{"id":12200,"date":"2026-04-29T21:48:58","date_gmt":"2026-04-29T21:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12200\/"},"modified":"2026-04-29T21:48:58","modified_gmt":"2026-04-29T21:48:58","slug":"das-meer-kann-den-tod-bringen-das-leben-in-libyen-auch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12200\/","title":{"rendered":"Das Meer kann den Tod bringen &#8211; das Leben in Libyen auch"},"content":{"rendered":"<p>Im Juni 2019 trafen wir John zum ersten Mal in einer libyschen Haftanstalt. Damals war er schwer krank und versuchte verzweifelt, das Land in Richtung Europa zu verlassen. Wie viele eritreische Gefl\u00fcchtete floh der heute 38-J\u00e4hrige, um dem verpflichtenden Nationaldienst in seiner Heimat zu entgehen, einen Dienst, den die Vereinten Nationen als \u201csklaverei\u00e4hnlich\u201d bewerten.<\/p>\n<p>Image<\/p>\n<p>                          <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/MSB127091.jpg\" width=\"1000\" height=\"667\" alt=\"Fotografie zweier Personen, die an einem mit Tassen und Geb\u00e4ck gedecktem K\u00fcchentisch sitzen. Es sind nur die H\u00e4nde der beiden Personen sichtbar, die links sitzende gestikuliert und die rechts schreibt mit. Interviewsituation\"\/><\/p>\n<p>John erz\u00e4hlt von seinen fast drei Jahren in Libyen, in denen er nacheinander in vier Haftanstalten inhaftiert war. <\/p>\n<p>                  \u00a9 Nicolas Guyonnet\/MSF<\/p>\n<p>Das erste Mal versuchte ich im Dezember 2017, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren. Der Schmuggler warnte uns: &#8222;Einige von euch werden heute aufbrechen, die anderen morgen.&#8220; Ich blieb an der K\u00fcste zur\u00fcck, als 180 Menschen ein Boot bestiegen. Vor der libyschen K\u00fcste brach es auseinander und die K\u00fcstenwache brachte die Menschen zur\u00fcck. Einige von ihnen riefen uns noch zu: \u201cGeht nicht aufs Meer, es ist zu schlimm!\u201d<\/p>\n<p>Zusammen mit 24 anderen Eritreern sind wir geflohen. Ein paar Tage sp\u00e4ter sank das Boot, das ich nehmen sollte. Achtzig Menschen ertranken. Das passierte kurz nach meiner Ankunft in Libyen.<\/p>\n<p>Ich habe zwei Jahre und f\u00fcnf Monate auf meine Evakuierung gewartet und nichts ist passiert.<\/p>\n<p>Nach meiner Flucht aus Eritrea arbeitete ich im Sudan, um Geld f\u00fcr den Weg durch die Sahara und die \u00dcberfahrt \u00fcber das Mittelmeer zu sparen. Ich erfuhr, wie gef\u00e4hrlich das Meer ist und dass viele Migrant*innen ertrinken. Ich bekam Angst. Zur gleichen Zeit begann UNHCR damit, Asylbewerber*innen wie mich zu registrieren und einige von uns nach Europa und Nordamerika zu bringen. Da die Registrierung vor allem in Internierungslagern erfolgte, beschloss ich, in ein solches in Tripolis zu gehen. Ich wurde im M\u00e4rz 2018 registriert. Ich verbrachte sieben Monate dort. Dann wurden die K\u00e4mpfe in Tripolis wieder aufgenommen und wir wurden in ein anderes Lager verlegt, das isoliert in den Bergen bei Zintan liegt.<\/p>\n<p>Ich wusste es noch nicht, aber ich hatte Tuberkulose.<\/p>\n<p>Viele H\u00e4ftlinge wurden krank. Ich hustete st\u00e4ndig. Der Leiter des Zentrums und \u00c4rzte einer internationalen Organisation w\u00e4hlten etwa 40 H\u00e4ftlinge aus und versprachen uns, dass wir in ein Krankenhaus in Tripolis verlegt w\u00fcrden. Stattdessen wurden wir in ein anderes Internierungslager gebracht und mehrere Monate lang in einen Container gesperrt. Acht von uns starben an Tuberkulose. In dieser Zeit lernte ich die Teams von \u00c4rzte ohne Grenzen kennen. Wir wurden untersucht und in Krankenh\u00e4user verlegt.