{"id":12086,"date":"2026-04-29T16:46:33","date_gmt":"2026-04-29T16:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12086\/"},"modified":"2026-04-29T16:46:33","modified_gmt":"2026-04-29T16:46:33","slug":"genozid-gedenken-als-ruandas-witwen-nicht-mehr-schwiegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12086\/","title":{"rendered":"Genozid-Gedenken: Als Ruandas Witwen nicht mehr schwiegen"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">E s gab in Ruanda noch kein Wort f\u00fcr \u201eV\u00f6lkermord\u201c, als im Fr\u00fchjahr 1994 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Schwerpunkt-Voelkermord-in-Ruanda\/!t5013600\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">bis zu eine Million Tutsi systematisch get\u00f6tet<\/a> wurden \u2013 zerhackt, erschlagen, erschossen, totgepr\u00fcgelt, verst\u00fcmmelt, ertr\u00e4nkt, verbrannt, lebendig begraben, zerrissen, erh\u00e4ngt. Es gab auch kein Wort f\u00fcr \u201eTrauma\u201c, als Ruandas Tutsi-Guerilla RPF im Sommer 1994 das Land eroberte und die f\u00fcr den V\u00f6lkermord verantwortliche Armee und Hutu-Milizen nach Kongo verjagte. Gerade rechtzeitig, bevor alle Tutsi tot waren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">In Ruandas traditioneller Kultur spricht man nicht \u00fcber schlimme Erlebnisse, schreibt die V\u00f6lkermord\u00fcberlebende Esther Mujawayo in <a href=\"https:\/\/www.suedwind-magazin.at\/esther-mujawayosoud-belhaddad-ein-leben-mehr\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">ihren Memoiren<\/a>: \u201eWas du f\u00fcr dich in deinem Bauch beh\u00e4ltst, das kann dir niemand nehmen. Aber was wir im Genozid durchlebt und \u00fcberlebt haben, das kann kein Mensch in einem Bauch behalten, sonst w\u00fcrde alles im Bauch explodieren.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Direkt nach dem Genozid sind 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung Ruandas Frauen. Viele von ihnen sind Witwen, viele Tutsi-Frauen haben alles verloren. Ihre Familien sind tot. In ihren alten H\u00e4usern leben M\u00f6rder, unbehelligt. Die Leichen des Mannes und der Kinder und der Tanten und Onkel und Neffen und Nichten und Schwiegereltern und Freunde und Bekannten verwesen alle irgendwo, verscharrt vielleicht direkt unter der Erde, oder in der Latrine im Garten, oder hinter den Bananenstauden am Haus &#8211; wo genau, wissen nur die M\u00f6rder, aber sie verraten es nicht und die neue RPF-Staatsmacht hat andere Sorgen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/wochentaz-testen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wochentaz-kennzeichen-3zu2-klein-1.webp\" alt=\"Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel \u201eEgal war gestern\u201c\" loading=\"lazy\" title=\"Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel \u201eEgal war gestern\u201c\" height=\"161\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>wochentaz<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist \u2013 und wie sie sein k\u00f6nnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und <a href=\"https:\/\/taz.de\/wochentaz-testen\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">nat\u00fcrlich im Abo<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"4\">Esther Mujawayo berichtet, wie sie Tutsi-Witwen in verlassenen Schweinest\u00e4llen vorfand \u2013 Autos von Hilfswerken brausten blind an der Stra\u00dfe vorbei, auf dem Weg in ein Lager f\u00fcr fl\u00fcchtige Hutu. Wie kommt man damit klar, ohne dass \u201ealles im Bauch explodiert\u201c?<\/p>\n<p>      \u201eEs gab nur Weinen\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">\u201eEs gab nur Weinen, Weinen, Dunkel\u201c, erinnert sich im Gespr\u00e4ch Denise Uwimana, selbst V\u00f6lkermordwitwe, die im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcdwesten des Landes ihren Mann und weitere Angeh\u00f6rige verlor und im Versteck ihr drittes Kind zur Welt brachte. \u201eMan wusste nicht, was kommt\u201c. Denn auch nach dem Ende des V\u00f6lkermordes wurden \u00dcberlebende immer wieder von marodierenden T\u00e4tern angegriffen, und die Frauen ohne Angeh\u00f6rige waren schutzlos. Irgendwann begannen die Witwen, sich zu treffen: \u201eIm Dorf, nachts. Denn am Tag hatten wir Angst, dass die M\u00f6rder uns wiederfinden. Wir haben dar\u00fcber gesprochen, wie wir leben: alleine.\u201c<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Was wir im Genozid durchlebt haben, das kann kein Mensch in einem Bauch behalten<\/p>\n<p class=\"typo-fotocredit pt-xsmall\">\n<p>            Esther Mujawayo<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">Auch Esther Mujawayo, die fast ihre gesamte Gro\u00dffamilie verlor, erinnert sich an ihre ersten Witwentreffen. In einem Vortrag schildert sie: \u201eWir sind zusammengekommen und wir haben angefangen zu weinen. Zu erz\u00e4hlen, zu reden. Und langsam haben wir gemerkt: Die Frauen haben \u00fcberlebt, weil sie vergewaltigt wurden. Jeden Tag, f\u00fcr drei Monate.