia","12":"tag-religion"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116481274809607386","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11329\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}