{"id":12241,"date":"2026-04-30T02:20:25","date_gmt":"2026-04-30T02:20:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12241\/"},"modified":"2026-04-30T02:20:25","modified_gmt":"2026-04-30T02:20:25","slug":"ruanda-vom-kolonialismus-zum-genozid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12241\/","title":{"rendered":"Ruanda: Vom Kolonialismus zum Genozid"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wir sprechen die gleiche Sprache, teilen die gleiche Kultur, das gleiche Land &#8211; was hat uns auseinandergebracht?&#8220; Es ist diese grundlegende Frage, die Samuel Ishimwe, ruandischer Filmemacher und Gewinner eines Silbernen B\u00e4ren der Filmfestspiele\u00a0<a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/berlinale\/t-17281530\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berlinale<\/a>\u00a02018, umtreibt. Wie wurde der Hass in <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ruanda\/t-17548117\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ruanda<\/a>\u00a0ges\u00e4t? Von wem? Ab April 1994 wurden innerhalb von 100 Tagen <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/weiterer-tatverd\u00e4chtiger-des-genozids-in-ruanda-gefasst\/a-65734466\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">rund eine Million Menschen<\/a> brutal ermordet, darunter auch die Eltern und ein Gro\u00dfteil der Familie von Samuel Ishimwe.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68661587\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68661587_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Ein Familienfoto aus den fr\u00fchen 1980ern zeigt Familienmitglieder von Samuel Ishimwe und ihre Nachbarn.\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Von 10 Geschwistern von Samuel Ishimwes Vater \u00fcberlebten nur drei den GenozidBild: Samuel Ishimwe\/DW<\/p>\n<p>Dass er nun ausgerechnet im Auftrag eines deutschen Senders der Frage nach dem &#8222;Warum&#8220; nachgeht, hat f\u00fcr ihn eine besondere Bedeutung. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/gegen-das-vergessen-kunst-erinnert-an-die-kolonialgeschichte\/a-68431848\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland als erste Kolonialmacht<\/a> bereits Ende des 19. Jahrhunderts die einheimische Bev\u00f6lkerung in verschiedene &#8222;Rassen&#8220; einteilte. Wurde hier der Keim f\u00fcr das sp\u00e4tere Morden gelegt? W\u00e4hrend des <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/v\u00f6lkermord\/t-18648893\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">V\u00f6lkermords<\/a>\u00a0t\u00f6teten Hutu-Milizen ihre Nachbarn, weil sie der Propaganda glaubten, dass die Minderheit der Tutsi keine Menschen seien.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68661394\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68661394_${formatId}.jpeg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Bosco Nshimiyimana (Ton), Samuel Ishimwe und Matthias Frickel (Regie), Robert Richter (Kamera), Rom\u00e9o Dallaire (UN-Mission f\u00fcr Ruanda 1993-1994) \" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>DW-Filmteam (stehend): Bosco Nshimiyimana (Ton), Samuel Ishimwe und Matthias Frickel (Regie), Robert Richter (Kamera) &#8211; vorne im Bild: Rom\u00e9o Dallaire (UN Mission f\u00fcr Ruanda 1993-1994) Bild: Matthias Frickel\/DW<\/p>\n<p>Wie Feindbilder entstehen<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert teilten europ\u00e4ische Wissenschaftler die Menschheit in eine Hierarchie verschiedener Rassen ein. Die &#8222;wei\u00dfe Rasse&#8220; galt als die \u00fcberlegene und fortschrittlichste. Die so genannte &#8222;negroide&#8220; oder &#8222;schwarze Rasse&#8220; galt als minderwertig. Der Hamiten-Mythos wurde von den Deutschen nach Ruanda gebracht. Sie sahen in den Tutsi &#8222;Hamiten&#8220;, die aus Nordafrika eingewandert seien und seit Jahrhunderten die angeblich einheimischen Hutu beherrschten. Hamiten, eine &#8222;Rasse&#8220;, die der &#8222;wei\u00dfen Rasse&#8220;\u00a0n\u00e4her stehe. Sie galten daher als h\u00f6her entwickelt als die &#8222;negroide&#8220; Rasse. Dieses Narrativ hielt sich lange Zeit. Und wurde\u00a0f\u00fcr die Tutsi zum Verh\u00e4ngnis.