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"8\">Aus den Witwentreffen wurde die Witwenorganisation <a href=\"https:\/\/avega-agahozo.org\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Avega (Association des Veuves du G\u00e9nocide), Verband der Witwen des V\u00f6lkermordes vom April<\/a>. Amahozo, der ruandische Zusatz des Namens, bedeutet: Trockne deine Tr\u00e4nen. Die Organisation wurde am 15. Januar 1995 in Kigali gegr\u00fcndet, Esther Mujawayo wurde Vizepr\u00e4sidentin. Avega machte schnell von sich reden. Am 6. April 1995, zum ersten V\u00f6lkermordjahrestag, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ueber-unsere-Trauer-reden\/!1513609\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">schrieb Mujawayo in der taz,<\/a> ihr Verband habe im M\u00e4rz eine Demonstration organisiert, damit die neue Regierung Verantwortung f\u00fcr die Witwen \u00fcbernimmt. Die Frauen wollten nicht mehr schweigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">\u201eWir m\u00fcssen die Leute begraben, wir m\u00fcssen die Gr\u00e4ber unserer Familien markieren\u201c, berichtete Mujawayo. \u201eMeine Tante wurde auf einer Toilette umgebracht, also haben wir sie \u00fcberdacht und gekennzeichnet.\u201c Und sie beschrieb die Wut der \u00dcberlebenden: \u201eIn meinem Elternhaus ist nichts mehr \u00fcbrig &#8211; nur ein paar Ziegelsteine. Daneben sind zwei H\u00e4user, die den M\u00f6rdern geh\u00f6ren &#8211; wenn ich nun hinginge und die H\u00e4user zerst\u00f6rte, w\u00fcrde man mich verhaften, aber diese Leute haben meine Familie umgebracht und werden nicht bestraft. Die Politiker reden vom Zusammenleben, aber das ist Gerede \u2013 die Wirklichkeit ist viel schwerer.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Mujawayo lie\u00df sich in Gro\u00dfbritannien als Traumatherapeutin schulen und machte mit ihren Freundinnen aus Avega einen gro\u00dfen Verband mit inzwischen Zehntausenden Mitgliedern. Es gibt Selbsthilfeprojekte, Rechts- und Gesundheitsberatung, Unterst\u00fctzung im Alltag, Witwen nehmen Waisen auf.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/8356836\/1200\/Denise-besucht-eine-ueberlebende-Seniorin-im-Seniorenheim-in-Mukoma-.webp\" data-pswp-width=\"1200\" data-pswp-height=\"797\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Denise-besucht-eine-ueberlebende-Seniorin-im-Seniorenheim-in-Mukoma-.webp\" alt=\"Portrait von zwei Menschen\" title=\"Portrait von zwei Menschen\" height=\"441\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Denise Uwimana mit einer Bewohnerin der Seniorenresidenz ihres Witwenverbandes in Mukoma, Ruanda<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nDenise Uwimana<\/p>\n<p>der ansto\u00df<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Wie beginnt Ver\u00e4nderung? In der Kolumne \u201eDer Ansto\u00df\u201c erz\u00e4hlen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angesto\u00dfen hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"11\">\u201eDie Witwen haben sich entwickelt\u201c, bilanziert auch Denise Uwimana, die ihren eigenen christlich orientierten Witwenverband gegr\u00fcndet hat, <a href=\"https:\/\/iriba-shalom-international.org\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Iriba Shalom \u2013 Quelle des Friedens<\/a>. Anders als in den ersten Jahren kann man heute die Toten begraben und beweinen, stellt sie fest und erz\u00e4hlt von ihrer 100-j\u00e4hrigen Schwiegermutter, die in einer von ihrem Witwenverband eingerichteten Seniorenresidenz lebt: Neulich sang dort vor den alten Frauen ein Chor von Kindern der M\u00f6rder. Ein V\u00f6lkermordt\u00e4ter fragte die Witwen, ob sein Sohn bei ihnen seine Hochzeit ausrichten kann. Nach einigem \u00dcberlegen sagten sie: ja. Man m\u00fcsse das B\u00f6se mit Gutem \u00fcberwinden, sagt Denise Uwimana, mit den Nachbarn gut umgehen statt b\u00f6se wie 1994.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"12\">Die Alten sind Heldinnen eines Kulturwandels, der die ruandische Gesellschaft von den R\u00e4ndern aus ergriffen hat. Das Gedenken an den Genozid von 1994 beginnt in Ruanda jedes Jahr am 7. April. Viele der Witwen von damals leben nicht mehr. Aber sie haben das Land ver\u00e4ndert. Ruanda hat den h\u00f6chsten Frauenanteil im Parlament weltweit und gilt als f\u00fchrend bei der Gleichstellung von Frauen \u2013 gleiche Erbrechte seit 1999, gleiche Landrechte seit 2005, F\u00f6rderprogramme f\u00fcr Alleinstehende, um nur ein paar Beispiele zu nennen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"13\">Das w\u00e4re ohne die Witwenverb\u00e4nde nicht denkbar gewesen, ebenso wenig der Umstand, dass viel mehr Frauen heute in Ruanda selbstbewusst und eigenst\u00e4ndig auftreten und auch pr\u00e4gen, wie in der Gesellschaft \u00fcber die dunkle Vergangenheit gesprochen wird. All das liegt auch an Gesichtern wie Esther Mujawayo und Denise Uwimana, die beide heute in Deutschland leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"E s gab in Ruanda noch kein Wort f\u00fcr \u201eV\u00f6lkermord\u201c, als im Fr\u00fchjahr 1994 bis zu eine Million&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12087,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[403,404],"class_list":{"0":"post-12086","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ruanda","8":"tag-ruanda","9":"tag-rwanda"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116489013333574165","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12086"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12086\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12087"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}