<\/p>\n<p>Das Lager befand sich an einer Frontlinie zwischen rivalisierenden Gruppen. Es wurde h\u00e4ufig beschossen, und oft drangen Kugeln in das Gel\u00e4nde ein. Eines Tages wurden wir in einen Bus gesetzt und uns wurde gesagt: &#8222;Ihr befindet euch in einem Kriegsgebiet. Wir wissen, dass dieser Ort nicht sicher f\u00fcr euch ist. Ihr werdet zum UNHCR-Sammel- und Ausreisezentrum in Tripolis gefahren&#8220;. Alle waren gl\u00fccklich. Es war bekannt, dass diejenigen, die in diesem Zentrum untergebracht waren, ausgew\u00e4hlt wurden, um von Libyen nach Europa oder Nordamerika evakuiert zu werden. Als wir dann Zawiya erreichten, das 50 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, sagte uns ein*e UNHCR-Mitarbeiter*in, dass es f\u00fcr uns keinen Grund g\u00e4be, zur Sammeleinrichtung zu fahren, von denen die Ausreisen stattfinden. Sie lie\u00dfen uns in Tripolis zur\u00fcck und gaben uns 450 libysche Dinar (etwa 87 Euro). Das ist kaum genug, um zwei Wochen durchzuhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist Tripolis weder frei noch sicher.<\/p>\n<p>Der UNHCR sagte, wir k\u00f6nnten sicher in dieser Stadt leben. Doch im Viertel Gargaresh wimmelt es von Drogens\u00fcchtigen. Es ist sehr schwierig, Arbeit zu finden, man wird mit Pistolen oder Messern bedroht und kann sogar get\u00f6tet werden. Einige von uns kehrten deshalb in ein Internierungslager zur\u00fcck anstatt ihr Leben auf den Stra\u00dfen von Tripolis zu riskieren. Ich wohnte in einem verlassenen Geb\u00e4ude mit 110 anderen Gefl\u00fcchteten. Manchmal waren wir 12 Personen in einem einzigen Zimmer.<\/p>\n<p>Als wir eines Tages zum UNHCR-B\u00fcro gingen, um um Hilfe zu bitten, wurden wir von Milizion\u00e4ren ausgeraubt, die einen Kontrollpunkt in der Stadt besetzten. Einige von uns fanden Arbeit, doch entweder bekamen wir erst gar keinen Lohn daf\u00fcr oder uns wurde unser Geld gestohlen.<\/p>\n<p>Einmal versuchte ein Milizkommandant, mich f\u00fcr seine Truppen zu rekrutieren, um an ihrer Seite zu k\u00e4mpfen. Wir sind aus Eritrea geflohen, aber doch nicht um Soldaten zu werden. Wie h\u00e4tten wir in Libyen Krieg f\u00fchren k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Die Coronavirus-Pandemie war schrecklich f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Wer fr\u00fcher gearbeitet hat, fand nun keine Arbeit mehr. Einige wurden inhaftiert und geschlagen. Die Arbeitgeber*innen hatten Angst, dass Schwarzafrikaner*innen sie mit dem Coronavirus anstecken k\u00f6nnten. Wir waren aufgrund anderer Krankheiten und des Nahrungsmangels ausgezehrt, und wenn die Leute uns auf der Stra\u00dfe sahen, glaubten sie, wir h\u00e4tten Corona. Ich wartete darauf, dass sich der UNHCR bei mir meldete, um mich aus Libyen herauszuholen. Ich habe zwei Jahre und f\u00fcnf Monate gewartet, und nichts ist passiert. Warum sollte ich in Libyen bleiben, wenn das UNHCR mich nicht kontaktiert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Juni 2019 trafen wir John zum ersten Mal in einer libyschen Haftanstalt. Damals war er schwer krank&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12201,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28],"tags":[286,285],"class_list":{"0":"post-12200","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-libyen","8":"tag-libya","9":"tag-libyen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116490204701245080","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12200"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12200\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12201"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}