\u00a0<\/p>\n<p>Deutschlands Anteil am Genozid in Ruanda<\/p>\n<p>Die DW-Dokumentation &#8222;Reclaiming History &#8211; Kolonialismus und V\u00f6lkermord in Ruanda&#8220; untersucht die Rolle des deutschen und belgischen Kolonialismus beim V\u00f6lkermord an den Tutsi 1994 in Ruanda. Der ruandische Regisseur Samuel Ishimwe, dessen Eltern w\u00e4hrend des <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/was-genau-bedeutet-eigentlich-v\u00f6lkermord\/a-61491398\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Genozids<\/a>\u00a0ermordet wurden, begibt sich auf die Suche nach den Urspr\u00fcngen des &#8222;Rassenhasses&#8220; zwischen Tutsi und Hutu. Die Ausstrahlung des 86-min\u00fctigen Dokumentarfilms beginnt am 5. April 2024 im weltweiten DW-Linearprogramm sowie auf den YouTube-Kan\u00e4len von DW Documentaries.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68616525\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68616525_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Schwarzwei\u00df-Aufnahmen von schwarzen Menschen\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Kolonialisten behaupteten, Tutsi seinen eine &#8222;fremde Rasse&#8220;Bild: Public Domain\/Deutsche Digitale Bibliothek<\/p>\n<p>DW-Regisseur Matthias Frickel begleitet Ishimwe auf seiner Reise durch Ruanda, Deutschland und Belgien, wo Historikerinnen und Historiker, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihm helfen, seiner Geschichte und der seines Landes auf den Grund zu gehen. So berichtet Rom\u00e9o Dallaire, ehemaliger Chef der UN-Blauhelmtruppe in Ruanda, wie er 1994 mit ansehen musste, wie die westliche Welt das Morden zulie\u00df. Trotz seiner eindringlichen Warnungen.\u00a0<\/p>\n<p>Sch\u00e4del aus Ruanda nach Deutschland verschleppt<\/p>\n<p>In Deutschland trifft Samuel Ishimwe auf eine Gesellschaft, die mit der Erinnerung an den Holocaust \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht hat wie die Ruander mit dem Genozid. Dass deutsche Ethnologen 1907\/1908 in Ruanda <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/kolonialismus-wie-umgehen-mit-menschlichen-\u00fcberresten-in-deutschen-museumsdepots\/a-68475374\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mehr als 900 Sch\u00e4del<\/a>\u00a0f\u00fcr die zu dieser Zeit popul\u00e4re &#8222;Rassenforschung&#8220; stahlen, die bis heute in Berliner Institutionen lagern, wird erst jetzt zum Thema.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68616508\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68616508_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Eine historische Karte zeigt Sch\u00e4del im Profil, die Menschentypen nach ihrer Herkunft einteilen sollte.\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Die Rassenideologie, die zum Genozid f\u00fchrte, stammt bereits aus der Zeit des deutschen Kolonialismus in RuandaBild: Public Domain\/Deutsche Digitale Bibliothek<\/p>\n<p>Andre Ntagwabira, Arch\u00e4ologe, Ethnographisches Museum, Huye: &#8222;Diese menschlichen \u00dcberreste wurden gesammelt, um die Ruander zu klassifizieren und zu beweisen, dass es in Ruanda ethnische Zugeh\u00f6rigkeiten gab. Und die Folge war der V\u00f6lkermord an den Tutsi&#8220;. Hermann Parzinger, Pr\u00e4sident der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz, best\u00e4tigt die deutsche Verantwortung. Heute stelle sich aber die Frage: &#8222;Musste es nach der Einteilung in &#8218;Rassen&#8216;, die die Deutschen nach Ruanda brachten, 100 Jahre sp\u00e4ter zum V\u00f6lkermord kommen?&#8220;<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68616436\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68616436_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Dutzende menschliche Sch\u00e4del liegen auf der Erde\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Sch\u00e4del von Genozid-Opfern im Nyamata Church Genocide MemorialBild: DW<\/p>\n<p>Die Kulturanthropologin Dr. Anna-Maria Brandstetter forscht seit 20 Jahren \u00fcber und in Ruanda. Sie sagt, der Kolonialismus habe den Grundstein gelegt, greife aber als alleinige Erkl\u00e4rung f\u00fcr den V\u00f6lkermord zu kurz: &#8222;Koloniale Gewalt f\u00fchrt nicht automatisch zu postkolonialer Gewalt wie dem V\u00f6lkermord an den Tutsi. Man t\u00f6tet einen Nachbarn nicht, weil man ihn f\u00fcr einen Tutsi oder Hutu h\u00e4lt. Man t\u00f6tet ihn, weil er nicht mehr als Mensch angesehen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Belgier sch\u00fcrten den Hass zwischen Hutu und Tutsi<\/p>\n<p>Wie die Belgier als sp\u00e4tere Kolonialmacht den Hass zwischen Hutu und Tutsi sch\u00fcrten, um ihre Herrschaft zu erhalten, erf\u00e4hrt Ishimwe in Br\u00fcssel und L\u00fcttich. Der ruandische Historiker Dant\u00e8s Singiza, der dort \u00fcber die belgische Kolonialherrschaft forscht, zeigt ihm Dokumente, die die rassistische Politik der Belgier in Ruanda belegen. 1932 f\u00fchrte Belgien einen Personalausweis ein, der eine &#8222;Rassentrennung&#8220; zementierte, die es laut Historikern vorher nicht gegeben hatte. Von nun an war man dauerhaft Tutsi, Hutu oder Twa. Aus durchl\u00e4ssigen sozialen Kategorien wurden in der Kolonialzeit feste ethnische Kategorien. Samuel Ishimwe: &#8222;Es hat mich schockiert, dass das alles kein unschuldiger Fehler der Kolonialm\u00e4chte war. Es gab eine systematische Absicht, diese Ideologie zu verbreiten und die Menschen zu spalten. Sie haben hart daran gearbeitet, bis die Ruander glaubten, sie seien wirklich anders.&#8220;<\/p>\n<p>Wie kann man mit diesem schwierigen Erbe umgehen? Die Traumatherapeutin Esther Mujawayo-Keiner gibt Ishimwe einen Hinweis: &#8222;Wir m\u00fcssen dar\u00fcber reden, wir d\u00fcrfen dem Thema nicht ausweichen. Aber wie soll man dar\u00fcber reden? Schweigen ist gef\u00e4hrlich. Aber auch Reden kann gef\u00e4hrlich sein. Es kommt darauf an, wie man redet.&#8220; Sie hat den V\u00f6lkermord an den Tutsi \u00fcberlebt und arbeitet seit 20 Jahren in Deutschland.<\/p>\n<p>Gibt es eine Zukunft der Erinnerung in Ruanda?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Ruanda trifft Ishimwe verurteilte V\u00f6lkerm\u00f6rder und ihre Opfer, die heute in einem Vers\u00f6hnungsdorf zusammenleben: &#8222;Ich wei\u00df, dass wir Ruander eine gro\u00dfe Verantwortung daf\u00fcr tragen, dass wir uns gegenseitig hassen und dass es zum V\u00f6lkermord gekommen ist. Wir Ruander haben den Genozid begangen. Niemand sonst hat es getan. Aber der Hass und die Ideologie dahinter sind Ideen, die vor allem w\u00e4hrend der belgischen Kolonialzeit gewachsen und kultiviert worden sind.&#8220; Ishimwe fragt sich, wie die Zukunft der Erinnerung aussehen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Wir sprechen die gleiche Sprache, teilen die gleiche Kultur, das gleiche Land &#8211; was hat uns auseinandergebracht?&#8220; Es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12242,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[403,404],"class_list":{"0":"post-12241","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ruanda","8":"tag-ruanda","9":"tag-rwanda"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116491270401177229","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12241\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}